Kalenderblatt

02.01.1933 – Blutige Silvesternacht, die Krise der NSDAP und Schleichers fatale Taktik

Wenn ich heute die vergilbten Seiten der Berliner Volks-Zeitung vom 2. Januar 1933 lese, dann sehe ich eine Welt, die aus den Fugen geraten ist. Während die Berliner Hausfrauen in den Kaufhäusern nach Schnäppchen im Winterschlussverkauf stöberten und die Sportseiten über die Schlappe der Nationalelf in Italien jammerten, floss auf den Straßen bereits das Blut. Es war das Ende des sogenannten Burgfriedens, jener kurzen Atempause über die Feiertage, und Berlin erwachte in einer Realität aus Schießereien und politischem Mord. Ich frage mich oft, was in den Köpfen der Menschen vorging, die zwischen dem „Füllfederkönig“ in Wien und den Berichten über tote Polizisten hin- und herblätterten. Man versuchte, eine Normalität aufrechtzuerhalten, die es längst nicht mehr gab. Die Gewalt war kein fernes Phänomen mehr, sie war in den Alltag eingesickert, in die Arbeitslager und die Eckkneipen von Lichtenberg.

Es ist erschütternd zu sehen, wie sehr die Sprache der Zeitung bereits von dieser Brutalität durchtränkt war, als wäre der Tod eines SA-Mannes oder eines Polizeiwachtmeisters nur noch eine statistische Randnotiz des Jahreswechsels.

Ein stummes Zeugnis des Beinahe-Unheils: Diese Bleichsoda-Büchse, platziert auf dem Fenstersims des Reichsbanner-Lokals in Berlin-Lichtenberg, sollte in jener Neujahrsnacht Tod und Zerstörung bringen. Nur der feuchten Kälte des Berliner Winters ist es zu verdanken, dass die Zündschnur kurz vor der Explosion erlosch und ein Blutbad verhinderte. Für mich ist dieses Bild das Sinnbild jener Tage: Ein Land, in dem der Funke bereits am Pulverfass glimmte und die Katastrophe nur noch durch reines Glück aufzuhalten war.

Ein Kanzler zwischen den Fronten und das Erbe der alten Eliten

An diesem 2. Januar lag die Macht in den Händen eines Mannes, der heute fast wie eine tragische Randfigur wirkt: Kurt von Schleicher. Er war der „soziale General“, der seit Dezember als Reichskanzler amtierte und gleichzeitig das Reichswehrministerium leitete. In seinem Kabinett saßen Männer wie Konstantin von Neurath im Auswärtigen Amt und Lutz Graf Schwerin von Krosigk an der Spitze der Finanzen – eine Riege von Fachleuten und Aristokraten, die sich für klüger hielten als die Dynamik der Straße. Schleichers Plan war so gewagt wie verzweifelt. Er versuchte die „Querfront“ zu bilden, eine Allianz aus dem linken Flügel der NSDAP um Gregor Strasser, den Gewerkschaften und dem Reichsbanner, um Hitler politisch kaltzustellen. Doch wenn Du Dir die Lage an diesem Tag anschaust, siehst Du das monumentale Scheitern dieser Idee. Hindenburg, der greise Reichspräsident, thronte über allem im Schloss Neudeck oder im Berliner Palais und hielt Neujahrsreden über die Arbeitslosigkeit, während sein engster Kreis bereits begann, am Stuhl des Kanzlers zu sägen. Schleicher hatte keine eigene parlamentarische Mehrheit; er regierte allein durch das Vertrauen des Präsidenten und die Notverordnungen nach Artikel 48 der Weimarer Verfassung. Es war eine Herrschaft auf Abruf, ein fragiles Kartenhaus, das dem Sturm der Straße nicht mehr lange standhalten konnte.

Die Illusion vom Ende der Nationalsozialisten

Was mich bei der Recherche besonders bewegt hat, ist die Tatsache, dass die NSDAP an diesem Montag für viele Beobachter wie eine sterbende Partei wirkte. Wir wissen heute, was folgte, aber für die Leser der Berliner Volks-Zeitung sah es so aus, als würde Hitler gerade alles verspielen. Die Partei war nach den verlorenen Wahlen im November finanziell am Ende und intern tief zerstritten. Die Flucht des Abgeordneten Dr. Bennecke wegen Mordbegünstigung und die Gerüchte über eine Abspaltung der Gruppe um Gregor Strasser zeigten eine Bewegung in der Auflösung. Hitler saß im Hotel Kaiserhof fest und zwang seine Abgeordneten zu demütigenden Treueschwüren, während er verzweifelt versuchte, die Kontrolle zu behalten. Dass diese angeschlagene, in Kriminalität verstrickte Truppe nur wenige Wochen später die totale Macht übernehmen würde, lag nicht an ihrer Stärke, sondern an den Intrigen derer, die sie zu „zähmen“ glaubten. Nur zwei Tage nach diesem Zeitungsbericht, am 4. Januar, sollte das geheime Treffen zwischen Hitler und dem ehemaligen Kanzler Franz von Papen im Haus des Bankiers Schröder stattfinden. Dort wurde Schleichers Schicksal besiegelt. Papen wollte Rache an Schleicher und überzeugte Hindenburg, dass man Hitler als Kanzler in einem Kabinett voller Konservativer „einrahmen“ und damit unschädlich machen könne.

Der blinde Fleck der Geschichte und unser Blick von heute

Es ist diese Diskrepanz zwischen dem sichtbaren Chaos und den verborgenen Deals, die mich so nachdenklich macht. Die Zeitung berichtet über Revolten in Erziehungsanstalten und Bauernproteste, während in den Hinterzimmern der Macht ein ganzes Land verschachert wurde. Die Demokratie starb nicht an einem Tag, sie wurde über Wochen mürbe gemacht, bis die Menschen sich nach Ordnung sehnten – egal um welchen Preis. Schleichers Unfähigkeit, den Reichstag aufzulösen, ohne sofort Neuwahlen auszuschreiben, was Hindenburg ihm verweigerte, war der juristische Stolperstein, der den Weg für die Diktatur ebnete. Wenn ich mir das heute vor Augen führe, erkenne ich, wie wichtig es ist, hinter die Kulissen der offiziellen Verlautbarungen zu blicken. Wir dürfen nicht vergessen, dass Stabilität niemals garantiert ist, wenn die Sprache der Gewalt die Oberhand gewinnt und die Politik nur noch aus taktischen Spielchen besteht. Ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr mir schreibt, wie Ihr über diesen schmalen Grat zwischen politischer Krise und dem Zusammenbruch einer ganzen Gesellschaft denkt – habt Ihr in Eurer Familiengeschichte vielleicht Erzählungen über diese unsichere Zeit zwischen den Jahren 1932 und 1933 gefunden? Lasst uns darüber in den Kommentaren sprechen und gemeinsam versuchen, aus der Geschichte zu lernen.

Euer Schimon


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Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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