31.12.1932 – Adolf Hitler, der gefährliche Okkultismus und die Rolle des Hellsehers Hanussen
Es ist der letzte Tag eines Schicksalsjahres, und wenn ich mir vorstelle, wie die Menschen in Berlin an diesem Silvesterabend 1932 gefeiert haben, überkommt mich ein beklemmendes Gefühl. Während der Sekt floss und man sich ein frohes neues Jahr wünschte, ahnte kaum jemand, dass die Welt, wie sie sie kannten, nur noch vier Wochen existieren würde. In den Redaktionen der großen Zeitungen, wie der Berliner Volks-Zeitung, herrschte eine fast schon übermütige Stimmung gegenüber den Nationalsozialisten. Man lachte über Adolf Hitler. Er galt als politisch erledigt, seine Partei war nach den Verlusten der letzten Wahlen finanziell ruiniert und innerlich zerstritten. Doch was mich heute so tief bewegt, ist die Tatsache, dass hinter den Kulissen dieses scheinbaren Scheiterns eine der bizarrsten Allianzen der Geschichte geschmiedet wurde. Inmitten dieser Krise klammerte sich der fanatische Antisemit Hitler an einen Mann, der für alles stand, was die NSDAP offiziell verachtete: den jüdischen Hellseher Erik Jan Hanussen.
Ein Silvesterabend am Abgrund der Geschichte
Wenn ich heute in den Archiven die „Glosse vom Tage“ lese, die nur eine Woche zuvor erschien, sehe ich das Bild eines Mannes, den die Öffentlichkeit als pure Witzfigur wahrnahm. Die Presse verspottete Hitler als abergläubischen Sektierer, der sich von „Sternendeutern“ die Zukunft vorhersagen ließ. Besonders Hanussen, der eigentlich Herschel Chaim Steinschneider hieß und aus einer Wiener jüdischen Familie stammte, war das perfekte Ziel für diesen Hohn. Die Journalisten amüsierten sich köstlich darüber, dass Hanussen gerade vor Gericht stand und seine Prophezeiungen für 1932 – nämlich Hitlers Machtübernahme als „deutscher Mussolini“ – krachend gescheitert waren. Es ist eine schmerzhafte Erkenntnis, wie sehr die Zeitgenossen die Gefahr unterschätzten, nur weil sie sich in das Gewand des Okkulten und Lächerlichen hüllte. Während das Jahr 1932 zu Ende ging, war Hitler in den Augen der Berliner Intellektuellen nichts weiter als ein gescheiterter Demagoge mit einem falschen Propheten an seiner Seite. Doch sie sahen nicht, dass Hanussen weit mehr war als nur ein Jahrmarkts-Zauberer; er war in jenen dunklen Tagen der finanzielle und psychologische Rettungsanker für die braune Spitze.
Der jüdische Lehrmeister hinter der Maske des Diktators
Was ich besonders erschütternd finde, ist die Tiefe der Zusammenarbeit zwischen diesen beiden Männern, die gegensätzlicher nicht hätten sein können. Hanussen war nicht nur ein „Hausprophet“, er war Hitlers persönlicher Coach für Rhetorik und Inszenierung. Er brachte ihm bei, wie man einen Raum kontrolliert, wie man die Hände bewegt und wie man diese langen, fast hypnotischen Pausen in Reden einbaut, die später so viele Menschen in den Bann ziehen sollten. Es ist eine bittere Wahrheit, dass die berühmte Bühnenpräsenz des „Führers“ maßgeblich auf den Techniken eines jüdischen Illusionisten basierte. Hanussen nutzte seinen „Palast des Okkulten“ und seine eigene Boulevardzeitung, um die Aura des Schicksalhaften um Hitler zu weben, während er gleichzeitig die ausschweifenden Partys der SA-Elite finanzierte. Er kaufte sich die Freundschaft von Männern wie Graf Helldorff oder Karl Ernst mit enormen Summen und hielt Schuldscheine von Göring und Röhm in den Händen. An diesem Silvesterabend 1932 war Hanussen vielleicht der einzige, der noch fest an Hitlers Sieg glaubte – oder zumindest alles daran setzte, diesen Sieg mit seinen Mitteln der Manipulation herbeizuführen.
Das gefährliche Erbe und der blutige Verrat
Der Übergang in das Jahr 1933 markiert für mich den Moment, in dem aus der bizarren Farce tödlicher Ernst wurde. Hanussen wusste zu viel. Er war nicht nur der Lehrer, sondern auch der Mitwisser der dunkelsten Machenschaften. Als er im Februar 1933 in einer Séance den Reichstagsbrand vorhersagte, war das vermutlich kein Blick in die Sterne, sondern das Ergebnis seiner engen Kontakte zur SA-Führung, die ihn als nützliches Werkzeug für ihre Propaganda missbrauchten. Doch die Macht, die er mit erschaffen hatte, duldete keine Zeugen ihrer eigenen Schwäche und Manipulation. Nur wenige Wochen nach der Machtergreifung wurde Hanussen fallen gelassen. Der Mann, der Hitler den Weg geebnet hatte, wurde von der SA verhaftet und mit zwölf Schüssen in einem Wald bei Berlin hingerichtet. Seine Leiche wurde wie Abfall liegen gelassen, und seine Schuldscheine verschwanden spurlos. Es zeigt die absolute Kälte und Skrupellosigkeit des Regimes, das jeden Helfer vernichtete, sobald er seine Schuldigkeit getan hatte oder zur Belastung wurde. Mich lässt der Gedanke nicht los, wie die Geschichte verlaufen wäre, wenn Hitler diesen „Trainer“ der Massenmanipulation in der Krise von 1932 nicht an seiner Seite gehabt hätte. Glaubst Du, dass ein Mensch allein durch handwerkliches Training in Manipulation eine ganze Nation ins Verderben stürzen kann, oder war die Gesellschaft damals ohnehin schon so weit ausgehöhlt, dass jeder Funke genügt hätte? Schreibt mir Eure Gedanken dazu gerne in die Kommentare, denn für mich ist diese Verbindung eine der wichtigsten Lehren über die Macht der Inszenierung.
Euer Schimon
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