Wenn die Liebe nur auf Probe ist: Die Gefahr der inneren Hintertür
Es gibt Fragen, die mich immer wieder einholen, besonders wenn ich über die Dynamik zwischen zwei Menschen nachdenke. Eine davon ist die Frage nach dem Warum. Warum zerbrechen so viele Beziehungen, die doch mit so viel Hoffnung begonnen haben? Wenn ich mir das Zusammenleben von Paaren heute anschaue, merke ich, dass es oft nicht der eine große Knall ist, der alles zerstört. Es ist eher ein schleichendes Gift, ein langsames Verblassen der Nähe. Ich möchte in den nächsten Tagen mit euch gemeinsam genau hinschauen und eine kleine Serie darüber schreiben, welche vier Hauptgründe dazu führen, dass wir uns verlieren. Heute beginnen wir mit dem ersten Punkt, der vielleicht der subtilste und gefährlichste von allen ist: der Mangel an echter Verbindlichkeit.
In meinem Leben bin ich immer wieder Menschen begegnet, bei denen sich in langen, tiefen Gesprächen herausgestellt hat, dass genau hier das Problem liegt. Es sind Paare, die eigentlich alles haben, um glücklich zu sein, und doch schwebt da dieser unsichtbare Schatten über ihnen. Vielleicht kennst du das Gefühl auch: Du liebst deinen Partner, du bist gerne mit ihm zusammen, aber tief in dir drin gibt es diesen winzigen Spalt in der Tür. Ein kleiner Notausgang, den du dir immer offenhältst, nur für den Fall der Fälle. Wir nennen das oft Freiheit oder Unabhängigkeit, aber wenn wir ganz ehrlich zu uns selbst sind, ist es eine „Hintertür-Mentalität“. Das Tückische daran ist, dass wir uns dessen oft gar nicht bewusst sind. Wir glauben fest daran, dass wir voll und ganz da sind, während unser Unterbewusstsein längst die Hand an der Klinke hat.
Ein Sicherheitsnetz, das den freien Fall verhindert – und das Fliegen
Diese Hintertür ist wie ein Sicherheitsnetz, das uns davor bewahren soll, tief zu fallen, wenn die Liebe doch nicht hält. Aber genau hier liegt der Denkfehler: Wer mit Sicherheitsnetz springt, wird nie das wahre Gefühl des Fliegens erleben. Wenn du dich fragst, ob du selbst so einen geheimen Fluchtweg pflegst, schau einmal ganz genau auf dein Bauchgefühl bei langfristigen Plänen. Erwischt du dich dabei, wie du bei Sätzen, die mit „für immer“ oder „nächstes Jahr“ beginnen, innerlich einen Schritt zurücktrittst? Oder hältst du an Dingen fest – sei es die eigene Wohnung, die eigentlich nicht mehr nötig wäre, oder eine emotionale Distanz –, nur um im Ernstfall nicht bei null anfangen zu müssen? Diese Mechanismen sind oft alte Schutzschilde aus unserer Kindheit oder aus vergangenen Verletzungen. Wir versuchen, den Schmerz von morgen zu verhindern, indem wir die Hingabe von heute begrenzen. Doch eine Liebe, die immer unter Vorbehalt steht, kann nie ihre volle Kraft entfalten. Sie bleibt an der Oberfläche, weil wir uns weigern, die Kontrolle abzugeben und uns wirklich verletzlich zu machen.
Was wir dabei oft übersehen, ist die Wirkung auf den Menschen an unserer Seite. Auch wenn du glaubst, deine Hintertür sei gut versteckt: Dein Partner spürt sie. Es ist dieses diffuse Gefühl, nie ganz „ankommen“ zu dürfen. Er nimmt eine subtile Kälte wahr, eine Abwesenheit in Momenten größter Nähe. Er kämpft gegen einen Schatten an, den er nicht greifen kann. Oft führt das dazu, dass der andere Partner umso mehr klammert oder misstrauisch wird, weil das emotionale Fundament unter seinen Füßen ständig schwankt. Es ist ein grausamer Kreislauf: Je mehr du dich durch deine Hintertür schützt, desto unsicherer wird dein Gegenüber, was dich wiederum dazu bringt, den Notausgang noch fester im Blick zu behalten. Am Ende stehen zwei Menschen beieinander, von denen einer innerlich bereits auf dem Sprung ist, während der andere verzweifelt versucht, die Tür zuzuhalten.
Den Mut finden, die Tür endgültig ins Schloss fallen zu lassen
Wenn du nun merkst, dass du genau an diesem Punkt stehst – dass du diese Hintertür hast, sie aber eigentlich gar nicht mehr willst –, dann beginnt die eigentliche Arbeit. Der erste und wichtigste Schritt ist die radikale Ehrlichkeit gegenüber dir selbst. Du musst aufhören, deine Angst als „Freiheitsliebe“ zu tarnen. Schau dir deinen Notausgang genau an: Wovor genau soll er dich schützen? Wenn du die Angst benennen kannst, verliert sie ihre Macht über dich. Sprich mit deinem Partner darüber. Nicht als Vorwurf an dich selbst, sondern als Einladung. Sage: „Ich merke, dass ich oft einen Teil von mir zurückhalte, weil ich Angst habe, verletzt zu werden. Ich möchte lernen, diese Tür zu schließen.“
Das Schließen der Hintertür ist kein einmaliges Ereignis, sondern eine tägliche Entscheidung. Es bedeutet, bewusst Symbole der Gemeinsamkeit zu setzen. Das kann das Auflösen der Zweitwohnung sein, das gemeinsame Sparkonto oder schlicht das Versprechen, auch in einem heftigen Streit nicht sofort die gesamte Beziehung infrage zu stellen. Du musst lernen, die Kontrolle Stück für Stück abzugeben. Erlaube dir, dich in die Abhängigkeit der Liebe zu begeben, denn wahre Intimität gibt es nur dort, wo wir nicht mehr flüchten können. Es ist ein Sprung ohne Fallschirm, ja. Aber erst wenn die Hintertür fest im Schloss verankert ist, wird der Raum davor zum echten Zuhause.
Wie geht es euch damit, wenn ihr über Verbindlichkeit nachdenkt? Habt ihr bei euch selbst schon mal diese „Hintertür“ entdeckt oder fühlt ihr euch gerade ertappt? Schreibt mir eure Gedanken und Erfahrungen dazu gerne in die Kommentare – ich bin gespannt auf eure Geschichten.
Euer Schimon
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