Wiener Apfelstrudel in stürmischen Zeiten: Ein kulinarischer Streifzug durch das Jahr 1933
Es ist schon seltsam, wenn ich mich durch die staubigen digitalen Archive grabe und dabei nicht nur auf die großen Erschütterungen der Weltgeschichte stoße, sondern plötzlich mitten in einer warmen, duftenden Küche im Januar 1933 stehe. Während draußen die politische Lage in Berlin immer frostiger wurde und die Zeitungen voll von Berichten über brennende Luxusschiffe und machtpolitische Ränkespiele waren, gab es einen Ort, an dem die Welt noch eine gewisse Beständigkeit atmete: den Küchentisch. Bei meiner Recherche zur „Deutschen Tageszeitung“ vom 5. Januar 1933 bin ich über die Beilage „Die Frau und ihre Welt“ gestolpert, und ich muss Dir gestehen, dass mich diese ganz alltäglichen Themen oft viel tiefer berühren als die Schlagzeilen der Titelseiten. Es ist die Suche nach dem Geschmack der Heimat und der Geborgenheit, die auch in Krisenzeiten niemals ganz verstummt.
Die Frau und ihre Welt – Ein Blick in die Küchen von 1933
Wenn man die Seite acht dieser alten Zeitung aufschlägt, taucht man in einen Kosmos ein, der ganz auf das häusliche Überleben und kleine Glücksmomente ausgerichtet ist. Es ist faszinierend zu sehen, wie pragmatisch und doch liebevoll damals über das Essen geschrieben wurde. Der Apfel wird dort fast wie ein Heiliger verehrt – als das wichtigste Winterobst, das in keiner Wirtschaft fehlen darf. Es hat etwas Tröstliches, wie die Hausfrauen damals darauf eingeschworen wurden, aus den einfachsten Zutaten das Beste zu machen. Doch die Idylle trügt ein wenig, denn auch hier schleicht sich die Politik durch die Hintertür ein. Man liest von der „Eierkunde“ und lernt, wie man deutsche Qualitätseier an ihrem „D.Q.“-Stempel erkennt, um die heimische Landwirtschaft gegen ausländische Importe aus Russland oder Bulgarien zu schützen. Sogar der technische Fortschritt hielt Einzug in Form der „Siffa“-Kochplatte, die mit ihrem Holzkohlekern Energie sparen sollte – ein Thema, das uns heute fast schon wieder vertraut vorkommt. Und während man über Rezepte für Apfelmus philosophierte, tobte auf den politischen Seiten bereits der Kampf um den „Butterbeimischungszwang“, bei dem es darum ging, ob man das „Schmalz des kleinen Mannes“, die Margarine, künstlich verteuern dürfe, um die Bauern zu retten. Es ist diese ständige Spannung zwischen dem Duft von Zimt in der Küche und dem harten Überlebenskampf auf den Feldern, die diese Zeit so greifbar macht.
Das Handwerk der Bäuerin – Der Wiener Apfelstrudel Schritt für Schritt
Das Herzstück der kulinarischen Rubrik war jedoch zweifellos das Rezept für den echten Wiener Apfelstrudel, den ich für Dich so aufbereitet habe, dass Du ihn heute in Deiner eigenen Küche nachbacken kannst. Die alte Anleitung legt größten Wert auf das Fingerspitzengefühl. Du beginnst mit dem Teig, für den Du etwa 250 Gramm feines Weizenmehl (Auszugmehl), ein Ei, etwa 125 Milliliter lauwarmes Wasser und einen guten Schuss Essig oder Öl sowie eine Prise Salz benötigst. Das Wichtigste ist die Geduld: Der Teig muss zu einer glatten Kugel geknetet werden und dann mindestens eine halbe Stunde unter einer vorgewärmten Schüssel ruhen, damit er die nötige Elastizität bekommt. In der Zwischenzeit bereitest Du die Füllung vor, indem Du etwa ein bis anderthalb Kilo säuerliche Äpfel schälst und in sehr feine Blättchen schneidest. Vermische sie mit 100 Gramm Zucker, einem Teelöffel Zimt und einer Handvoll gewaschener Korinthen. Dann kommt die wahre Kunst, das Ausziehen. Du rollst den Teig auf einem bemehlten Küchentuch erst vorsichtig aus und beginnst dann, ihn über Deinen Handrücken von der Mitte nach außen zu ziehen, bis er so hauchdünn ist, dass Du eine Zeitung durch ihn lesen könntest. Die dicken Ränder musst Du unbedingt abschneiden. Bestreiche den Teig nun großzügig mit 50 Gramm zerlassener Butter und verteile 100 Gramm Semmelbrösel darauf, die Du vorher in etwas Butter goldbraun geröstet hast. Darauf kommt die Apfelmischung, bevor Du das Ganze mithilfe des Tuchs vorsichtig zu einer Rolle formst. Nun nimmst Du eine tiefe Bratform (eine „Reine“), fettest sie ein und gießt eine Mischung aus einem Achtelliter Milch, einem Ei und einem Esslöffel Zucker hinein. Der Strudel wird in dieses Bett gelegt und bei etwa 180 Grad Ober-/Unterhitze für zirka 45 bis 50 Minuten im Ofen gebacken. Vergiss nicht, ihn zwischendurch immer wieder mit flüssiger Butter zu bestreichen, damit er am Ende diese wunderbare goldbraune Kruste bekommt und im Inneren durch den Milchguss herrlich saftig bleibt.
Was uns Äpfel über die Seele der Zeit verraten
Wenn ich mir vorstelle, wie dieser Strudel 1933 in den Öfen ländlicher Haushalte gebacken wurde, dann sehe ich mehr als nur eine Süßspeise. Ich sehe eine Zeit der großen Verunsicherung, in der man sich an das hielt, was man kannte und was man selbst erschaffen konnte. Ein guter Strudelteig war vielleicht eines der wenigen Dinge, die man in diesem turbulenten Januar noch voll und ganz unter Kontrolle hatte. Die Akribie, mit der die Marktberichte die Preise für Speisekartoffeln wie „Ackersegen“ oder den knappen Spinat auflisteten, zeigt uns eine Welt, in der Lebensmittel noch eine ganz andere Wertschätzung erfuhren als heute. Es war eine Zeit, in der Kulinarik auch immer ein Stück weit Überlebenskunst war. Aber es war eben auch Genuss, ein kurzes Innehalten beim Duft von warmem Apfel mit Vanillesoße, während draußen die Welt aus den Fugen geriet. Diese alten Rezepte sind wie kleine Zeitkapseln, die uns daran erinnern, dass wir Menschen uns in unseren Grundbedürfnissen nach Wärme und Sättigung über die Jahrzehnte hinweg gar nicht so sehr verändert haben. Hast Du selbst vielleicht auch ein altes Familienrezept für Apfelstrudel oder ein anderes Gericht, das für Dich wie eine Brücke in die Vergangenheit wirkt? Ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn Du mir in den Kommentaren davon erzählst oder mir berichtest, ob Dir die Zubereitung nach der traditionellen Methode von 1933 gelungen ist.
Euer Schimon
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