Kalenderblatt

19.02.2020 – Sechs Jahre nach Hanau: Zwischen behördlichem Versagen und menschlicher Zivilcourage

Wenn ich heute Morgen auf mein Kalenderblatt schaue und das Datum des 19. Februars lese, legt sich eine schwere Traurigkeit über meine Gedanken. Es ist nun sechs Jahre her, dass in Hanau neun junge Menschen aus unserer Mitte gerissen wurden, und doch fühlt sich der Schmerz so unmittelbar an, als wäre die Nacht von 2020 erst gestern gewesen. Ich halte inne und spreche ihre Namen leise aus, denn sie sind mehr als nur eine Erinnerung; sie sind ein Teil unserer gemeinsamen Geschichte, die an diesem Abend so grausam erschüttert wurde. Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov – ihre Namen zu nennen, ist für mich ein Akt des Widerstands gegen das Vergessen und ein Versprechen, dass wir ihr Gedenken nicht erlöschen lassen. Hanau war kein plötzliches Gewitter, das aus heiterem Himmel über uns hereinbrach, sondern die mörderische Entladung eines Hasses, der schon lange zuvor in dunklen Ecken und digitalen Echokammern genährt wurde.

Eine Nacht im Schatten des Wahns und der Versäumnisse

Es war ein gewöhnlicher Mittwochabend kurz vor 22 Uhr, als der Terror in die Hanauer Innenstadt einbrach. Zuerst am Heumarkt, in der „Midnight Bar“ und vor dem Lokal „La Votre“, später am Kurt-Schumacher-Platz in Kesselstadt, in einer Bar und einem Kiosk. Innerhalb von nur zwölf Minuten feuerte der 43-jährige Tobias R. 52 Schüsse ab. Die Ermittlungen der Polizei ergaben später ein Bild eines Täters, der seine Tatorte gezielt ausgespäht hatte. Doch während er mordete, geschah etwas, das bis heute tiefe Wunden im Vertrauen der Angehörigen hinterlassen hat. Vili Viorel Păun, eines der Opfer, zeigte unglaubliche Zivilcourage und verfolgte den Täter in seinem Auto, während er verzweifelt versuchte, die Polizei zu erreichen. Doch der Notruf 110 war in dieser Nacht überlastet und technisch veraltet; Vili kam nicht durch und wurde schließlich selbst erschossen. Spätere Untersuchungen deckten auf, dass die Notrufzentrale jahrelang vernachlässigt worden war. Auch die Frage nach dem verschlossenen Notausgang in der „Arena Bar“, der den Opfern möglicherweise das Leben hätte retten können, bleibt ein schmerzhafter Punkt der Aufarbeitung, der das Gefühl eines Behördenversagens bei vielen Betroffenen zementiert hat.

Der Täter und die Wurzeln des giftigen Hasses

Wer war dieser Mensch, der so viel Leid über so viele Familien brachte? Tobias R. war ein Mann, der nach außen hin ein unauffälliges Leben als Bankbetriebswirt führte, während er sich tief in seinem Inneren in einem Labyrinth aus Paranoia und hasserfüllten Verschwörungstheorien verlor. In seinem 24-seitigen Manifest und in Videobotschaften, die er kurz vor der Tat veröffentlichte, zeigte sich ein Weltbild, das von tiefem Rassismus und einer wahnhaften Angst vor einer „geheimen Weltregierung“ geprägt war. Auch wenn er seine Opfer nach rassistischen und antimuslimischen Kriterien auswählte, bildete der Antisemitismus den ideologischen Kern seines Wahns. Er glaubte an unsichtbare Eliten und „Deep State“-Mythen – jene alten, giftigen Erzählungen, die seit Jahrhunderten dazu dienen, Sündenböcke zu erschaffen und Gewalt zu legitimieren. Dass er seine Tatwaffe legal als Sportschütze besaß, obwohl er bereits zuvor durch wirre Briefe an Behörden hätte auffallen können, ist ein weiterer Aspekt, der uns heute noch mahnen muss. Die Öffentlichkeit reagierte auf diese Tat mit einer Welle der Solidarität unter dem Slogan „Say Their Names“, doch für die Hinterbliebenen blieb der Kampf um Antworten und gegen das Schweigen der Behörden ein mühsamer Weg. Hanau hat uns gezeigt, dass wir nicht nur den Täter betrachten dürfen, sondern auch das Umfeld und die Strukturen, die solche Taten ermöglichen oder nicht verhindern.

Was empfindest Du, wenn Du heute an Hanau denkst, und wie nimmst Du die Verantwortung der Gesellschaft und der Behörden bei der Vorbeugung solcher Taten wahr? Ich würde mich sehr freuen, wenn Du Deine Gedanken dazu in den Kommentaren mit mir teilst.

Euer Schimon

Bild: Symbolbild


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Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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