10.02.1970 – Blutbad in München: Warum dieser jüdische Held 55 Jahre vergessen wurde?
Während ich heute durch meine Notizen für das „Kalenderblatt“ ging, blieb ich an einem Datum hängen, das mich seitdem nicht mehr loslässt. Ich saß hier an meinem Schreibtisch, und je tiefer ich in die Details des 10. Februars 1970 eintauchte, desto mehr wurde mir klar, dass ich heute über dieses Ereignis berichten muss. Es ist die Geschichte eines Anschlags am Flughafen München-Riem, die mich tief bewegt hat. Ich sehe die Bilder vor mir: Ein Transitbus auf dem Rollfeld, Menschen voller Erwartung auf ihre Reise nach London, und plötzlich bricht das pure Chaos aus. Inmitten dieser Panik steht Aryeh Katzenstein, ein 32-jähriger Familienvater. Ich frage mich seither unaufhörlich, was in diesem einen, winzigen Moment in seinem Kopf vorgegangen sein muss. Als er die Handgranate auf den Boden des Busses fallen sah, direkt neben seinen Vater. Was lässt einen Menschen in dieser Sekunde entscheiden, sich nicht wegzuducken, sondern sich mit seinem gesamten Körper auf den Tod zu werfen, um andere zu schützen?
Um das Ausmaß dessen zu begreifen, was an jenem Mittag geschah, muss man sich die Szenerie vor Augen führen: Es ist kurz nach 13:00 Uhr auf dem Rollfeld in Riem. Nichts deutet auf die Katastrophe hin, als die Passagiere der El-Al-Maschine aus Tel Aviv in den Transitbus steigen, um ihre Reise nach London fortzusetzen – ahnungslos, dass sie bereits im Fadenkreuz des Hasses stehen. Drei Terroristen der „Aktionsgruppe zur Befreiung Palästinas“ – einer Splittergruppe der PFLP – hatten sich bereits im Transitbereich postiert. Als die Reisenden den Bus bestiegen, eröffneten sie das Feuer aus Maschinenpistolen und warfen zwei Handgranaten direkt in den vollbesetzten Wagen.
In diesem Moment explodierte die erste Granate. Panik brach aus, Schreie zerrissen die Luft. Die Attentäter schossen wahllos auf die flüchtenden Menschen. Es war in diesem Inferno, als Aryeh Katzenstein die zweite Granate sah. Er zögerte nicht. Durch sein Selbstopfer dämpfte er die tödliche Wucht der Detonation ab. Er starb noch am Tatort, aber er rettete damit allen anderen im Bus, einschließlich seines Vaters, das Leben. Elf Menschen wurden jedoch schwer verletzt, darunter die berühmte israelische Schauspielerin Hanna Maron, der später im Krankenhaus ein Bein amputiert werden musste. Auch der Pilot der Maschine, Uriel Cohen, wurde bei dem Versuch, einen der Angreifer zu überwältigen, schwer verwundet.
Die Reaktion der Polizei und des Flughafenpersonals war zunächst von Schock geprägt. Es gab 1970 noch keine spezialisierten Anti-Terror-Einheiten wie die heutige GSG 9. Dennoch gelang es herbeieilenden Beamten und Angestellten unter Lebensgefahr, die drei Terroristen noch auf dem Rollfeld zu stellen und festzunehmen. Es waren drei Männer: die Jordanier Mohammed Hadidi und Mohammed el-Hanai sowie der Ägypter Rahat Schahrur. Diesen Männern ging es nicht um eine militärische Auseinandersetzung, sondern um einen feigen Angriff auf wehrlose Menschen. Ihr Motiv war die reine Vernichtung jüdischen Lebens – mitten im zivilen Raum, ohne Rücksicht auf Unschuldige. Ihre Motivation war ein tief sitzender, politisch radikalisierter Hass, der darauf abzielte, Israel durch Terror gegen Zivilisten auf internationaler Bühne zu isolieren. In ihrem Weltbild waren Frauen, Kinder und ältere Menschen legitime Ziele, solange sie den „Feind“ repräsentierten.
Gleichzeitig lässt mich eine andere, dunkle Frage nicht los: Wie können Menschen zu so einer Tat fähig sein? Was treibt jemanden an, wahllos Handgranaten in eine Menge unschuldiger Reisender zu werfen, die einfach nur nach Hause oder in den Urlaub wollten? Dieser abgrundtiefe Hass, der hier in München-Riem sein Gesicht zeigte, ist leider kein Einzelfall. Ich frage mich das immer wieder, wenn ich an die vielen Attentate und Angriffe denke, die Juden weltweit über die Jahrzehnte hinweg erleiden mussten und immer noch müssen. Es ist ein blinder, ideologischer Vernichtungswille, der mich fassungslos macht. Aryeh Katzenstein war der Sohn eines Mannes, der vor den Nationalsozialisten aus Deutschland geflohen war. Dass er Jahre später ausgerechnet auf deutschem Boden sterben musste, um seinen Vater vor neuem antisemitischen Terror zu schützen, ist eine Tragik, die kaum in Worte zu fassen ist.
Das Schweigen, das 55 Jahre währte
Was mich beim Schreiben dieses Textes besonders schmerzt, ist das lange Schweigen, das diesem Tag folgte. München schien diesen 10. Februar lange verdrängt zu haben. Vielleicht passte dieser frühe Terrorakt nicht in das Bild der „Weltstadt mit Herz“, die sich kurz darauf bei den Olympischen Spielen 1972 von ihrer besten Seite zeigen wollte. Aryeh Katzenstein wurde zu einem fast vergessenen Helden, während die drei Attentäter schon Monate später durch Flugzeugentführungen im sogenannten „Schwarzen September“ freigepresst wurden und ohne nennenswerte Strafe davonkamen. Diese Ungerechtigkeit fühlt sich für mich an wie ein zweiter Schlag ins Gesicht der Opfer.
Erst seit dem letzten Jahr, im Februar 2025, gibt es endlich einen Ort, der diesem Schweigen etwas entgegensetzt. Am historischen Schauplatz in Riem steht nun ein Mahnmal der Künstlerin Alicja Kwade. Drei stilisierte Zifferblätter halten die verschiedenen Momente der Detonationen fest – wie ein Riss in der Zeit, der uns zwingt, hinzusehen. Es hat über ein halbes Jahrhundert gedauert, bis die Stadt diesen würdigen Rahmen schuf. Bei der Einweihung waren Aryehs Kinder anwesend. Es ist nie zu spät für die Wahrheit, aber es macht mich traurig, dass es so lange dauern musste, bis sein Name – und seine unglaubliche Tat – wieder ins öffentliche Bewusstsein rückten.
Wenn wir heute auf dieses Kalenderblatt blicken, dann sehe ich darin zweierlei: Die bittere Realität eines unbegreiflichen Hasses, der vor nichts zurückschreckt, aber auch die leuchtende Kraft eines einzelnen Menschen, der im entscheidenden Moment die Liebe zum Leben – zum Leben der anderen – über alles stellte. Aryeh Katzenstein hat seinen Namen in die Geschichte eingeschrieben, nicht durch Gewalt, sondern durch das ultimative Opfer. Wir sollten diesen Namen nicht wieder vergessen.
Was geht in Euch vor, wenn Ihr von Aryehs Entscheidung hört? Und wie erklärt Ihr Euch diesen Hass, der immer wieder unschuldige Menschen trifft? Ich bin sehr gespannt auf Eure Gedanken und hoffe auf einen tiefgründigen Austausch in den Kommentaren.
Euer Schimon
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