Kalenderblatt

13.01.1933 – Der Bruch mit dem Landbund, Eskalation der Agrarkrise und die Isolation der Industrie

Stell Dir vor, Du schlägst eine Zeitung auf und spürst schon beim Umblättern, dass die Welt, wie Du sie kennst, gerade in tausend Scherben zerbricht. Genau dieses Gefühl beschleicht mich, wenn ich die Ausgabe der Zeitung „Der Tag“ vom 13. Januar 1933 vor mir sehe. Es ist ein grauer Freitag in Berlin, und zwischen den Zeilen der Frakturschrift tobt ein politischer Vernichtungskrieg, der den Boden für das bereitet, was nur siebzehn Tage später die Welt in den Abgrund reißen sollte. An diesem Tag wurde der „Ruf nach dem starken Mann“ nicht mehr nur geflüstert – er wurde durch das totale Versagen der alten Eliten förmlich herbeigeschrien.

Ein politisches Kartenhaus bricht zusammen

In der Wilhelmstraße herrschte an diesem Januartag Eiszeit. Die Reichsregierung unter General Kurt von Schleicher gab offiziell bekannt, dass sie sämtliche Beziehungen zum Bundesvorstand des Reichslandbundes abgebrochen hat. Das klingt erst einmal nach bürokratischem Geplänkel, doch es war ein politisches Erdbeben. Der Landbund, diese mächtige Interessenvertretung der Großgrundbesitzer, hatte die Regierung zuvor in einer Weise angegriffen, die man heute wohl als medialen Frontalangriff bezeichnen würde. Man warf Schleicher vor, die ländliche Bevölkerung auszuplündern. Es war, als würde ein Mieter seinem Vermieter mitten in der Nacht die Kündigung an die Tür nageln und gleichzeitig das Schloss austauschen. Dieser offene Konflikt zeigte der gesamten Nation, dass die Regierung Schleicher keine Basis mehr hatte. Selbst Reichspräsident von Hindenburg, der alte Herr im Palais, war tief in diesen Streit verwickelt. Er hatte den Vertretern des Landbundes zwar noch Gehör geschenkt, doch hinter den Kulissen bröckelte die Autorität des Staates wie der Putz an einem verfallenen Gebäude. Wenn sich die mächtigsten Männer des Landes gegenseitig als Demagogen beschimpfen, wer soll dann noch an die Kraft der Ordnung glauben?

Der bittere Beigeschmack des täglichen Überlebens

Während die Politiker in Berlin stritten, ging es für die Menschen draußen auf der Straße um das nackte Überleben. Die Zeitung berichtet von einer Krise, die jede Vorstellungskraft sprengt: Die Preise für Schlachtvieh waren auf den Stand von 1860 zurückgefallen, Häute und Felle kosteten sogar so wenig wie zuletzt im Jahr 1800. Das musst Du Dir einmal verdeutlichen – es war für die Betroffenen so, als würde man heute für seine Arbeit plötzlich nur noch so viel verdienen wie ein Handwerker zur Zeit der Postkutschen und Kerzenleuchter. Die Verzweiflung war so groß, dass die Regierung über eine „Margarineverordnung“ stritt. Man wollte Butter künstlich schützen, doch gleichzeitig wusste jeder, dass sich ein Großteil der Bevölkerung Butter schon lange nicht mehr leisten konnte. Es war ein verzweifelter Versuch, die Wirtschaft wie einen Motor zu reparieren, bei dem die Kolben bereits gefressen hatten und der Tank leer war. Die Industrie wiederum ging auf Distanz zum Landbund und weigerte sich, überhaupt noch fachlich zu diskutieren. Die Nation war in verfeindete Lager gespalten, die sich wie zwei Züge auf demselben Gleis mit Höchstgeschwindigkeit aufeinander zubewegten. In dieser Atmosphäre der totalen Blockade und des wirtschaftlichen Ruins wurde die Sehnsucht nach einer Macht, die einfach „durchgreift“, zum alles beherrschenden Gefühl.

1933 - Hitlers Machterschleichung

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Das Vakuum und die Sehnsucht nach der harten Hand

In der Zeitung lesen wir von einem „Notruf des Landvolkes“, den die Regierung angeblich nicht hören will. Dieser Notruf war in Wirklichkeit der Soundtrack für den Untergang der Demokratie. Die Menschen hatten das Vertrauen in die komplizierten Verhandlungen und die ewigen Kompromisse verloren. Wenn die alte Ordnung, repräsentiert durch Schleicher und die konservativen Junker, nur noch Chaos produzierte, erschien vielen die radikale Alternative der Nationalsozialisten als ein verlockendes Heilsversprechen. Was die Zeitung auch schon berichteten, waren die geheimen Treffen zwischen Franz von Papen und Adolf Hitler, die bereits Tage zuvor im Haus des Bankiers Schröder stattgefunden hatten. Dort wurde der Plan geschmiedet, Schleicher zu stürzen und Hitler zum Kanzler zu machen. Der „starke Mann“ stand also schon in den Startlöchern, während sich die bisherigen Machthaber in Berlin gegenseitig zerfleischten. Es ist diese beklemmende Stille vor dem Sturm, die man heute beim Lesen spürt. Der Ruf nach Ordnung war so laut geworden, dass man bereit war, für diese vermeintliche Stabilität die Freiheit zu opfern. Es war der Moment, in dem die Vernunft das Feld räumte und Platz für den Fanatismus machte.

Wie siehst Du das, wenn Du heute auf diese Schlagzeilen blickst? Glaubst Du, dass wir in Zeiten tiefer wirtschaftlicher Not und politischer Blockaden automatisch empfänglicher für einfache, radikale Lösungen werden, oder haben wir als Gesellschaft heute genug Schutzmechanismen gegen den Wunsch nach der „harten Hand“ entwickelt? Ich freue mich sehr auf Deine Gedanken dazu in den Kommentaren!

Euer Schimon


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Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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