Das Erlebnis des Neuanfangs: Was uns ein alter Locher über das Altern verrät
Gestern Nachmittag saß ich allein in der Wohnung meiner Eltern. Es ist ein sonderbarer Ort geworden. In der Luft hängt die Stille, die so typisch ist für Räume, in denen die Zeit gerade stehen bleibt. Während mein Vater bereits in der Kurzzeitpflege ist, habe ich meine Mutter zu ihm gefahren, damit sie Zeit gemeinsam verbringen können. Danach bin ich zurückgekehrt, um das zu tun, was getan werden muss: Ordnung schaffen in den Papieren, die Bürokratie mit der Krankenkasse bändigen, den nächsten großen Schritt vorbereiten.
Beim Sortieren der Akten zogen Bilder an mir vorbei. Ich sah meine Eltern vor meinem inneren Auge, wie sie noch vor wenigen Jahren voller Tatendrang ihr großes Haus aufgaben, um in diese Wohnung zu ziehen. Ich sah meinen Vater am Tisch sitzen, wie er seine Geschichten erzählte, und meine Mutter, wie sie in der Küche werkelte. Wir haben hier gelacht und gemeinsam gegessen. Doch während ich die Formulare für das Seniorenheim glattstrich, wurde mir schmerzlich bewusst, dass diese Szene nun der Vergangenheit angehört. Wir stehen vor dem nächsten Schritt. Ich war aufgewühlt, die Emotionen wirbelten in mir wie Staubkörner im Sonnenlicht. In dem Wissen, dass auch diese Wohnung bald Geschichte sein wird, fühlte ich Traurigkeit und Wehmut.
Das schmerzhafte Ende und ein Neuanfang
Dann passierte es. Ich nahm den alten Locher, um ein dickes Bündel Papiere abzuheften. Ich drückte fest nach unten, doch statt des gewohnten Widerstands gab es ein hässliches, knackendes Geräusch. Der Kunststoffbügel zerbrach einfach. Ein scharfer Schmerz schoss durch meine Hand, ein kleiner Schnitt klaffte in der Haut. In diesem Moment blieb die Welt für einen Herzschlag stehen. Ich starrte auf den kaputten Locher und dachte: Er ist einfach ins Alter gekommen. Der Kunststoff ist über die Jahre spröde geworden, er konnte dem Druck nicht mehr standhalten. Er hat buchstäblich den Geist aufgegeben.
Genau so ist es bei meinen Eltern. Auch sie sind nun an einem Punkt im Leben angekommen, an dem die Kräfte nachlassen und das Material des Lebens mürbe wird. Sie haben ihr ganzes Leben gegeben, waren immer für andere da, haben gedrückt und gehalten – und jetzt brauchen sie Hilfe. Es ist ein schmerzhafter Prozess, das anzuerkennen. Sowohl für sie als auch für mich. Der Schnitt in meiner Hand brannte, genau wie das Herz in meiner Brust beim Gedanken an den Abschied von ihrer Selbstständigkeit.
Ich stand kurz da, hielt mir die Hand und fragte mich panisch: Wie soll ich jetzt weitermachen? Wie kriege ich diese Arbeit zu Ende? Aber dann atmete ich tief durch. Ich suchte im Schrank und fand ihn: Einen alten, massiven Locher aus Metall. Er ist stabil, er funktioniert tadellos. Er war einfach da, man musste ihn nur hervorholen.
In diesem Augenblick veränderte sich meine Sichtweise. Ich begriff, dass ich meinen Eltern mit dieser mühsamen Schreibarbeit gerade etwas „erarbeite“: die Möglichkeit auf etwas neues Schönes. Das Pflegeheim ist kein Ende, sondern eine Entlastung. Ein Ort, an dem sie versorgt sind und die Zeit miteinander genießen können, die sie sich so redlich verdient haben. Es ist das Auffangbecken, der stabile Metall-Locher, der übernimmt, wenn der alte Kunststoff bricht. Es ist keine Niederlage, dass sie Hilfe brauchen – es ist ein neuer Weg, der ihnen Sicherheit schenkt.
Es gibt immer einen Ausweg
Dieser kleine Unfall ist für mich zu einer Metapher geworden. Egal, wie festgefahren oder schmerzhaft eine Situation scheint, egal wie sehr wir an unsere Grenzen stoßen: Es gibt immer eine Lösung. Manchmal müssen wir nur den Mut haben, kurz innezuhalten, den Schmerz zu versorgen und dann in eine andere Richtung zu blicken. Der neue Weg liegt oft direkt vor der Haustür, wir müssen ihn nur einschlagen. Ich weiß jetzt, dass für meine Eltern alles gut werden wird. Sie werden sich einfinden und dort eine gute Zeit haben.
Habt Ihr auch schon einmal erlebt, dass ein scheinbar banaler Gegenstand Euch plötzlich die Augen für eine große Lebensentscheidung geöffnet hat? Wie geht Ihr mit Momenten um, in denen etwas Altes zerbricht? Schreibt es mir gerne in die Kommentare – ich freue mich auf Eure Gedanken.
Euer Schimon
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