Kalenderblatt
In der Kategorie Kalenderblatt findest du Tage, an denen Geschichte spürbar wird. Ich schreibe über Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts, die mich bewegen – weil sie zeigen, wie schnell sich Gesellschaften verändern, wie Gewalt entsteht, wie Krisen Menschen unverhofft treffen können, aber auch, wie Mut und Verantwortung sichtbar werden. Judentum, Israel und Antisemitismus gehören dazu, weil Erinnerung nicht verhandelbar ist.
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30.12.1932 – Zwischen Silvestervorfreude und dem heroischen Gift der Ablenkung
Wenn ich heute, im Jahr 2025, durch die digitalisierten Zeitungsarchive von Ende Dezember 1932 blättere, weht mir ein seltsames Gemisch aus Alltäglichkeit und schleichendem Verfall entgegen. Es ist dieser 30. Dezember, ein Tag, an dem die Menschen in Berlin, Breslau oder Senftenberg eigentlich damit beschäftigt sein sollten, den Karpfen für das Silvesteressen vorzubereiten oder sich auf die großen Bälle im Haus Vaterland zu freuen. Die Anzeigen in der Vossischen Zeitung locken mit Pfannkuchen und der Aussicht auf eine glanzvolle Nacht, während in den Kinos Hans Albers im Ufa-Blockbuster „F.P.1 antwortet nicht“ seinen Fliegersong schmettert. Es ist eine Welt, die verzweifelt versucht, so zu tun, als sei alles in Ordnung. Doch…
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29.12.1932 – Die braune Mordpest, der Aufschrei der Gelehrten und das schmutzige Tauwetter der Republik
Wenn Du an diesem Donnerstag, dem 29. Dezember 1932, Deine Wohnung verlässt, hörst Du als Erstes das unaufhörliche, fast schon aggressive Tropfen von den Dächern. Es ist ein Geräusch, das wie ein unheimlicher Countdown wirkt. Die weiße Pracht der Weihnachtstage ist in sich zusammengesunken und hat sich in einen tückischen, graubraunen Matsch verwandelt, der Dir die Schuhe durchweicht und die Straßen Berlins in eine schmierige Rutschbahn verwandelt. Dieses Tauwetter ist mehr als nur ein Wetterumschwung; es ist eine bittere Metapher für den Zustand unserer sterbenden Republik. Der Schnee, der die Not und den politischen Schmutz für ein paar Tage gnädig zugedeckt hat, schmilzt nun gnadenlos dahin und legt die hässliche…
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28.12.1932 – Milliardennot der Kommunen, das Notwerk der Jugend und die Teuerung des Überlebens
Wenn Du an diesem Mittwoch, dem 28. Dezember 1932, durch die Straßen Berlins oder einer der vielen kleinen brandenburgischen Gemeinden läufst, spürst Du sofort, dass die bleierne Schwere der Weihnachtstage noch nicht gewichen ist. Der Himmel hängt tief und grau über uns, und stellenweise kriecht ein dichter Nebel durch die Gassen, der nicht nur die Sicht nimmt, sondern auch symbolisch für die undurchsichtige Zukunft steht, auf die wir alle zuwanken. Es ist ein Tag, an dem die blanke Not in Zahlen gegossen wird, die so gigantisch sind, dass sie für den einfachen Arbeiter, der gerade überlegt, ob er sich den Silvesterkarpfen überhaupt leisten kann, kaum noch fassbar sind. Die Zeitungen…
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27.12.1932 – Schlamm im Wedding, Träume auf hoher See und die kalte Arithmetik des Überlebens
Wenn ich heute in meinem Arbeitszimmer die digitalisierten Archivseiten der Berliner Morgen-Zeitung und der Deutschen Tageszeitung durchgehe, dann spüre ich die feuchte Kälte dieses Dienstags fast körperlich. Es ist der 27. Dezember 1932, der erste Werktag nach dem Weihnachtsfest, und die Welt scheint entschlossen, jede festliche Milde mit einem Schlag wegzuwischen. Während ich die Berichte lese, sehe ich das Berlin jenes Tages vor mir: Es ist kein Winterwunderland mehr, sondern eine Stadt im massiven Tauwetter. Bei acht Grad Wärme schmilzt der Schnee zu einem schmutzigen, grauen Brei, der die Stiefel der Menschen durchnässt und die Rinnsteine verstopft. In Schlesien klettern die Temperaturen sogar auf zwölf Grad. Die Zeitungen schreiben von…
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26.12.1932 – Tauwetter in Berlin, der Fememord der SA und die Not der Lebensmitteldiebe
Es ist ein besonderes Gefühl, wenn wir uns gemeinsam durch diese alten Zeitungsseiten blättern und spüren, wie die Distanz der Jahrzehnte plötzlich schwindet. Wenn du dir vorstellst, wie die Menschen an diesem Montagmorgen im Dezember 1932 die Berliner Morgen-Zeitung aufschlugen, dann siehst du eine Welt, die zwischen festlicher Besinnlichkeit und dem nackten Überlebenskampf zerrissen war. Draußen vor den Fenstern vollzog sich ein radikaler Wetterumschwung, der fast wie eine Metapher für die politische Lage wirkte. Die weiße Pracht, die über die Feiertage ein wenig Reinheit vorgetäuscht hatte, schmolz unter dem einsetzenden Tauwetter dahin und hinterließ nur grauen Matsch auf dem Pflaster. Über 300.000 Berliner, die voller Hoffnung ins Umland aufgebrochen waren,…
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25.12.1932 – Aufruf der Reichsregierung und Kampagne gegen Bernhard Weiß
Ich sitze heute an meinem Schreibtisch und halte eine digitale Kopie des Reichsbote vom 25. Dezember 1932 in den Händen. Wenn ich diese vergilbten Zeilen lese, fühle ich mich wie ein Beobachter, der aus der sicheren Distanz der Gegenwart in eine Epoche blickt, die von tiefster Verunsicherung und gleichzeitigem Hoffen geprägt war. Es ist ein seltsames Gefühl, diese Berichte zu studieren, während ich genau weiß, welche dunklen Jahre auf diesen Winter folgen sollten. Damals kostete die Zeitung gerade einmal zehn Pfennig. Draußen herrschte an diesem ersten Weihnachtsfeiertag ein fast schon frühlingshaftes Wetter, das in krassem Gegensatz zur wirtschaftlichen Kälte im Land stand. In London blühten laut den Meldungen sogar die…
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24.12.1932 – Zwischen Winterhilfe, Straßengewalt und dem Traum von F.P.1
Wenn Du heute aus dem Fenster blickst, siehst Du vielleicht einen grauen Himmel, doch an jenem vierundzwanzigsten Dezember des Jahres zweiunddreißig fühlte sich dieses Grau für die Menschen in Deutschland wie eine bleierne Last an. In Norddeutschland setzte ein ungemütliches Tauwetter ein, das kalten Regen über die Straßen Berlins peitschte, während der Süden des Landes in einem trüben Nebel versank, der die weihnachtliche Vorfreude fast zu ersticken drohte. Es war ein Tag der extremen Kontraste, an dem die Hoffnung auf den Weihnachtsfrieden gegen eine bittere soziale Realität ankämpfen musste. In den Zeitungen liest man von sieben Millionen Menschen, die in diesem Jahr auf die Unterstützung der Winterhilfe angewiesen sind, eine…
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23.12.1932 – Tränen bei Hitler, Freiheit für Ossietzky und der Schrei nach Brot
Wenn ich mir das vergilbte Blatt der Berliner Volks-Zeitung vom 23. Dezember 1932 ansehe, spüre ich sofort diese beklemmende Mischung aus vorweihnachtlicher Hoffnung und dem harten Aufprall der Realität, die Berlin damals im Griff hatte. Es ist eine Zeit, in der die Republik an allen Ecken und Enden knirscht, und doch gibt es Momente, die mich tief berühren. In den politischen Spalten lesen wir von einer fast schon bühnenreifen Szene, die Otto Strasser bewirkt hat: die sogenannte „Hündchen-Szene“. Nach dem Bruch mit Gregor Strasser soll Hitler vor seinen Getreuen in Tränen ausgebrochen sein, völlig am Ende, während Männer wie Göring und Goebbels mitschluchzten. Es ist ein entlarvender Blick hinter die…
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22.12.1932 – Winterhilfe-Hohn, Getreidezölle und der moralische Bankrott im Schatten der Kohleberge
Es ist ein grauer, klirrend kalter Donnerstag an diesem 22. Dezember 1932, ich schlage die Seiten der Arbeiter-Zeitung auf und habe das Gefühl, direkt in ein tiefes Tal der Hoffnungslosigkeit zu blicken. Die Menschen in Breslau und Berlin zittern nicht nur vor der Kälte, sondern auch vor einer Zukunft, die ihnen immer mehr entgleitet. Die Regierung unter General von Schleicher hat soeben ihre lang angekündigte Winterhilfe beschlossen, doch was da als soziale Wohltat verkündet wird, liest sich für die Betroffenen wie ein schmerzhafter Schlag ins Gesicht. Eine arbeitslose Familie soll pro Woche gerade einmal ein Pfund Fleisch oder ersatzweise Rückenfett um 30 Pfennig verbilligt erhalten, während die Getreidespeicher und Kohlenhalden…
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21.12.1932 – Die karge Not der Winterhilfe, der tragische Tod im Kohleschacht und ein entlarvendes Versteck im SA-Heim
An diesem Mittwochmorgen im Dezember 1932 liegt eine beißende Kälte über dem Land, die sich wie ein schweres Tuch auf die Seele legt. Während wir uns in unseren Stuben auf das Weihnachtsfest vorbereiten, zeigt uns der Blick in die Zeitungen eine Welt, die an ihren eigenen Widersprüchen fast zerbricht. In Berlin tagt der Ältestenrat des Reichstages, um über das zu beraten, was die Regierung Schleicher stolz als Winterhilfe bezeichnet. Doch wenn du genauer hinsiehst, offenbart sich die bittere Ironie dieser Maßnahmen. Ganze zehn Millionen Mark sollen für die Hungernden bereitgestellt werden, was für eine betroffene Familie gerade einmal einen Betrag von etwa 1,80 Reichsmark im Monat bedeutet. Es ist ein…





















