Kalenderblatt

Vom Warschauer Ghetto zur Knesset: Warum der 16. Februar jüdische Geschichte schrieb

Manchmal habe ich das Gefühl, dass der Kalender uns Geschichten erzählt, die weit über das bloße Datum hinausgehen. Wenn ich heute auf den 16. Februar blicke, dann sehe ich nicht nur einen Tag im Winter, sondern einen tiefen, schmerzvollen und zugleich hoffnungsvollen Pfad der jüdischen Geschichte. Es ist ein Datum, das uns zeigt, wie eng Vernichtung und Neuanfang, Ungerechtigkeit und Gerechtigkeit beieinanderliegen können. Wenn wir genau hinsehen, erkennen wir einen roten Faden, der sich durch die letzten Jahrzehnte zieht und uns etwas über die Zusammenhänge lehrt, die man oft nur bei genauerer Betrachtung erkennt.

Von der Vernichtung zur lauten Stimme

Stell Dir vor, es ist der 16. Februar 1943. In der Zentrale der SS unterschreibt Heinrich Himmler einen Befehl, der an Grausamkeit kaum zu übertreffen ist. Er ordnet an, das Warschauer Ghetto vollständig dem Erdboden gleichzumachen. Es ging ihm nicht mehr nur um die Deportation der Menschen, die dort unter unvorstellbaren Bedingungen eingepfercht waren. Sein Ziel war die totale Auslöschung. Jedes Haus, jede Straße, jede Spur jüdischen Lebens sollte verschwinden, als hätte es sie nie gegeben. Es war der Versuch, ein ganzes Volk nicht nur physisch zu vernichten, sondern es auch aus der Erinnerung der Welt zu tilgen. Dieser Tag markiert einen der dunkelsten Momente der Menschheit, eine Zeit, in der das jüdische Volk am Rande der absoluten Vernichtung stand.

Aus Sicherheitsgründen ordne ich hiermit an, dass das Warschauer Ghetto abgerissen wird, nachdem das Konzentrationslager verlegt wurde: Alle brauchbaren Teile der Häuser und sonstige Materialien jeglicher Art sollen zuerst verwendet werden.

Die Räumung des Ghettos und die Verlegung des Konzentrationslagers sind notwendig, da wir sonst in Warschau wohl nie Ruhe finden würden und die Kriminalität nicht ausgerottet werden kann, solange das Ghetto besteht.

Mir ist ein Gesamtplan für die Räumung des Ghettos vorzulegen. In jedem Fall müssen wir den Lebensraum für 500.000 Untermenschen, der bisher existierte, aber niemals für Deutsche geeignet war, vollständig beseitigen und die Millionenstadt Warschau, die seit jeher ein Zentrum von Korruption und Aufruhr war, verkleinern.

Unterschrift H. Himmler

Doch die Geschichte blieb hier nicht stehen. Nur sechs Jahre später, am 16. Februar 1949, geschah etwas, das wie ein Wunder anmutet, wenn man die zeitliche Nähe bedenkt. In Jerusalem kam die erste gewählte Volksvertretung des jungen Staates Israel zusammen. Mit der Verabschiedung des Übergangsgesetzes wurde die Knesset geboren. An genau jenem Tag, an dem Jahre zuvor die Vernichtung befohlen wurde, gab sich das jüdische Volk eine eigene, souveräne Stimme zurück. Chaim Weizmann wurde zum ersten Staatspräsidenten gewählt. Es ist dieser Moment, den man in Israel oft mit dem Begriff MiShoa L’Tkuma beschreibt – der Weg vom Abgrund des Holocaust zur Wiedergeburt eines eigenen Staates. Wo 1943 die Zerstörung jeder Handlungsfähigkeit stand, trat 1949 die demokratische Selbstbestimmung an ihre Stelle. Aus der geplanten Stille wurde eine lebendige, debattierende und freie Nation.

Chaim Weizmann: Israel’s First President Swearing-In Ceremony (1949)

Das Video wird von YouTube eingebettet und erst beim Klick auf den Play-Button geladen. Es gelten die Datenschutzbestimmungen von Google.

Der lange Weg der Gerechtigkeit

Der rote Faden endet jedoch nicht bei der Staatsgründung. Er führt uns weiter zum 16. Februar 1987, als in Jerusalem ein Prozess begann, der die Welt erneut den Atem anhalten ließ. John Demjanjuk stand vor Gericht, beschuldigt, als „Iwan der Schreckliche“ im Vernichtungslager Treblinka grausamste Verbrechen begangen zu haben. Dass dieser Prozess in Jerusalem stattfand – in der Stadt, in der die Knesset ihren Sitz hat und die das Zentrum des jüdischen Lebens bildet –, schließt einen Kreis, der 1943 seinen schrecklichen Anfang nahm. Es war die Botschaft an die Welt, dass die Taten von damals nicht ungesühnt bleiben und dass die Opfer nun die Macht haben, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen.

Wenn ich über diese drei Ereignisse nachdenke, die alle auf denselben Kalendertag fallen, dann spüre ich eine tiefe Demut. Der 16. Februar zeigt uns die gesamte Spanne menschlicher Erfahrung: von der tiefsten Bosheit und dem Plan zur Vernichtung über den Aufbau einer neuen Heimat bis hin zum unermüdlichen Streben nach Gerechtigkeit. Es ist ein Tag, der uns mahnt, niemals zu vergessen, aber auch ein Tag, der uns zeigt, dass aus Ruinen etwas Neues, Starkes erwachsen kann. Die Geschichte lehrt uns hier, dass die Stimme der Freiheit am Ende lauter ist als der Befehl zur Zerstörung. Es ist ein Weg der Selbstbehauptung, den wir heute, im Jahr 2026, mit Respekt und Wachsamkeit weitergehen müssen.

Wie empfindest Du diese zeitlichen Zusammenhänge? Findest Du es auch so erstaunlich, wie sich die Geschichte an bestimmten Tagen zu konzentrieren scheint? Schreib mir Deine Gedanken dazu gerne in die Kommentare, ich freue mich sehr auf unseren Austausch.

Euer Schimon


Entdecke mehr von Schimons Welt

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

Kommentar verfassen