01.01.1933 – Warnung vor dem Faschismus, Ruf nach dem autoritären Staat und die verzweifelte Hoffnung auf Arbeit
Ich sitze hier an meinem Schreibtisch, draußen bereitet sich die Welt auf den Jahreswechsel 2025/2026 vor, doch meine Gedanken sind ganz woanders. Vor mir liegen die digitalisierten Seiten der Berliner Morgen-Zeitung und der Täglichen Rundschau vom Neujahrstag 1933. Es ist ein merkwürdiges, fast unheimliches Gefühl, in diese Zeit einzutauchen, während das eigene Leben im Hier und Jetzt stattfindet. Wenn ich diese Zeilen lese, spüre ich viele beklemmende Parallelen, so eine Art historisches Echo, das mich frösteln lässt. Wir schauen heute oft mit einer gewissen Überlegenheit zurück, im Wissen um alles, was danach geschah, aber wenn man so tief in die Quellen eintaucht wie ich gerade, dann erkennt man, dass die Menschen damals genauso im Nebel stocherten wie wir manchmal heute. Die Texte sind aufgeladen mit einer Mischung aus nackter Existenzangst, politischer Aggression und diesem seltsamen Drang, sich in den Konsum zu flüchten, während das Fundament der Gesellschaft bereits Risse bekommt. Die riesigen Anzeigen für die Inventur-Verkäufe bei Karstadt oder Tietz, die mit rücksichtslos herabgesetzten Preisen locken, wirken wie ein bunter Vorhang vor einer dunklen Bühne. Es ist dieser Versuch, in der Krise ein Stück Normalität zu kaufen, den ich auch in unserer heutigen Zeit oft beobachte, wenn die Nachrichten uns zu erdrücken drohen und wir uns stattdessen in die nächste Rabattaktion flüchten.
Das bittere Ringen zwischen Freiheit und der Sehnsucht nach Ordnung
Beim Lesen des Leitartikels von Dr. Otto Suhr in der Berliner Morgen-Zeitung wird mir ganz schwer ums Herz. Er warnt so eindringlich vor der faschistischen Gefahr und davor, dass das Zeitalter der Diktatur bereits angebrochen sein könnte. Es ist faszinierend und erschreckend zugleich, wie klar er sieht, dass viele Menschen aus reiner Erschöpfung bereit sind, ihre persönliche Freiheit für das vage Versprechen von Brot und Stabilität aufzugeben. Wenn ich dann zur Täglichen Rundschau hinüberwechsle, begegnet mir Hans Zehrer, der den Tod des Parlamentarismus fast schon feiert und das Jahr 1933 als das Jahr der Wende zum autoritären Staat herbeisehnt. Dieser Kontrast ist es, der mich heute so sehr beschäftigt: Auf der einen Seite die verzweifelte Warnung vor dem Verlust der Demokratie, auf der anderen Seite die intellektuelle Verklärung einer harten Hand. Zehrer schreibt mit einer Kälte, die mich an manche heutige Debatten erinnert, in denen Komplexität als Schwäche ausgelegt wird und man sich nach einfachen, autoritären Lösungen sehnt. Es ist dieser Moment, in dem die Sprache militärisch wird und das Volk nur noch als Masse gesehen wird, die geführt werden muss. Suhr hingegen steht für den Mut des Einzelnen, der sich nicht beugen will, auch wenn der Sturm immer stärker wird. Er ahnt wohl noch nicht, dass er bald selbst im Widerstand um sein Leben und das seiner Frau kämpfen muss, aber sein Text vom Neujahrstag 1933 ist ein flammendes Plädoyer für die Wachsamkeit, das über neun Jahrzehnte hinweg direkt zu mir an meinen Schreibtisch im Jahr 2026 spricht.
Die verlorene Generation und die Flucht in die Sensation
Was mich bei meiner Recherche besonders berührt hat, ist die absolute Perspektivlosigkeit der Jugend in jenen Tagen. Die Berichte über die Schulabgänger, die direkt in die Arbeitslosigkeit entlassen werden, lesen sich wie ein Protokoll der Hoffnungslosigkeit. Von zweiundvierzig Schülern einer Klasse landen fast alle auf der Straße oder in prekären Jobs als Hotelpagen – das ist eine Wunde in einer Gesellschaft, die niemals ganz verheilt. Man spürt förmlich, wie dieser Nährboden aus Enttäuschung und Hunger die Radikalisierung befeuert. Und als gäbe es nicht schon genug echte Probleme, stürzt sich die Berliner Öffentlichkeit auf die Nachricht von der Freilassung der Brüder Sass. Diese Einbrecherkönige werden wie Popstars gefeiert, was mir zeigt, wie tief das Bedürfnis nach Ablenkung und nach Heldenfiguren jenseits der grauen politischen Realität war.
Es ist eine Verrohung der Sitten spürbar, wenn gleichzeitig von Überfällen auf Kirchenkassen berichtet wird und der politische Mord in Sachsen die Gemüter erhitzt. Wir stehen heute, Anfang 2026, an einem ganz anderen Punkt der Geschichte, und doch kenne ich dieses Gefühl einer Gesellschaft, die sich zwischen Sensationen und echter Not verliert. Die Parallelen in der Stimmung, dieser Mix aus Gereiztheit und Sehnsucht nach einem Neuanfang, sind unübersehbar. Es ist, als ob die Menschen damals, genau wie wir heute manchmal, spürten, dass das alte System am Ende ist, aber die Angst vor dem, was kommt, sie entweder lähmt oder in die falschen Arme treibt.
Ein Blick durch das Fenster der Zeit auf unsere eigene Gegenwart
Wenn ich jetzt aus dem Fenster schaue und die Lichter von Hüffenhardt sehe, die Familien die sich auf die Herausforderungen des Jahres 2026 vorbereiten, dann nehme ich die Warnung von Otto Suhr mit in meine eigene Zeit. Er sah das Ende der Freiheit kommen, während andere noch über Astrologie und falsche Propheten lachten oder sich über den neuesten Film mit Hans Albers unterhielten. Es ist diese Gleichzeitigkeit des Alltäglichen und des Katastrophalen, die mich so nachdenklich stimmt. Die Geschichte wiederholt sich nicht eins zu eins, aber die menschlichen Schwächen – die Angst, die Hoffnung, die Verführbarkeit durch starke Worte – bleiben die gleichen. Wir haben heute das Privileg, zurückblicken zu können, aber wir tragen auch die Verantwortung, die Zeichen der Zeit in unserer eigenen Gegenwart zu deuten. Die Analyse dieser alten Zeitungen ist für mich kein pures Hobby, sondern eine Suche nach Antworten auf die Fragen, die uns heute umtreiben. Wie bewahren wir uns unsere Menschlichkeit und unsere Freiheit, wenn die Welt um uns herum immer lauter nach autoritärer Ordnung ruft? Mich bewegt das Schicksal der Menschen von 1933 zutiefst, vor allem, weil sie an diesem Neujahrstag noch nicht wussten, dass ihr Weg in die Dunkelheit bereits begonnen hatte. Ich frage mich oft, welche Schlagzeilen von heute wohl die Menschen in neunzig Jahren lesen werden und was sie über unsere Entscheidungen denken werden. Siehst Du diese Parallelen auch so deutlich wie ich, oder glaubst Du, dass wir heute durch unsere Erfahrung besser geschützt sind vor den Fehlern der Vergangenheit? Mich interessiert Deine Meinung dazu wirklich sehr, also lass uns gerne in den Kommentaren darüber diskutieren, wie wir die Lehren aus der Geschichte in unsere heutige Zeit übersetzen können.
Euer Schimon
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