Das große Geschäft mit der Menschlichkeit
Es war heute Morgen noch still draußen, als ich mit meiner kleinen Wilma durch den kühlen Nebel lief. Die Luft war frisch, fast schneidend, und während Wilma vergnügt im feuchten Laub schnupperte, hingen meine Gedanken noch an einer Begegnung von gestern fest. Ich war am Supermarkt gewesen, eigentlich nur für ein paar Besorgungen, als mir am Eingang zwei junge Männer den Weg versperrten. Mit Klemmbrettern bewaffnet und einem offensiven Lächeln forderten sie meine Zeit und vor allem meine Unterschrift für eine Hilfsorganisation. Es ist diese Zeit im Jahr, kurz vor den Feiertagen, in der die Herzen der Menschen weicher werden – und die Portemonnaies lockerer sitzen sollen. Doch statt Mitgefühl spürte ich in diesem Moment vor allem eines: Skepsis. Ich fragte mich unweigerlich, ob es hier wirklich um das Lindern von Not ging oder ob ich gerade Teil eines gut organisierten Geschäftsmodells werden sollte.
Diese Gedanken ließen mich auch beim Gehen nicht los, denn das Bild setzt sich fort, sobald ich meinen Briefkasten öffne. In diesen Tagen quellen sie wieder über: die Hochglanz-Bettelbriefe. Sie zeigen mir Kinder mit großen, traurigen Augen, vernachlässigte Tiere hinter Gittern oder verzweifelte Mütter. Diese Bilder tun weh, und genau das sollen sie auch. Sie sind psychologische Schlüssel, die unser Gewissen aufschließen sollen. Doch wenn ich sehe, welcher Aufwand betrieben wird, um an mein Geld zu kommen, werde ich nachdenklich. Da liegt nicht nur ein Brief, sondern oft auch ein „Geschenk“ bei – ein billiger Kugelschreiber, ein Satz Adressaufkleber oder ein Schlüsselanhänger. Ich sehe es an meinem Vater, einem herzensguten Menschen, der monatlich spendet und dafür Monat für Monat mit neuer Post und neuen kleinen Gadgets überhäuft wird. Wenn ich diese Materialschlacht sehe, drängt sich mir die schmerzhafte Frage auf: Wie viel von seiner gut gemeinten Spende kommt eigentlich noch bei den Bedürftigen an? Wird sein Geld am Ende nur verbrannt, um die nächste teure Werbekampagne zu finanzieren, die ihn wiederum zu noch mehr Spenden drängen soll?
Wenn das Gewissen zur Ware wird
Es ist ein schmaler Grat zwischen echter Hilfe und der Professionalisierung des Mitleids. Natürlich gibt es unendlich viel Not auf dieser Welt, und mein Herz blutet, wenn ich das Leid sehe. Ich bin ein Mensch, der helfen will, der nicht wegschaut. Aber ich habe das Gefühl, dass eine ganze Industrie entstanden ist, die nicht die Lösung der Probleme in den Vordergrund stellt, sondern die Bewirtschaftung unseres schlechten Gewissens. Psychologisch ist das raffiniert eingefädelt: Wir kaufen uns mit einer Überweisung ein Stück seelischen Frieden. Die Organisationen liefern uns das Gefühl, „gut“ zu sein, und im Gegenzug finanzieren wir ihren Apparat. Das perfide daran ist, dass die schwarzen Schafe unter den Organisationen genau jene Mechanismen nutzen – emotionale Erpressung und kleine Geschenke –, um eine künstliche Verpflichtung zu erzeugen. Es ist ein Geschäft mit der Menschlichkeit, bei dem die eigentliche Hilfe zur Nebensache zu verkommen droht.
Helfen mit Herz und Verstand
Bedeutet das nun, dass wir aufhören sollten zu geben? Nein, auf keinen Fall. Die Welt braucht unsere Solidarität mehr denn je. Aber vielleicht müssen wir lernen, anders zu helfen. Nicht aus einem impulsiven Schuldgefühl heraus, das uns ein Werbeposter am Bahnhof einredet, sondern bewusst und informiert. Ich habe mir vorgenommen, genauer hinzuschauen. Wer hat das DZI-Spendensiegel? Wer veröffentlicht transparente Berichte darüber, wie viel Geld wirklich in die Projekte fließt und wie viel in der Verwaltung versickert? Wahre Menschlichkeit braucht kein Hochglanzpapier und keine manipulativen Tricks. Sie ist stiller, direkter und ehrlicher. Wenn ich in Wilmas treue Augen schaue, weiß ich, dass echte Verbindung nicht käuflich ist. Lasst uns also weiterhin helfen, aber lasst uns dabei nicht nur unser Herz, sondern auch unseren Verstand einschalten, damit unsere Hilfe dort ankommt, wo sie Leben retten soll, und nicht in der Marketingabteilung einer Agentur endet.
Euer Schimon
Wie geht es Euch in dieser Zeit des Jahres? Fühlt Ihr Euch von der Flut an Spendenaufrufen auch manchmal überfordert oder bedrängt, und wie entscheidet Ihr, wem Ihr Euer Vertrauen und Euer Geld schenkt? Ich freue mich sehr auf Eure Gedanken in den Kommentaren.


