Kalenderblatt
In der Kategorie Kalenderblatt findest du Tage, an denen Geschichte spürbar wird. Ich schreibe über Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts, die mich bewegen – weil sie zeigen, wie schnell sich Gesellschaften verändern, wie Gewalt entsteht, wie Krisen Menschen unverhofft treffen können, aber auch, wie Mut und Verantwortung sichtbar werden. Judentum, Israel und Antisemitismus gehören dazu, weil Erinnerung nicht verhandelbar ist.
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20.12.1932 – Ein Gesetz der Gnade, Bildungsdrang im Stadttheater in Brieg
Der Morgen des 20. Dezembers 1932 legte sich wie ein schweres, feuchtkaltes Tuch über die Dächer von Brieg an der Oder. Wenn ich mir heute vorstelle, wie mein Großvater Oswald Winkler in jenen frühen Stunden durch die Grovestraße schritt, sehe ich einen Mann vor mir, der die Welt mit ganz eigenen, von seinem tiefen Glauben geprägten Augen sah. Während der Frost leise an den Fensterscheiben der Stadt knabberte, passierte in Berlin etwas, das das ganze Land in Atem hielt: Der Reichstag verabschiedete das Gesetz über die Straffreiheit. Diese große Weihnachtsamnestie sollte das zerrissene Deutschland kurz vor dem Fest befrieden und tausende Gefangene zurück nach Hause bringen. Für meinen Großvater war…
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19.12.1932 – Der Fliegende Hamburger, die Stimme Londons und der verordnete Friede
Es ist Montag, der 19. Dezember 1932, und wenn ich mich in diesen Tag hineinversetze, spüre ich eine seltsame, fast surreale Mischung aus frostiger Winterkälte und hitziger technologischer Aufbruchsstimmung. Wir befinden uns in einer Woche, in der die Menschen eigentlich zur Ruhe kommen sollten, denn Weihnachten steht vor der Tür. Berlin ist grau, die Luft ist schneidend kalt, und der Rauch aus den Kaminen der Mietskasernen legt sich wie eine schwere Decke über die Stadt. Doch genau an diesem Morgen, während viele Menschen in ihren dünnen Mänteln zur Arbeit eilen oder sich in die Schlangen der Arbeitsämter einreihen, geschieht etwas, das wie ein Gruß aus einer glänzenden Zukunft wirkt. Am…
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18.12.1932 – Ein leiser Tod in Schöneberg und das Ende einer Ära
Es ist der vierte Advent, ein grauer und kalter Sonntag, der über Berlin liegt. In den Wohnzimmern brennen vier Kerzen, und der Duft von Tannennadeln mischt sich mit dem Geruch von Kohleöfen, die gegen den frostigen Winter ankämpfen. Doch während sich die Stadt auf das Weihnachtsfest vorbereitet, senkt sich in Schöneberg eine tiefe Stille über die Bozener Straße 18. Dort schließt an diesem Tag Eduard Bernstein für immer die Augen. Es ist ein Tod, der symbolischer kaum sein könnte, denn mit dem zweiundachtzigjährigen Vordenker der Sozialdemokratie stirbt in gewisser Weise das Gewissen der Republik, nur wenige Wochen bevor diese endgültig zerschlagen wird. Bernstein war der Mann, der an die Reform…
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17.12.1932 – Der brüchige Weihnachtsfrieden, ein Kampf gegen die Moderne und Jakobs Begegnung
Es ist ein Samstag, der sich in Berlin und im ganzen Reich mit einer trügerischen Ruhe über die Dächer legt. Nur noch eine Woche bis Heiligabend, und die Menschen scheinen sich kollektiv danach zu sehnen, die zermürbende Politik für einen Moment aus ihren kalten Wohnstuben zu verbannen. Wenn ich heute durch die Straßen gehe, spüre ich diese seltsame Mischung aus Erschöpfung und einer leisen, fast naiven Hoffnung. Die Geschäfte sind gefüllt, denn es ist der Samstag vor dem Goldenen Sonntag, und wer noch ein wenig Geld beiseitelegen konnte, sucht nach Geschenken, um den Schein der Normalität zu wahren. Das Wetter passt zur gedrückten Stimmung, ein grauer Himmel hängt tief über…
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16.12.1932 – Zwischen Kaufhausglanz und dunklen Parolen
Berlin zeigt sich an diesem Freitag von seiner spröden Seite. Es ist trocken, kein Regen fällt vom Himmel, doch die Kälte beißt umso gnadenloser. Das Thermometer klettert kaum über den Gefrierpunkt, maximal fünf Grad werden in Dahlem gemessen, und wer heute Morgen zur Arbeit eilte – oder zum Stempeln –, der zog den Mantel fest um sich. Die Luft ist klar, fast schneidend, passend zur politischen Schärfe, die an diesem 16. Dezember durch die Hauptstadt weht. Denn während die Berliner bibbern, hallt noch das Echo des Vorabends durch die Gassen und Wohnzimmer. Reichskanzler Kurt von Schleicher hat gestern Abend im Rundfunk gesprochen, und heute Morgen ist seine Rede das beherrschende…
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15.12.1932 – Kurt von Schleicher am Mikrofon: Die letzte Hoffnung vor dem Abgrund?
Es ist Donnerstagabend und über Deutschland liegt ein nasskalter, trüber Dezembernebel, der tief in die Kleidung kriecht. In den schlecht beheizten Wohnungen der Millionen Arbeitslosen herrscht eine gedrückte Stimmung, typisch für diesen grauen Advent. Doch um Punkt 20:00 Uhr verstummen die Gespräche in den Wohnstuben und Kneipen. Die Menschen rücken näher an ihre Radiogeräte, an die klobigen Röhrenempfänger oder die billigen Detektoren, denn eine Stimme erklingt, die das Schicksal der Republik wenden will. Reichskanzler Kurt von Schleicher, der erst seit knapp zwei Wochen im Amt ist, tritt vor das Mikrofon. Es ist mehr als nur eine Regierungserklärung, es ist der verzweifelte Versuch eines Mannes, das Ruder herumzureißen. Der soziale General…
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14.12.1932 – Ein General hofft, ein Diktator handelt
Es ist ein grauer, nasskalter Mittwoch in Berlin. In den Schaufenstern am Kurfürstendamm glitzert die Weihnachtsdekoration, doch davor stehen Menschen mit hochgeschlagenen Kragen und leeren Taschen. Es sind nur noch zehn Tage bis Heiligabend – ein „Weihnachten der Armut“ steht bevor. Die Stadt hält den Atem an, erschöpft von einem Jahr voller Wahlen, Straßenschlachten und Notverordnungen. Wer heute in die Zeitungen blickt, könnte fast glauben, das Schlimmste sei überstanden. Aber der 14. Dezember ist ein Tag der optischen Täuschung. Der General, der sich zu sicher ist In der Reichskanzlei herrscht fast so etwas wie Optimismus. Reichskanzler Kurt von Schleicher, der „soziale General“, fühlt sich an diesem Morgen stark. Erst vor…
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13.12.1932 – Der Zorn in Rom, die Angst im Kaiserhof und eine trügerische Ruhe
Stell Dir vor, wir blättern gemeinsam zurück, fast ein Jahrhundert, an einen nasskalten Dienstag im Dezember. Wenn wir an das Jahr 1932 denken, haben wir oft sofort die Bilder von Fackelzügen und Marschierern im Kopf, doch der 13. Dezember 1932 erzählt uns eine ganz andere, leisere und zugleich unheimlichere Geschichte. Es ist ein Tag, an dem das Schicksal der Welt auf Messers Schneide stand, getarnt als ein ganz normaler Wintertag. Während die Menschen ihre Krägen gegen den feuchten Wind hochschlugen und sich auf das Weihnachtsfest vorbereiteten, brodelte es unter der Oberfläche. Es ist der Tag, an dem die Dunkelheit, die bald über Europa hereinbrechen sollte, noch einmal zögerte und sich…
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12.12.1932 – Genfer Hoffnung, der Pakt des Drachen und das Zittern vor dem Zahltag
Wenn ich heute auf diesen Montag im Dezember 1932 blicke, läuft mir ein Schauer über den Rücken. Es ist einer dieser Tage, an denen die Geschichte kurz den Atem anhält, bevor sie sich in eine dunkle Richtung wendet. Stell Dir vor, Du gehst an diesem Morgen durch das graue, kalte Berlin. Es ist Advent, aber von besinnlicher Vorfreude ist wenig zu spüren. Die Luft riecht nach Braunkohle und Angst, denn der Winter ist hart und weit über fünf Millionen Menschen haben keine Arbeit. Doch wenn Du an diesem 12. Dezember die Zeitung aufschlägst, springt Dir ein Wort entgegen, das wie ein wärmendes Feuer wirkt: Gleichberechtigung. Es fühlt sich an diesem…
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11.12.1932 – Die Fünf-Mächte-Erklärung, der Fall Strasser und die trügerische Ruhe
Es ist der dritte Advent, ein kalter, grauer Sonntag, an dem sich eine trügerische Stille über Deutschland legt. Während in den Wohnzimmern die Kerzen brennen und die Menschen versuchen, die wirtschaftliche Not für einen Moment zu vergessen, atmet die Weltpolitik scheinbar auf. Die Zeitungen sind voll von einer Nachricht, die wie ein Befreiungsschlag wirkt und doch, ohne dass es die Leser ahnen, das Tor zur Hölle einen Spalt weiter öffnet. In Genf, weit weg vom Berliner Nieselregen, haben sich die Großmächte geeinigt. „Gleichberechtigung“ ist das Wort der Stunde, das an diesem Tag von den Kanzeln und Stammtischen widerhallt. Man glaubt an Entspannung, an einen diplomatischen Erfolg der Regierung Schleicher, und…




















