Stark durchs Leben

Überlebenskünstlerinnen am Abgrund: Das geheime Erbe unserer Großmütter zwischen Glanz und Elend

Es ist ein ganz besonderer Moment, wenn man vor seinem Vater steht, der gerade seinen neunzigsten Geburtstag gefeiert hat, und in sein Gesicht blickt, das so viel Geschichte erzählt. Mein Vater, der nun dieses stolze Alter erreicht hat, ist ein Kind jener Zeit, die wir oft nur aus Geschichtsbüchern kennen. Doch wenn ich verstehen will, warum er in manchen Situationen so reagiert, wie er es tut – warum er vielleicht heute noch jedes Stück Brot ehrt oder bei politischer Unsicherheit eine ganz tiefe, stille Unruhe verspürt –, dann darf ich nicht nur auf sein Leben schauen. Ich muss eine Generation weiter zurückgehen. Ich muss mir die Menschen ansehen, die ihn geprägt haben: meine Großeltern. Besonders die Frauen standen in den Jahren 1932 und 1933 an einer Schwelle, die kaum dramatischer hätte sein können. Wenn ich mich heute in die Zeitungen jener Tage vertiefe, entfaltet sich vor mir das Bild einer Frau, die wie eine Seiltänzerin ohne Netz über einem Abgrund balancierte. Es war eine Welt, in der der Glanz der Kinoleinwand mit dem grauen Hunger der Straße kollidierte, und genau in diesem Spannungsfeld wurde das Fundament für das emotionale Erbe meiner Eltern gelegt. Es ist eine Reise in die Tiefe unserer familiären Wurzeln, die mir hilft, das Schweigen oder die Ängste der heutigen Neunzigjährigen nicht nur zu hören, sondern mit dem Herzen zu begreifen.

Die Verwalterin des Mangels und das Erbe der Sparsamkeit

Wenn ich heute durch die Rubriken wie „Die Frau und ihre Welt“ aus dem Januar 1933 blättere, erkenne ich sofort das Bild der „Verwalterin des Mangels“ wieder. Es war die Zeit, in der das Überleben der Familie eine tägliche Management-Aufgabe der Frau war. Die Zeitungen waren voll von Anleitungen, wie man aus dem Wenigen, das man hatte, noch etwas Zauberhaftes erschaffen konnte. Da wurde die „Apfelküche“ gepriesen, weil Äpfel das billigste Winterobst waren, und man erklärte der Hausfrau bis ins kleinste Detail, wie sie aus Resten noch eine sättigende Suppe kocht. Es war eine Erziehung zur absoluten Genügsamkeit. Eine Frau wie „Erna“, von der die Blätter damals schrieben, wurde dafür bewundert, dass sie sich ihr Kleid selbst „geschnitzt“ hatte, weil kein Geld für Neues da war. Diese Frauen trugen die gesamte ökonomische Verantwortung für das häusliche Überleben auf ihren Schultern. Sie waren die Sicherheitsbeauftragten des Alltags, die nicht nur auf die Brandgefahr der Weihnachtsbäume achten mussten, sondern auch darauf, dass die Seele der Familie in der harten Weltwirtschaftskrise nicht zerbrach. Wenn ich heute sehe, wie mein Vater darauf beharrt, Dinge zu reparieren, statt sie wegzuwerfen, oder wie sehr ihn Verschwendung schmerzt, dann sehe ich darin das Echo seiner Mutter. Sie hat ihm diese tiefe, fast religiöse Achtsamkeit gegenüber den Ressourcen des Lebens mitgegeben, weil sie selbst in einer Zeit lebte, in der ein verdorbener Apfel oder ein zerrissenes Kleid eine kleine Katastrophe bedeutete.

Die Angst vor der Bindung und die Sehnsucht nach einer sicheren Welt

Ein Thema, das mich bei meiner Recherche besonders berührt hat, ist die damals weit verbreitete „Bindungsangst“ der Männer, die in Artikeln wie „Ich will heiraten, heiraten…“ fast zynisch beschrieben wurde. In den Jahren 1932 und 1933 sahen viele Männer die Ehe und die Gründung einer Familie nicht als Hafen, sondern als finanzielles Wagnis, das sie schlicht nicht eingehen konnten oder wollten. Die Arbeitslosigkeit war ein alles verschlingendes Monster, und die Frau wurde in dieser Zeit oft zur Bittstellerin degradiert, die verzweifelt nach einer „guten Partie“ suchte, um sozial abgesichert zu sein. Es ist erschreckend, wie aktuell sich dieser Konflikt anfühlt. Wenn wir heute beobachten, dass junge Paare zögern, Kinder in eine Welt zu setzen, die von Klimaerwärmung, Katastrophen und Kriegen gezeichnet ist, dann ist das im Grunde derselbe existenzielle Schmerz, der schon vor über neunzig Jahren die Herzen einschnürte. Damals war es die nackte ökonomische Not, heute ist es die Sorge um die globale Zukunft, aber die Grundangst bleibt die gleiche: die Sorge, einem neuen Leben keinen sicheren Ort bieten zu können. Diese Unsicherheit hat auch die Generation meiner Eltern geprägt. Sie wuchsen mit dem Bewusstsein auf, dass Stabilität ein zerbrechliches Gut ist, das man sich hart erkämpfen muss. Die Frau von 1933 wünschte sich vom neuen Jahr oft nur eines: Arbeit, um den Eltern nicht mehr „auf der Tasche zu liegen“ und vielleicht irgendwann den Mut für eine eigene Familie zu finden.

Träume aus Crêpe de Chine und der Abgrund der Realität

Inmitten dieser harten Realität gab es jedoch eine fast fieberhafte Sehnsucht nach Glanz und Flucht. Frauen wie Ola Alsen oder Clara Bow auf der Kinoleinwand waren die Leuchttürme, an denen man sich orientierte, während man in der Schlange vor dem Arbeitsamt oder beim Billiggroßmarkt stand. Anzeigen für den modernen „Bubikopf“ oder Kleider aus feinem „Crêpe de Chine“ suggerierten eine Freiheit, die für die meisten in weiter Ferne lag. Doch die Realität sah oft anders aus: Die Zeitungen berichteten von entlassenen Hausmädchen, die aus purer Verzweiflung zu Diebstahl oder Brandstiftung griffen, weil der soziale Absturz für eine alleinstehende Frau damals den sofortigen Untergang bedeutete. Diese Frauen waren Seiltänzerinnen zwischen der Moderne – sie arbeiteten als Stenotypistinnen, Lehrerinnen oder Reporterinnen – und einer Gesellschaft, die sie mit aller Macht zurück in die Rolle des braven „Heimchens“ drängen wollte. Wenn ich heute mit meinem Vater spreche, verstehe ich durch dieses Wissen seine Reaktionen viel besser. Ich sehe die Prägungen, die durch seine Mutter zu ihm geflossen sind – diese Mischung aus extremer Belastbarkeit und einer tief sitzenden Skepsis gegenüber dem allzu schönen Schein. Es gibt mir die Möglichkeit, mit einer ganz neuen Empathie auf seine Generation zu schauen. Wir sollten uns öfter fragen, welche unsichtbaren Lasten unsere Eltern von ihren eigenen Müttern übernommen haben, die in einer der dunkelsten Stunden der Geschichte das Licht in ihren Küchen am Brennen hielten. Wie nimmst Du die Verhaltensweisen Deiner Eltern oder Großeltern wahr, wenn Du an ihre Wurzeln denkst? Erkennst Du vielleicht auch diese über Generationen weitergegebenen Überlebensstrategien in Deinem eigenen Alltag wieder? Ich würde mich sehr freuen, wenn Du Deine Gedanken dazu mit mir in den Kommentaren teilst.

Euer Schimon


Entdecke mehr von Schimons Welt

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

Kommentar verfassen