Kalenderblatt

14.01.1933 – Hitler und Papen im Gespräch, Radikale Wirtschaftsvisionen und die moralische Elite

Die Zeitung, die wir hier vor uns haben, ist die Nummer 2 des 14. Jahrgangs des „Reichswart“, erschienen am 14. Januar 1933 in Berlin. Als Herausgeber fungierte Graf Ernst zu Reventlow, eine prägende, wenn auch eigenwillige Figur der damaligen Zeit. Was beim Lesen sofort auffällt, ist die scharfe Abgrenzung zu dem, was Reventlow als „Nurnationale“ bezeichnet. Es geht ihm nicht nur um ein patriotisches Lippenbekenntnis, sondern um einen radikalen, nationalen Sozialismus, der sich deutlich von den „Parteien der Rechten“ und den „Repräsentanten des Kapitalismus“ distanzieren will. Man spürt ein tiefes Misstrauen gegenüber Persönlichkeiten wie von Papen, der als „Generaldirektor Gottes“ verspottet wird, und gegenüber dem Einfluss des Großgeldes. Diese Ausgabe zeigt uns ein Bild des Nationalsozialismus, der sich selbst als die einzige Kraft sieht, die den Bolschewismus wirklich besiegen kann, weil er den „sozialistischen Drang“ der Massen auf „nationalem Boden“ befriedigen will. Es ist, als würde man einem Regisseur zusehen, der hinter den Kulissen eines großen Theaters verzweifelt versucht, das Bühnenbild nach seinen radikalen Vorstellungen umzubauen, während die Premiere kurz bevorsteht.

Moralische Reinheit und das Experiment der Rechenwirtschaft

Ein großer Teil dieser Ausgabe widmet sich einer hitzigen Debatte um Dr. Hans Bogner und dessen Schriften über die „politische Elite“. Hier wird eine tiefe moralische Panik sichtbar. Die Redaktion des „Reichswart“ weist Bogners Interpretationen des antiken griechischen „Eros“ und der „Knabenliebe“ mit Abscheu zurück. Homosexualität wird hier als „tödliche, stinkende Pest“ und als „physischer Volkstod“ bezeichnet. Dies zeigt uns, wie sehr die Bewegung darauf versessen war, ein Bild „preußischer“ Disziplin und moralischer „Sauberkeit“ zu konstruieren. Parallel dazu finden wir faszinierende, fast schon utopische wirtschaftliche Überlegungen. H. G. Amfel entwirft die Vision einer „geldlosen Rechenwirtschaft“. Das Ziel ist die völlige Beseitigung des Geldes, um Spekulation, Korruption und den „Profit“ als Triebfeder auszuschalten. Stattdessen sollen „Leistungsquittungen“ und eine staatliche Statistik den Bedarf der Nation regeln. Es ist der Versuch, die Wirtschaft wie eine riesige, präzise Uhr zu konstruieren, in der jedes Zahnrad nur noch dem Ganzen dient, ohne dass das „Gift“ des Geldes die Mechanik stört.

Die geistigen Brandstifter und der Kanon des neuen Deutschlands

Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die Buchempfehlungen am Ende der Zeitung, die uns zeigen, mit welchem geistigen Futter die Leser damals versorgt wurden. Ganz oben auf der Liste steht natürlich Adolf Hitlers „Mein Kampf“, das hier als ungekürzte, zweibändige Ausgabe für 2,85 Reichsmark angepriesen wird. Es wird flankiert von Moeller van den Brucks „Das dritte Reich“, einem der zentralen Werke der Konservativen Revolution, das hier als „Hauptwerk“ bezeichnet wird. Diese Bücher waren nicht einfach nur Lesestoff; sie waren die Bausteine für ein neues Weltbild. Reventlow bewirbt zudem seine eigenen Werke über den „Nationalen Sozialismus“ und den „Weg zum neuen Deutschland“, was unterstreicht, dass der „Reichswart“ sich als zentrales Bildungsorgan für die kommende Elite sah. Auch der Blick in die Ferne, auf den Krieg im Fernen Osten, dient der ideologischen Festigung. Japan wird bewundert, weil es seine „Zukunfts-Lebensfrage“ mit Entschlossenheit und militärischer Macht löst, während der Völkerbund als machtloses Gebilde verspottet wird. Die Botschaft an die deutschen Leser ist klar: Nur Stärke und die rücksichtslose Verfolgung nationaler Ziele führen zum Erfolg. Die Erziehung der Jugend soll nach diesem Vorbild „preußisch“ und „soldatisch“ sein, weg von der „Wissensvermittlung“ hin zur Charakterbildung in Uniform. Die Uniform soll den Einzelnen aus der „Anonymität der Masse“ befreien und ihn in das „grelle Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit“ stellen, wo er nur noch seinem Verband gegenüber verantwortlich ist. Es ist die totale Mobilmachung des Geistes, die hier auf jeder Seite spürbar wird.

Das Echo der Gewalt und der Schatten des Antisemitismus

Historisch gesehen befinden wir uns hier im Auge des Sturms. Die Erwähnung des Treffens zwischen Adolf Hitler und von Papen ist ein direktes Echo der Geheimverhandlungen, die den Weg für den 30. Januar ebneten. Auch die Außenpolitik findet ihren Platz: Der japanisch-chinesische Konflikt in der Mandschurei wird mit einer Mischung aus Bewunderung für Japans Entschlossenheit und Verachtung für den „machtlosen Völkerbund“ analysiert. Japan wird als Macht gesehen, die ihre „Zukunfts-Lebensfrage“ mit Waffen löst – ein kaum verhüllter Hinweis darauf, wie man sich die deutsche Zukunft vorstellte. Der Antisemitismus schwingt in dieser Ausgabe oft unterschwellig, aber deutlich mit. Wenn von der „Geldpresse“ , der „Spekulationswirtschaft“ oder von Hjalmar Schacht die Rede ist, der „der Witwen Häuser fresse“ , werden klassische antisemitische Stereotype bedient, die das „internationale Finanzkapital“ als den großen Feind markieren. Es ist eine Sprache, die den Boden für die kommenden Gräueltaten bereitete, indem sie komplexe wirtschaftliche Probleme auf Feindbilder projizierte. Diese Texte sind Dokumente einer Gesellschaft, die bereit war, die Freiheit der Ordnung zu opfern.

Mich berührt es immer wieder, wie sicher sich diese Menschen in ihren radikalen Ansichten waren, ohne zu ahnen, in welche Katastrophe sie steuern. Es erinnert mich daran, wie wichtig es ist, auch heute genau hinzuhören, wenn einfache Lösungen für komplexe Probleme angeboten werden.

Was denkst Du, wenn Du diese drastische Sprache gegen Homosexualität oder die radikalen Wirtschaftsideen liest? Siehst Du darin Parallelen zu heutigen Debatten oder wirkt das auf Dich wie eine völlig fremde Welt? Ich freue mich sehr auf Deine Gedanken dazu in den Kommentaren!

Euer Schimon


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Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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