Kalenderblatt

22.02.1939 – Wie der NS-Staat jüdischen Familien ihr letztes Silber raubte

Am 22. Februar 1939 trat im nationalsozialistischen Deutschland die „Dritte Anordnung auf Grund der Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden“ in Kraft. Dieser Verwaltungsakt markierte den Beginn einer großflächigen, staatlich organisierten Beraubung der jüdischen Bevölkerung. Innerhalb einer Frist von nur zwei Wochen wurden alle jüdischen Bürger dazu verpflichtet, ihren privaten Besitz an Edelmetallen und Edelsteinen bei den staatlichen Leihämtern abzuliefern. Es war ein entscheidender Schritt der wirtschaftlichen Vernichtung vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

Die Bürokratie der Plünderung

Die Verordnung zwang jüdische Haushalte dazu, sämtliche Gegenstände aus Gold, Silber und Platin sowie Edelsteine und Perlen abzugeben. Was über Generationen in Familienbesitz war – Familienerbstücke, silberne Becher oder kostbare Schmuckstücke – wurde nun zu bloßem Materialwert degradiert. Die bürokratische Präzision, mit der das NS-Regime hierbei vorging, war beispiellos. Den Betroffenen wurde lediglich ein minimaler Restbestand zugestanden: Ein Ehering pro Person, eine silberne Taschenuhr sowie pro Familienmitglied genau zwei Messer, zwei Gabeln und zwei Löffel.

Alles andere wurde eingezogen. Die staatlich festgesetzte Entschädigung orientierte sich lediglich am reinen Schmelzwert und lag damit weit unter dem tatsächlichen Wert der Objekte. Zudem wurde dieser Betrag in der Regel nicht ausgezahlt, sondern auf gesperrte Konten überwiesen. Damit war die Aktion eine Enteignung unter dem Deckmantel der Legalität, die darauf abzielte, die jüdische Minderheit ihrer letzten liquiden Mittel zu berauben.

Vom Familienerbe zum Devisenschatz

Hinter dieser Maßnahme steckte ein kühles wirtschaftliches Kalkül. Das Deutsche Reich benötigte für die massive Aufrüstung dringend Devisen und Rohstoffe. Das geraubte Gold und Silber wurde in großem Stil eingeschmolzen, um als internationales Zahlungsmittel für kriegswichtige Importe zu dienen. Schätzungen gehen davon aus, dass durch diese sogenannte „Silberaktion“ allein etwa 135 Tonnen Silber und über eine Tonne Gold in den Staatsbesitz übergingen. Es war der materielle Verrat an einer Bevölkerungsgruppe, die bis dahin ein fester Teil der deutschen Gesellschaft gewesen war.

Doch über den materiellen Aspekt hinaus hatte der 22. Februar 1939 eine tiefere, zerstörerische Wirkung. Indem man den Menschen ihren Besitz nahm, entzog man ihnen nicht nur die finanzielle Grundlage für eine mögliche Flucht, sondern auch einen Teil ihrer Identität. Dieser Tag war der letzte Schritt der systematischen Ausplünderung, bevor die physische Deportation und Vernichtung begannen. Wenn ich heute in Museen vor silbernen Judaica stehe, bleibt die Frage nach der Herkunft zentral. Die Provenienzforschung arbeitet bis heute daran, diese geraubten Stücke zu identifizieren und den Erben der Opfer Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Was denkst du über diesen Teil unserer Geschichte? Kanntest du die Details der „Silberaktion“ bereits, oder hast du vielleicht in deiner eigenen Familiengeschichte oder in lokalen Museen Berührungspunkte mit der Aufarbeitung solcher Raubgüter? Ich freue mich auf deinen Kommentar.

Euer Schimon

Bild: Symbolbild, entspricht keinem Original, KI-Generiert


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Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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