Kalenderblatt

03.01.1933 – Die SA-Meuterei in Kassel, das perfide System der „weggelogenen Morde“ und das soziale Elend Berlins

Wenn ich heute die Zeilen der Berliner Morgen-Zeitung vom 3. Januar 1933 lese, überkommt mich ein beklemmendes Gefühl der Aktualität, das weit über die bloße historische Dokumentation hinausgeht. Besonders der Leitartikel auf Seite zwei, der sich mit den „weggelogenen Morden“ befasst, hat mich tief bewegt und zum Nachdenken gebracht. Die Zeitung entlarvt dort mit messerscharfer Präzision das „schlechte Nazi-Gewissen“ und die Strategie eines Joseph Goebbels, der bereits damals ein wahrer Meister der Propaganda war. Es ist erschütternd zu sehen, wie die NSDAP versuchte, den Mord an dem Arbeiter Müller im schlesischen Neurode einfach umzudeuten. Weil sie die Tat nicht leugnen konnten, erfanden sie die Geschichte, dass die „Marxisten“ ihre eigenen Leute umgebracht hätten. Die Zeitung zitiert dazu treffend, dass die Goebbels-Redaktion im „Angriff“ nun Gift und Galle gegen das „rote Untermenschentum“ speit, um von der eigenen Schuld abzulenken.

Das erinnert mich so schmerzhaft an das, was wir auch heute immer wieder erleben müssen. Wir sehen, wie moderne Autokraten und Organisationen ganz ähnliche, oft plumpe Lügen in den Raum stellen, die jedoch ihre Wirkung nicht verfehlen, weil sie direkt auf unsere Emotionen zielen. Wenn Putin heute behauptet, die Ukraine habe seine Villa angegriffen, oder wenn die Hamas in den sozialen Netzwerken die absurde Propaganda streut, in Gaza gäbe es ein Schneetreiben und die Menschen würden erfrieren, dann geht es nicht um Fakten. Es geht darum, Bilder zu erzeugen, die sich tief in unser Unterbewusstsein eingraben und dort hängen bleiben, selbst wenn sie längst als Lüge entlarvt wurden. Goebbels wusste genau, dass man eine Lüge nur oft genug und laut genug wiederholen muss, bis sie zur gefühlten Wahrheit wird. Die Berliner Morgen-Zeitung nannte die NSDAP damals einen „Schutzverein für Mörder“ und verwies auf den Mord von Potempa, wo Hitler sogar per Telegramm die Täter deckte. Diese Strategie der Verdrehung von Täter und Opfer ist ein Gift, das die Gesellschaft von innen zersetzt, und ich frage mich oft, wie wir uns heute gegen diese emotionale Manipulation schützen können, die damals wie heute die Meinung der Massen formt.

Wenn die eigene Partei zerfällt und die Welt in Flammen steht

Während die Propagandamaschine in Berlin auf Hochtouren lief, brodelte es hinter den Kulissen der NSDAP gewaltig, was uns zeigt, wie fragil dieses Machtgebilde Anfang 1933 eigentlich noch war. Die Zeitung berichtet auf der Titelseite groß über eine „Schwere Krise bei der Kasseler Hitler-Organisation“, die sogenannte Stegmann-Revolte. In Hessen-Nassau-Nord meuterten ganze SA-Verbände gegen die Münchener Parteiführung, und die Zeitung spricht spöttisch von den „vergeblichen Lügen der Nazi-Führung“, die krampfhaft versucht habe, diesen internen Zerfall zu vertuschen. Es ist ein faszinierendes Dokument eines Augenblicks, in dem die Demokraten noch die Hoffnung hatten, dass sich die Nationalsozialisten durch ihre eigene kriminelle Energie und ihre inneren Machtkämpfe selbst zerstören würden. Doch die Gewalt war längst aus den Versammlungssälen auf die Straße übergeschwappt. Die Berliner Polizei setzte zu diesem Zeitpunkt bereits 1500 Mark Belohnung für Hinweise zu den politischen Morden der Silvesternacht aus – eine Summe, die in Zeiten des tiefsten Elends ein Vermögen darstellte.

Gleichzeitig weitet sich der Blick in dieser Ausgabe auf die weltpolitische Lage, die ebenso düster aussah wie die Situation im Deutschen Reich. Unter der Schlagzeile „Japan räubert weiter“ wird vom brutalen Angriffskrieg in Fernost berichtet. Japanische Flugzeuge bombardierten die chinesische Stadt Shanhaikwan, wobei über 3000 Menschen getötet oder verletzt wurden. Wenn ich diese Berichte lese, spüre ich, wie die gesamte Weltordnung damals aus den Fugen geriet. Es war eine Zeit, in der das Recht des Stärkeren die internationalen Beziehungen und die heimische Politik zu dominieren begann. Der Kontrast könnte nicht schärfer sein: In Berlin wird um „Margarine-Wahlen“ gestritten, weil eine neue Fettsteuer die ärmsten der Armen trifft, während am anderen Ende der Welt bereits die ersten Vorboten eines globalen Flächenbrandes zu sehen sind. Die Zeitung versucht, die bürgerliche Haltung zu wahren, wirbt für Bach-Matineen und druckt große Anzeigen des jüdischen Kaufhauses Wertheim, doch zwischen den Zeilen liest man die Angst vor einer Zukunft, in der die Vernunft keinen Platz mehr hat.

Die Tragödie eines Haltlosen und die Flucht aus den Neubauten

Am meisten berührt mich jedoch das soziale Elend, das in den kleinen, fast beiläufigen Meldungen der Zeitung zum Vorschein kommt und das wahre Gesicht dieser Krise zeigt. Da ist die erschütternde Geschichte eines jungen Hilfslehrers, die als „Tragödie eines Haltlosen“ beschrieben wird. Er war so verzweifelt und verarmt, dass er nachts in seine eigene Schule einbrach, um nach ein paar Mark zu suchen, damit er überleben kann. Als er nichts fand, überwog die Scham über seine Tat so sehr, dass er sich das Leben nahm. Es zerreißt mir das Herz, wenn ich an diesen Mann denke, der eigentlich die Zukunft der Jugend gestalten sollte und stattdessen an der gnadenlosen Realität zerbrach. Dieses Einzelschicksal steht stellvertretend für Tausende, die im Berlin des Jahres 1933 keinen Ausweg mehr sahen. Die Stadt erlebte zu diesem Jahreswechsel eine wahre Völkerwanderung der Not. Unter der Überschrift „Wieder Massenkündigung der Mieter“ erfahren wir, dass allein zum 1. Januar rund 30.000 Menschen ihre Wohnungen wechseln mussten. Es war eine „Flucht aus den Neubauten“, weg von den modernen, hellen Wohnungen hin zu billigen, dunklen Quartieren, die sich die Menschen gerade noch leisten konnten.

Man sieht förmlich die Handwagen vor sich, auf denen das letzte Hab und Gut durch den Berliner Matsch gezogen wird. Und währenddessen wirbt das Kaufhaus Wertheim mit Preisen, die „so billig wie noch nie“ sind, ein verzweifelter Ruf in einem Markt, der längst zusammengebrochen war. Es ist diese Gleichzeitigkeit von glitzernder Konsumwelt und tiefster menschlicher Verzweiflung, die mich so nachdenklich stimmt. Wenn wir heute auf diese Zeit zurückblicken, müssen wir uns fragen, was wir aus dieser Geschichte lernen können. Wie gehen wir damit um, wenn Lügen zur Waffe werden und die Not der Menschen instrumentalisiert wird? Ich glaube, es ist wichtiger denn je, genau hinzuschauen und die Wahrheit nicht unter dem Lärm der Propaganda begraben zu lassen. Mich würde wirklich interessieren, wie Du das siehst: Spürst Du auch diese Parallelen in der heutigen Medienwelt, wenn Emotionen bewusst gegen Fakten ausgespielt werden, und was gibt Dir in solchen Momenten Halt? Schreib mir Deine Gedanken dazu gerne in die Kommentare, damit wir darüber ins Gespräch kommen können.

Euer Schimon


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Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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