Kalenderblatt

30.12.1932 – Zwischen Silvestervorfreude und dem heroischen Gift der Ablenkung

Wenn ich heute, im Jahr 2025, durch die digitalisierten Zeitungsarchive von Ende Dezember 1932 blättere, weht mir ein seltsames Gemisch aus Alltäglichkeit und schleichendem Verfall entgegen. Es ist dieser 30. Dezember, ein Tag, an dem die Menschen in Berlin, Breslau oder Senftenberg eigentlich damit beschäftigt sein sollten, den Karpfen für das Silvesteressen vorzubereiten oder sich auf die großen Bälle im Haus Vaterland zu freuen. Die Anzeigen in der Vossischen Zeitung locken mit Pfannkuchen und der Aussicht auf eine glanzvolle Nacht, während in den Kinos Hans Albers im Ufa-Blockbuster „F.P.1 antwortet nicht“ seinen Fliegersong schmettert. Es ist eine Welt, die verzweifelt versucht, so zu tun, als sei alles in Ordnung. Doch unter dieser dünnen Firniss aus Normalität brodelt es gewaltig. Die wirtschaftliche Not ist mit Händen greifbar, wenn man zwischen den Zeilen der Inventur-Verkäufe liest, wie verzweifelt die Menschen um ihre Kaufkraft kämpfen. Sogar die Butter wird zum Politikum: Eine neue Verordnung zwingt dazu, Margarine mit Butter zu strecken, was vor allem die Ärmsten trifft und einen Sturm der Entrüstung bei den Hausfrauenvereinen auslöst. Während die Menschen also über den Preis für das Pfund Karpfen diskutieren, wird das Fundament ihrer Demokratie bereits systematisch untergraben. In Sachsen flüchtet ein nationalsozialistischer Abgeordneter nach einem grausamen Fememord, und die NSDAP reagiert mit einer Täter-Opfer-Umkehr, die mir beim Lesen den Atem stocken lässt. Sie bezeichnen die erdrückenden Beweise gegen ihre eigenen Leute als jüdisch-marxistische Hetzkampagne und zeigen damit eine rhetorische Skrupellosigkeit, die das Gift der Ausgrenzung tief in das Bewusstsein der Gesellschaft sickern lässt.

Von alten Helden und der Sehnsucht nach eiserner Faust

Besonders fasziniert und gleichzeitig erschreckt hat mich bei meiner Recherche die Art und Weise, wie die Presse an diesem Jahreswechsel den Militarismus zelebriert. Auf der Titelseite der Zeitung „Der Tag“ begegnet mir am 31. Dezember 1932 ein riesiges Foto von Generaloberst von Kluck im Gespräch mit Kaiser Wilhelm II. Es ist sein 80. Geburtstag, und die Berichterstattung nutzt dieses Jubiläum für eine gefährliche nostalgische Verklärung. Man spricht von der vornehmen Haltung, von der stillen Pflichterfüllung und dem unaufhaltsamen Marsch auf Paris im Jahr 1914. Es ist eine Sprache, die keine Fakten vermitteln will, sondern ein Gefühl der Stärke heraufbeschwört, das in der chaotischen Gegenwart der Weimarer Republik so schmerzlich vermisst wird. Die Niederlage an der Marne wird einfach weggeschwiegen, stattdessen leuchten die Siegestage der Vergangenheit. Das ist kein Zufall, sondern gezielte psychologische Kriegsführung im Inneren. Direkt neben der Huldigung an den General prangen aggressive Schlagzeilen über Polen, das angeblich Verträge verhöhnt. Die Botschaft an die Leser im Jahr 1932 ist so subtil wie wirkungsvoll: Seht her, früher waren wir wer, früher waren wir stark und vornehm, heute lassen wir uns vom Ausland demütigen und von politischen Skandalen zerreißen. Man flüchtet sich in die Heldenverehrung, um die eigene Ohnmacht nicht spüren zu müssen. Diese Sehnsucht nach dem preußischen Ideal des gehorsamen Soldaten wird als moralisches Heilmittel für ein krankes Land verkauft. Inmitten dieser kriegerischen Rhetorik wirkt die Meldung über das Ende des Chanukkah-Festes in den Berliner Synagogen wie ein letztes, zerbrechliches Echo einer Vielfalt, die schon bald der Gleichschaltung zum Opfer fallen sollte. Es zerreißt mir fast das Herz zu sehen, wie diese lebendige Kultur direkt neben der heraufziehenden braunen Mordpest abgedruckt steht, ohne dass die Zeitgenossen die tödliche Gefahr in ihrer ganzen Tragweite erkannten.

Wenn sich Geschichte im Spiegel der Macht wiederholt

Wenn ich diese Berichte aus der Endphase der Republik lese, muss ich unweigerlich an unsere heutige Zeit denken. Es ist ein Muster, das sich durch die Jahrhunderte zieht: Sobald eine politische Führung oder eine mächtige Gruppe im Inneren unter Druck gerät, wird der Blick des Volkes auf äußere Feinde oder heroische Großprojekte gelenkt. Damals war es die Verklärung des Weltkriegs und die Agitation gegen Polen, um von den internen Morden und dem wirtschaftlichen Versagen abzulenken. Heute sehe ich ähnliche Mechanismen, wenn etwa ein Donald Trump von den Schatten der Epstein-Akten oder rechtlichen Problemen bedrängt wird und plötzlich die Annexion von Grönland oder eine massive Aufrüstung der Flotte thematisiert wird. Es ist die alte Kunst der Ablenkung, die darauf setzt, dass nationale Größe oder ferne Bedrohungen die hässlichen Wahrheiten im eigenen Haus überstrahlen. Damals wie heute werden komplexe Probleme durch einfache, meist aggressive Narrative ersetzt. Wir müssen uns fragen, ob wir aus den Fehlern von 1932 gelernt haben. Die Menschen damals hofften auf ein besseres Jahr 1933, sie sahen die Talsohle der Wirtschaftskrise durchschritten und ahnten nicht, dass sie ihre Freiheit für ein falsches Versprechen von Ordnung eintauschen würden. Wir im Jahr 2025 haben den Vorteil des Rückblicks, aber das bedeutet auch, dass wir die Verantwortung tragen, genauer hinzusehen. Wir müssen die demokratischen Rechte, die damals per Notverordnung und Propaganda ausgehöhlt wurden, mit aller Kraft verteidigen. Desinformation und die Flucht in nostalgische Stärke sind keine Lösungen, sondern Warnsignale. Ich möchte Dich heute fragen: Siehst Du diese Parallelen auch in Deinem Alltag? Wo begegnet Dir diese Art der Ablenkung von den eigentlichen Problemen, und wie können wir gemeinsam dafür sorgen, dass wir nicht wieder auf die gleichen Mechanismen hereinfallen? Ich freue mich sehr darauf, Deine Gedanken dazu unten in den Kommentaren zu lesen und mit Dir ins Gespräch zu kommen.

Euer Schimon


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Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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