Kalenderblatt

18.02.1943 – Flugblätter gegen das Vergessen, warum die Weiße Rose uns heute mehr denn je zu sagen hat

Es gibt Momente in der Geschichte, die sich wie ein kalter Schauer auf der Haut anfühlen, nicht wegen der Grausamkeit allein, sondern wegen des unfassbaren Mutes, der ihr entgegengesetzt wurde. Wenn ich heute auf das Datum des 18. Februars blicke, dann sehe ich nicht nur einen Wintertag im Jahr 1943, sondern ich sehe zwei junge Menschen in den lichten Hallen der Münchner Universität. Ich sehe Hans und Sophie Scholl, wie sie mit klopfendem Herzen Briefe der Freiheit in ein Meer aus Unterdrückung werfen. Es ist der Tag ihrer Verhaftung, der Tag, an dem die „Weiße Rose“ ihr sichtbares Ende fand und doch für immer zu blühen begann. Was mich an ihrer Geschichte immer wieder am tiefsten berührt, ist nicht nur ihr Widerstand gegen die Diktatur als Ganzes, sondern ihre kristallklare Sicht auf das Unaussprechliche: den Holocaust. In einer Zeit, in der ein ganzes Land die Augen fest verschloss, während Züge in den Osten rollten, sahen diese jungen Studenten hin. Sie schwiegen nicht. Sie nannten das Morden beim Namen, als das Wort „Widerstand“ in Deutschland fast schon in Vergessenheit geraten war.

Die moralische Pflicht des Hinsehens

In ihrem zweiten Flugblatt schrieben sie Sätze, die auch heute noch wie Hammerschläge nachhallen. Sie sprachen von den dreihunderttausend Juden, die in Polen bestialisch ermordet wurden. Man muss sich das einmal vorstellen: Mitten im tiefsten Nationalsozialismus, umgeben von Propaganda und Angst, wagten es diese jungen Menschen, die moralische Katastrophe der Shoah ins Zentrum ihres Protestes zu rücken. Sie verstanden, dass man nicht für die Freiheit des deutschen Volkes kämpfen kann, ohne das Leid der jüdischen Nachbarn zu beklagen. Für mich ist das die reinste Form von Empathie – eine Empathie, die über das eigene Überleben hinausgeht. Sie wussten genau, welches Risiko sie eingingen, als sie an jenem Vormittag den Stapel Papier über das Geländer im Lichthof stießen. Ein kurzer Moment des Flatterns, ein herabsegelnder Gruß der Wahrheit, und dann der Zugriff der Schergen. Die Verhaftung durch den Hausschlosser und die anschließenden Verhöre markierten den Beginn eines grausamen Sprints in den Tod, doch ihr Geist blieb ungebrochen. Hans Scholls letzte Worte vor dem Fallbeil, sein Ruf nach der Freiheit, war kein Schrei der Verzweiflung, sondern ein Vermächtnis an uns alle.

Wir wollen hier nicht über die Judenfrage schreiben, keine Verteidigungsrede schreiben – nein, nur als Beispiel wollen wir die Tatsache kurz anführen, die Tatsache, daß seit der Eroberung Polens dreihunderttausend Juden in diesem Land auf bestialischste Weise ermordet worden sind. Hier sehen wir das fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen, ein Verbrechen, dem sich kein ähnliches in der ganzen Menschengeschichte an die Seite stellen kann.

Ein Erbe, das uns heute in die Pflicht nimmt

Wenn ich über die Weiße Rose nachdenke, frage ich mich oft, woher sie diese Kraft nahmen. Es war ein tiefes inneres Wissen darum, was richtig ist, gespeist aus einem christlichen und humanistischen Menschenbild, das keinen Platz für den Hass auf das Jüdische ließ. Sie haben uns gezeigt, dass Antisemitismus niemals nur das Problem der Betroffenen ist, sondern ein Angriff auf die Seele der gesamten Menschheit. Ihr Opfer am 18. Februar mahnt uns, dass Wegsehen eine Form der Mitschuld ist. Heute, in einer Welt, in der alte Schatten wieder länger werden und Hass oft lauter ist als die Vernunft, ist ihre Geschichte für mich mehr als nur ein vergilbtes Kalenderblatt. Sie ist ein Kompass. Wir müssen die Stimmen sein, die heute dort aufstehen, wo Ausgrenzung beginnt. Wir müssen die „Weiße Rose“ in unserem eigenen Handeln weitertragen, jeden Tag aufs Neue, mit der gleichen Sanftheit und der gleichen unerschütterlichen Entschlossenheit wie Sophie und Hans in jener schicksalhaften Minute in München.

Was löst die Geschichte der Weißen Rose in euch aus, wenn ihr sie im Kontext des heutigen Antisemitismus betrachtet? Glaubt ihr, wir haben genug aus ihrem Mut gelernt, oder sind wir manchmal immer noch zu leise? Schreibt es mir gerne in die Kommentare, ich bin gespannt auf eure Gedanken.

Euer Schimon

Bild: Symbolbild


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Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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