Unsere Welt von morgen

Geschichte wiederholt sich: Wie Autokraten die Welt erneut in den Abgrund stürzen

Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was getan wurde, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Dieser Satz aus dem Kohelet/Prediger hat mich heute nicht mehr losgelassen. Er klingt erst einmal wie ein resigniertes Schulterzucken. So nach dem Motto: Menschen eben. Welt eben. Immer derselbe Film. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr spüre ich: Das ist kein Satz, der mich in die Passivität schieben will. Im Gegenteil. Er ist wie ein kaltes Wasser ins Gesicht. Wach werden. Hinsehen. Aufhören, mir einzureden, dass die dunklen Kapitel der Geschichte nur deshalb dunkel waren, weil damals „andere Zeiten“ herrschten.

Ich bin auf dieses Thema gestoßen, weil ich mich gerade intensiv mit 1933 beschäftige. Mit dieser merkwürdigen Mischung aus Alltag und Abgrund. Damals gingen Menschen einkaufen, machten Witze, stritten in Familien, hofften auf bessere Zeiten, versuchten irgendwie durchzukommen. Und gleichzeitig schob sich etwas nach vorn, das größer war als einzelne Entscheidungen. Ein Sog. Eine Dynamik. Eine Verschiebung der moralischen Grenzen. Erst langsam, dann plötzlich schnell. Und während ich mich da hineindenke, während ich versuche, diese Atmosphäre zu verstehen, sehe ich die Nachrichten von heute mit anderen Augen. Nicht, weil alles „genau gleich“ wäre. Geschichte wiederholt sich selten wie eine Kopie. Aber sie reimt sich. Und manchmal reimt sie sich so deutlich, dass es weh tut.

Ich merke, wie mich das Ganze nachdenklich macht, weil die Welt im Moment wirkt, als würden alte Regeln wieder verhandelbar. Grenzen. Einflusszonen. „Ansprüche“. Diese Art von Sprache, die so tut, als wäre ein Land ein Stück Landkarte, das man sich nehmen kann, wenn man stark genug ist. Und wenn man lange genug behauptet, es gehöre eigentlich „schon immer“ zu einem selbst. Da ist diese Mischung aus Macht, Ressourcendenken, geopolitischer Kälte und verletztem Stolz, die plötzlich wieder sehr laut wird. Und wenn ich das beobachte, dann frage ich mich nicht nur: Was treibt diese Mächtigen? Ich frage mich auch: Was passiert mit uns allen, wenn wir uns daran gewöhnen?

Wenn Macht zur Religion wird

Ich glaube, dass viele Autokraten und Machtmenschen nicht einfach nur „gierig“ sind. Natürlich spielen Reichtum und Ressourcen eine Rolle. Land, Öl, Handelswege, strategische Knotenpunkte, Militärbasen, Kontrolle über Meerengen, Einfluss auf Märkte. Das ist alles real, und das war es immer. Aber das erklärt nicht diese fast fanatische Entschlossenheit, die man manchmal spürt. Dieses „Ich muss“ in der Haltung. Dieses „Ich darf nicht verlieren“. Diese Unfähigkeit, Grenzen zu akzeptieren, die nicht die eigenen sind.

Da kommt etwas Zweites dazu, etwas, das ich für gefährlicher halte: Macht wird zur Identität. Wer so tickt, kann nicht einfach „politisch scheitern“. Der kann nicht einfach sagen: Okay, ich habe mich verrechnet, ich korrigiere meinen Kurs. Denn in seinem Inneren ist Macht nicht ein Werkzeug, um Verantwortung zu tragen, sondern ein Beweis, dass er überhaupt etwas wert ist. Und wenn Macht so funktioniert, wird jeder Widerspruch zur Beleidigung. Jede Grenze zur Provokation. Jede freie Entscheidung anderer Menschen zur Kränkung.

In der Geschichte sind das oft die Momente, in denen aus Politik Schicksalsdrama wird. Dann braucht es plötzlich große Erzählungen. Dann wird nicht mehr über Verträge gesprochen, sondern über „Ehre“, „Wiederherstellung“, „historische Gerechtigkeit“. Dann wird eine Nation wie ein verletztes Ich behandelt, das sich „zurückholen“ muss, was ihm angeblich gestohlen wurde. Und dann wird alles, was dagegensteht, moralisch abgewertet. Gegner sind nicht mehr Gegner, sondern Verräter. Kritiker sind nicht mehr Kritiker, sondern Feinde. Und irgendwann sind Menschen nicht mehr Menschen, sondern Hindernisse.

Wenn ich mit diesem Blick auf 1933 schaue, dann sehe ich, wie perfide das ist. Damals war es ja nicht so, dass Hitler einfach eines Morgens aufstand und sagte: So, heute erfinde ich die Expansion. Seine Vision lag längst in seinem Weltbild. Er hatte diese Idee vom „Lebensraum“, vom Griff nach Osten, von einem Großreich, das nicht nur Grenzen verschiebt, sondern Menschen verschiebt, auslöscht, ersetzt. Und genau das ist der Punkt, an dem ich sehr bewusst werden möchte: Es ging nicht nur um Geopolitik. Es ging um eine Ideologie, die Menschen nach Wert sortiert hat. Und diese Mischung aus politischer Expansion und entmenschlichender Ideologie war tödlich. Nicht theoretisch tödlich. Praktisch. Für Millionen.

1933: Die Normalisierung des Ungeheuerlichen

Was mich an 1933 am meisten erschüttert, ist nicht nur das Ergebnis. Es ist der Weg dorthin. Wie schnell sich Dinge „normal“ anfühlen können, wenn man sie nur konsequent genug wiederholt. Wie sehr Menschen sich anpassen, wenn sie das Gefühl haben, sie hätten keine Wahl. Wie verführerisch es sein kann, wenn jemand einfache Antworten liefert in einer Zeit, in der alles kompliziert ist.

Und genau da trifft mich dieser Kohelet-Satz: Was geschehen ist, wird wieder geschehen. Nicht, weil das Schicksal es so will. Sondern weil Menschen dazu neigen, dieselben psychologischen Mechanismen zu wiederholen, wenn der Druck groß wird. Angst. Wut. Sehnsucht nach Ordnung. Sehnsucht nach einem starken Mann, der endlich „durchgreift“. Der das Chaos beendet. Der die Demütigungen rächt. Der „die da oben“ ersetzt, aber am Ende selbst „der da oben“ wird.

Ich glaube, es gibt einen Moment in solchen Entwicklungen, der entscheidend ist. Der Moment, in dem eine Gesellschaft anfängt, sich selbst zu belügen. Wenn sie sagt: Ach, der meint das nicht so. Ach, das ist nur Rhetorik. Ach, der muss halt so sprechen, um seine Basis zu bedienen. Ach, das wird sich wieder einpendeln. Genau dieses „Ach“ ist gefährlich. Weil es Zeit kauft. Nicht für die Demokratie. Sondern für die, die die Demokratie aushebeln wollen.

Und dann kommt eine zweite Normalisierung: die Sprache. Wenn Menschen anfangen, über Länder wie über Beute zu sprechen, als wären Grenzen Vorschläge. Wenn man anfängt, andere Nationen kleinzureden, zu entwürdigen, zu bedrohen, und das Publikum lacht. Oder klatscht. Oder schweigt. Wenn man anfängt, Gewalt gedanklich vorzubereiten, indem man sie moralisch entschuldigt. Dann ist der erste Schritt bereits getan. Und manchmal ist es genau dieser erste Schritt, der Mut braucht. Mut, sich hinzustellen und zu sagen: Nein. Nicht mit mir. Nicht in meinem Namen. Nicht in unserer Zeit.

Unsere Welt von morgen entsteht heute

Ich schreibe das hier nicht, weil ich glaube, dass wir alle kurz vor einem identischen 1933 stehen. Wer das behauptet, macht es sich zu leicht. Zeiten sind unterschiedlich, Gesellschaften sind unterschiedlich, die Welt ist vernetzt, die Informationslage ist anders, die Machtblöcke sind anders. Aber ich schreibe es, weil ich glaube, dass bestimmte Kräfte zeitlos sind. Die Lust auf Kontrolle. Die Sehnsucht nach Größe. Das Spiel mit Angst. Die Versuchung, Menschen gegeneinander zu stellen, um selbst oben zu bleiben. Und ich schreibe es, weil ich spüre, wie schnell sich eine Welt verändern kann, wenn genug Menschen das Gefühl bekommen, dass Regeln nur für die Schwachen gelten.

Unsere Welt von morgen entsteht nicht erst, wenn ein Krieg ausbricht. Sie entsteht in den Köpfen. In Wohnzimmern. In Kommentarspalten. In der Art, wie wir miteinander reden. In dem, was wir durchgehen lassen. In dem, was wir stillschweigend akzeptieren. In dem, was wir als „halt Politik“ abtun. Und ich glaube, genau da liegt unser Hebel. Nicht, weil wir alle Präsidenten oder Generäle wären. Sondern weil jede große Entwicklung auf einer stillen Zustimmung basiert. Auf einer Müdigkeit. Auf einem Wegsehen. Auf einem inneren Rückzug: Ich kann ja eh nichts machen.

Doch, wir können etwas machen. Nicht als große Heldenpose, sondern als Haltung. Wir können entscheiden, ob wir Menschen entmenschlichen lassen. Ob wir Wahrheit gegen Bequemlichkeit tauschen. Ob wir unsere demokratischen Spielregeln verteidigen, auch wenn uns die Ergebnisse manchmal nicht passen. Ob wir den Wert der Freiheit noch kennen, wenn sie unbequem wird. Ob wir wirklich begreifen, dass Demokratie nicht nur ein System ist, sondern eine tägliche Übung in Selbstbegrenzung, Respekt und Verantwortung.

Und wir können uns daran erinnern, dass die gefährlichsten Zeiten oft nicht die sind, in denen alles brennt, sondern die, in denen viele merken, dass es zu rauchen beginnt, und trotzdem sagen: Wird schon. Ich möchte dieses „Wird schon“ nicht mehr so leicht über die Lippen bringen. Nicht, nachdem ich mich in 1933 hineingedacht habe. Nicht, nachdem ich verstanden habe, wie schnell aus politischen Manövern eine moralische Lawine werden kann.

Ich will nicht, dass ein paar Mächtige die Welt wieder in den Abgrund reißen. Nicht, weil ich naiv Frieden träume, sondern weil ich weiß, was passiert, wenn Macht ohne Grenzen bleibt. Wenn Wahrheit biegsam wird. Wenn Menschenwürde verhandelbar wird. Wenn man anfängt zu glauben, dass Stärke darin besteht, andere zu überrollen.

Und vielleicht ist genau das die Aufgabe unserer Zeit: nicht in Panik zu verfallen, aber auch nicht einzuschlafen. Wach zu bleiben. Klar zu bleiben. Und den Mut zu haben, früh zu widersprechen, bevor das Ungeheuerliche normal aussieht.

Was löst dieser Satz aus Kohelet in Dir aus, wenn Du die Weltlage heute betrachtest – und was, glaubst Du, ist der wichtigste Schritt, den wir als Gesellschaft jetzt tun müssen? Schreib mir das bitte in die Kommentare.

Euer Schimon


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Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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