Kalenderblatt

24.12.1932 – Zwischen Winterhilfe, Straßengewalt und dem Traum von F.P.1

Wenn Du heute aus dem Fenster blickst, siehst Du vielleicht einen grauen Himmel, doch an jenem vierundzwanzigsten Dezember des Jahres zweiunddreißig fühlte sich dieses Grau für die Menschen in Deutschland wie eine bleierne Last an. In Norddeutschland setzte ein ungemütliches Tauwetter ein, das kalten Regen über die Straßen Berlins peitschte, während der Süden des Landes in einem trüben Nebel versank, der die weihnachtliche Vorfreude fast zu ersticken drohte. Es war ein Tag der extremen Kontraste, an dem die Hoffnung auf den Weihnachtsfrieden gegen eine bittere soziale Realität ankämpfen musste. In den Zeitungen liest man von sieben Millionen Menschen, die in diesem Jahr auf die Unterstützung der Winterhilfe angewiesen sind, eine fast unvorstellbare Zahl, wenn man bedenkt, dass es im Vorjahr noch viereinhalb Millionen waren. Die Reichskanzlei unter von Schleicher versuchte verzweifelt, mit Millionenbeträgen für Fleisch- und Kohleverbilligungen der schlimmsten Not Herr zu werden, doch die Schlangen vor den Ausgabestellen sprachen eine deutlichere Sprache als jeder amtliche Bericht. Pfarrer Walter Bilm beschrieb die Lage in seinem Leitartikel fast prophetisch als eine belagerte Festung, in der die Deutschen der Verzweiflung entgegentreiben, wenn sie nicht den starken Strom der Liebe spüren. Inmitten dieser bedrückenden Atmosphäre versuchten die Menschen, sich an das Wenige zu klammern, was ihnen geblieben war, und so erklangen in der Philharmonie die vertrauten Töne von Bachs Weihnachtsoratorium, während zwei strahlende Christbäume zumindest für ein paar Stunden den lichterglanz in die Herzen derer brachten, die sich die Karten noch leisten konnten.

Ein Weihnachtsfriede unter dem Schatten der Justiz

Während in den Wohnzimmern die Kerzen entzündet wurden, zog die Justiz einen Schlussstrich unter eines der blutigsten Kapitel des politischen Straßenkampfes jener Zeit. Der berüchtigte Felsened-Prozess, der die Gemüter über Monate erhitzt hatte, endete pünktlich zum Fest mit einem Urteil, das mehr über den Zustand der Republik aussagte als über die eigentliche Tat. Es ging um gewaltsame Zusammenstöße zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten, bei denen Menschen ihr Leben ließen, doch das Gericht wandte das neue Amnestiegesetz an. Bis auf zwei Angeklagte, die wegen Diebstahls verurteilt wurden, stellte man die Verfahren gegen siebzehn Kommunisten und sechs Nationalsozialisten ein, was in der damaligen Presse fast wie eine notwendige Befriedung inszeniert wurde. Doch dieser Friede war brüchig, denn hinter den Kulissen der Macht in der Wilhelmstraße wurde bereits weiter taktiert. Reichskanzler von Schleicher erstattete dem Reichspräsidenten von Hindenburg Bericht über die geplanten Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung, wohl wissend, dass sein politisches Überleben davon abhängt, ob er das Volk in Lohn und Brot bringen kann. Die politische Welt blickte zudem besorgt über den Ozean, wo sich der scheidende Präsident Hoover und sein Nachfolger Roosevelt einen scharfen Schlagabtausch über die internationalen Schuldenfragen lieferten, was die globale Unsicherheit nur noch weiter befeuerte. Es war eine Zeit des Wartens und des Stillstands, in der man erst für den März mit wirklichen Entscheidungen aus Washington rechnete.

Der Traum von der Technik und ein Wunder aus Spanien

Um der harten Realität wenigstens für kurze Zeit zu entkommen, flüchteten sich viele Berliner in die dunklen Säle der Kinos, wo Hans Albers im Ufa-Palast am Zoo als Flieger Ellissen im neuen Großfilm F.P.1 antwortet nicht die Massen begeisterte. Es war die Vision einer schwimmenden Flugplattform im Ozean, ein technisches Märchen, das den Menschen eine neue Romantik und den Glauben an einen kühnen Aufbruch schenkte. Albers verkörperte dabei den Typus des Mannes, der Taten vor Worte stellt, was in einer Zeit der politischen Laberrunden einen tiefen Nerv traf. Sogar der Kronprinz und die Kronprinzessin wohnten der Premiere bei und unterstrichen damit den Glanz, den sich die alte Elite mühsam zu bewahren suchte. Inmitten all dieser großen Weltpolitik gab es aber auch die kleinen, fast skurrilen Geschichten, die zum Schmunzeln anregten und für einen Moment die Sorgen vergessen ließen. Aus Madrid wurde berichtet, dass bei der großen Weihnachtslotterie ein ganzes Gerichtshof-Kollegium in Huesca den Haupttreffer von fünfzehn Millionen Pesetas gewonnen hatte. Vom Vorsitzenden bis zum Gerichtsdiener lagen sich die Herren der Justiz in den Armen und tanzten vor Freude, was dazu führte, dass die laufende Sitzung kurzerhand aufgehoben werden musste, um diesen Segen gebührend zu feiern. Es sind diese Momente der Menschlichkeit, die uns heute zeigen, dass auch in den dunkelsten Zeiten der Hoffnungsschimmer nie ganz erlosch. Wie hast Du dieses Jahr Dein Weihnachtsfest erlebt und gibt es in Deiner Familie auch Geschichten über kleine Wunder, die in schwierigen Zeiten für Licht gesorgt haben?

Euer Schimon

Bild: Das Bild zeigt die Weihnachtsfeier des Stahlhelm-Gaus III in der ursprünglichen, neoromanischen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Das Bild ist eine Rekonstruktion nach Originalbildern mithilfe von KI.


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Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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