Aquaponik – Wissen & Anwendungen

Riesentang als Pflanzenretter: Die Urkraft des Ozeans für Garten und Aquaponik

Manchmal sitze ich da und staune einfach nur über die schiere, unbändige Kraft der Natur. Es gibt Momente, in denen mir bewusst wird, wie klein wir Menschen eigentlich sind und welch gewaltige Energien direkt vor unserer Haustür – oder besser gesagt, in den Tiefen unserer Ozeane – schlummern. Stell dir vor, es gibt ein Lebewesen auf diesem Planeten, das an einem einzigen Tag bis zu sechzig Zentimeter wächst. Nicht in einem Monat, nicht in einer Woche, sondern während wir einmal schlafen und wieder aufwachen. In den kühlen, nährstoffreichen Gewässern vor Namibia, Alaska und Neuseeland ist das Realität. Wenn wir verstehen, wie diese Giganten leben, verstehen wir auch, wie sie uns helfen können.

Ein Gigant unter Wasser: Was ist der Birnen-Riesentang?

Dieser Organismus, von dem ich spreche, ist der sogenannte Birnen-Riesentang – wissenschaftlich Macrocystis pyrifera, auch Braunalge genannt. Er ist eine faszinierende Erscheinung, die nichts mit dem grünlichen, glitschigen Belag in einem ungepflegten Gartenteich zu tun hat. In der blauen Stille bei acht bis zehn Grad Wassertemperatur bildet er gigantische Unterwasserwälder, die bis zu 45 Meter in die Höhe ragen, um das Sonnenlicht an der Wasseroberfläche einzufangen.

Er verankert sich mit kräftigen Haftorganen am felsigen Meeresboden, um der gewaltigen Brandung zu widerstehen, doch er hat keine starren Stämme wie unsere Bäume an Land. Stattdessen tanzt er elastisch mit den Wellen. Was ihn aufrecht hält, sind hunderte kleiner, luftgefüllter Schwimmblasen, die wie Perlen an seinen langen Stengeln sitzen – daher auch der Name „Birnen“-Riesentang. In diesem golden schimmernden Wald wimmelt es von Leben; er ist die Kinderstube für unzählige Fische und Krebse. Es juckt uns Gärtner und Aquaponiker natürlich in den Fingern, so ein Wunderwerk selbst zu kultivieren. Doch für unsere heimischen Systeme ist dieser Riese ungeeignet. Er würde in unserem warmen Süßwasser sofort absterben, denn er benötigt die Kälte und die wilde, salzige Bewegung des offenen Meeres.

Mehr als nur Dünger: Natürlicher Stressschutz statt bloßer Nahrung

Aber wir müssen den Riesentang nicht selbst im Aquarium züchten, um seine unglaubliche Widerstandskraft zu nutzen. Es gibt einen entscheidenden Unterschied, den wir verstehen müssen, wenn wir unseren Pflanzen wirklich helfen wollen: Der Unterschied zwischen „Essen“ und „Medizin“.

Klassischer Dünger liefert Nährstoffe – das ist das Essen. Der Extrakt aus dem Riesentang hingegen ist ein sogenanntes Biostimulanz. Er ist vollgepumpt mit Phytohormonen, die das extrem schnelle Wachstum der Alge steuern, sowie mit Alginaten und speziellen Zuckern. Wenn wir diesen Extrakt unseren Pflanzen geben, wirkt das nicht wie eine Kalorienbombe, sondern wie eine Kur für das Immunsystem. Die Inhaltsstoffe helfen der Pflanze, tiefer zu wurzeln und den Wasserhaushalt in ihren Zellen zu regulieren. Sie wird widerstandsfähiger gegen Hitze, Trockenheit und Krankheiten. Wir düngen also nicht für mehr Masse, sondern wir stärken die Pflanze von innen heraus gegen Stress.

Praxistipp für Aquaponik und Hitze: Wenn Pflanzen Hilfe brauchen

Wie wichtig dieser Unterschied in der Praxis ist, wurde mir heute wieder bewusst, als ich mich mit einer lieben Kollegin aus unserem Verein „Zukunft Landwirtschaft“ austauschte. Sie betreibt eine Aquaponik-Anlage im Süden Spaniens und steht vor einer ganz praktischen Herausforderung: Sie hat ihre Fische geerntet, und nun fehlt das natürliche Futter für die Pflanzen.

Mein Rat für den jetzigen Winter war die gute alte Brennnesseljauche, um die fehlenden Nährstoffe aufzufüllen. Doch Pflanzen leiden nicht nur an Hunger. Gerade in Systemen wie der Aquaponik bedeutet eine fehlende Fischpopulation oder schwankende Wasserwerte puren Stress für das Gemüse. Und der nächste heiße spanische Sommer kommt bestimmt. Genau hier ist der Algenextrakt der perfekte Partner zur Brennnessel.

Während die Jauche füttert, sorgt der Algenextrakt dafür, dass die Pflanze diese Nährstoffe überhaupt aufnehmen kann. Er legt sich wie ein Schutzschild um die Zellen. Das Schönste daran ist: Da es ein reines Naturprodukt aus dem Meer ist, schadet der Extrakt den verbliebenen Fischen oder den wichtigen Bakterien im Filter absolut nicht. Wir holen uns also die Urkraft aus den rauen Tiefen des Meeres, um unseren empfindlichen Pflanzen an Land über schwere Zeiten zu helfen. Es ist für mich ein tröstlicher Gedanke: Wenn wir die Stärke des Riesentangs mit unserer Fürsorge verbinden, entsteht ein Wachstum, das auch Stürmen standhält.

Wie geht ihr mit Stressphasen bei euren Pflanzen um? Habt ihr schon einmal bemerkt, dass bloßes Düngen manchmal nicht reicht, wenn das Klima oder die Umgebung verrückt spielen? Ich bin sehr gespannt auf eure Erfahrungen und Tipps in den Kommentaren!

Euer Schimon

Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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