Stark durchs Leben

Wenn die Vision im Nebel versinkt: Wie Cannabis die unternehmerische Selbstkorrektur verändert

Stell Dir einen Gründer vor, der mit einer bahnbrechenden Technologie den Markt revolutionieren will. In der Anfangsphase seines Startups wird Cannabis fast wie ein legitimes Werkzeug eingesetzt: In den späten Brainstorming-Sessions der Ideenschmiede gehört der Joint dazu, um Grenzen im Kopf einzureißen und das „Out-of-the-box“-Denken zu fördern. Es herrscht eine Atmosphäre der Euphorie, und der Konsum ist in diesem kreativen Biotop nicht nur akzeptiert, sondern wird oft als Treibstoff für die Vision gefeiert. Doch spulen wir zehn Jahre weiter nach vorn. Derselbe Gründer sitzt heute in einem Büro, das Projekt hat die Marktreife immer noch nicht erreicht, und die einstigen Weggefährten haben das Unternehmen frustriert verlassen. Was als kreativer Katalysator begann, hat sich über die Jahre in eine schleichende Erosion der Persönlichkeit verwandelt, die nun den Erfolg des gesamten Unternehmens gefährdet. Wenn der Konsum vom punktuellen Impulsgeber zur lebensbegleitenden Gewohnheit wird, verschieben sich bei Führungspersönlichkeiten die Koordinaten von Selbsteinschätzung und Handlungsfähigkeit auf eine Weise, die oft erst bemerkt wird, wenn es für das Projekt bereits zu spät ist.

Dieser Prozess ist deshalb so tückisch, weil er die Metakognition angreift – also unsere Fähigkeit, das eigene Denken und Handeln objektiv zu bewerten. Bei langjährigem Konsum entwickelt sich eine Form der gefühlten Reflexion, die jedoch keine korrigierende Kraft mehr entfaltet. In der Psychologie betrachten wir Cannabis in diesem Kontext als einen emotionalen Weichzeichner. Ein gesundes unternehmerisches Handeln lebt von einer gewissen konstruktiven Unruhe: Wenn ein Meilenstein verfehlt wird, löst das normalerweise Stress oder Unzufriedenheit aus, was wiederum den Impuls zur Selbstkorrektur gibt. Durch die dämpfende Wirkung des THC wird dieser notwendige Schmerzpunkt jedoch systematisch betäubt. Der Visionär registriert das Scheitern zwar intellektuell, aber es löst keinen echten Leidensdruck mehr aus. Man fühlt sich trotz des offensichtlichen Stillstands im Reinen mit sich selbst, während die operative Basis des Unternehmens langsam zerfällt.

Checkliste: 10 Anzeichen für die schleichende Veränderung durch Langzeitkonsum

  1. Diffuse Verbindlichkeit: Zusagen werden oft als bloße Absichtserklärungen behandelt. Es fehlt die klare Unterscheidung zwischen „Ich schaue es mir mal an“ und „Ich liefere das bis Freitag um 12:00 Uhr“.
  2. Die „90-Prozent-Falle“: Projekte werden mit großer Begeisterung gestartet, aber die letzten, mühsamen 10 % bis zur echten Marktreife oder zum Abschluss werden nie erreicht. Die Ausdauer für die „Karrenarbeit“ fehlt.
  3. Pseudo-Reflexion ohne Konsequenz: Die Person kann stundenlang über ihre eigenen Fehler und Defizite philosophieren (hohe Redebereitschaft), aber am nächsten Tag folgt daraus keine Verhaltensänderung. Die Erkenntnis bleibt rein intellektuell.
  4. Vermeidung von emotionalem Stress: Unangenehme Gespräche, Mahnungen oder Konflikte im Team werden auffällig lange vor sich hergeschoben. Der „Leidensdruck“, der normalerweise zum Handeln zwingt, scheint gedämpft.
  5. Verlust der zeitlichen Schärfe: Ein schleichendes Desinteresse an Pünktlichkeit und Fristen macht sich breit. Zeit wird eher als dehnbares Konzept wahrgenommen denn als harte Ressource.
  6. Sprachliche Unschärfe: In Meetings werden viele Worte genutzt, aber die präzise Kernbotschaft fehlt. Sätze bleiben oft vage oder enden in ausschweifenden Exkursen, die vom eigentlichen Thema wegführen.
  7. Selektiver Optimismus: Warnsignale (sinkende Zahlen, kritisches Feedback) werden zwar gehört, aber sofort mit einer „Das wird schon irgendwie“-Attitüde abgetan. Es findet keine realistische Risikoanalyse mehr statt.
  8. Diskrepanz der Selbstwahrnehmung: Die Person nimmt sich selbst als hochgradig empathisch und „connected“ wahr, während das Umfeld sie zunehmend als unnahbar, emotional flach oder geistig abwesend beschreibt.
  9. Ideen-Hopping: Statt ein bestehendes Problem zu lösen, wird ständig eine neue, noch „genialere“ Idee präsentiert. Die neue Vision dient als Fluchtpunkt, um sich nicht mit den schwierigen Details der aktuellen Umsetzung befassen zu müssen.
  10. Apathie in Krisen: In Momenten, in denen das Unternehmen höchste Wachsamkeit und Aggressivität (im Sinne von Tatkraft) erfordert, zieht sich die Person innerlich zurück oder wirkt seltsam ungerührt vom Ernst der Lage.

Neurologisch betrachtet wird hier vor allem das Zusammenspiel zwischen dem Belohnungssystem und dem präfrontalen Cortex korrumpiert. Der präfrontale Cortex ist die Schaltzentrale für unsere Exekutivfunktionen – er ist dafür verantwortlich, Prioritäten zu setzen und die Disziplin für die „letzte Meile“ aufzubringen. Cannabis flutet das Gehirn künstlich mit Dopamin, dem Botenstoff des Antriebs. Das Gehirn lernt über die Jahre eine fatale Abkürzung: Warum die mühsame und oft frustrierende Arbeit der Realisierung auf sich nehmen, wenn das bloße Fantasieren über den Erfolg im Rausch bereits die chemische Belohnung liefert? Für einen Visionär ist das das Ende der Umsetzungskraft. Unter Einfluss von THC erscheint jede neue Idee im Moment ihrer Entstehung brillant und gleichwertig. Die Fähigkeit, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen, bricht zusammen, und die Führungskraft verliert sich in einem Labyrinth aus Nebenkriegsschauplätzen, während das Kerngeschäft stagniert.

In der täglichen Führung und Kommunikation manifestiert sich diese Veränderung oft als eine diffuse Unverbindlichkeit, die für Außenstehende schwer greifbar ist. Eine Führungskraft mit langjähriger Konsumerfahrung nimmt sich oft als besonders empathisch und harmonieorientiert wahr. In Gesprächen mit Partnern oder Mitarbeitern entsteht jedoch eine gefährliche Schieflage: Während der Chef glaubt, eine tiefe Verbindung und Verständnis aufgebaut zu haben, bleibt das Team mit vagen Ansagen und unverbindlichen Zusagen zurück. Die Kommunikation verliert ihre strategische Schärfe. Warnsignale vom Markt oder kritische Finanzzahlen werden zwar wahrgenommen, aber durch den emotionalen Puffer des Konsums nicht als bedrohlich empfunden. Notwendige Konflikte werden gescheut und strategische Kurskorrekturen aufgeschoben. Letztlich entsteht eine Mauer aus Watte zwischen der glänzenden inneren Vision und der harten Realität der Marktzahlen, was dazu führt, dass selbst die vielversprechendsten Projekte in der Beliebigkeit versinken.

Habt Ihr diesen schleichenden Übergang von der kreativen Freiheit hin zur operativen Lähmung schon einmal in Eurem Umfeld beobachtet? Wie geht man mit Visionären um, deren Fokus im Nebel der Jahre verloren gegangen ist? Ich freue mich auf Eure Gedanken und Erfahrungen in den Kommentaren.

Euer Schimon


Entdecke mehr von Schimons Welt

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

Kommentar verfassen