05.01.1933 – „Nur nicht drängeln“ – Hitlers taktisches Warten und das Flammeninferno auf der „Atlantique“
Wenn ich mir heute das vergilbte Blatt der „Deutschen Tageszeitung“ vom 5. Januar 1933 ansehe, dann spüre ich ein ganz merkwürdiges Kribbeln im Nacken. Es ist dieses Wissen um das, was nur wenige Wochen später kommen wird, während die Menschen damals noch im Dunkeln tappten. Das Leitthema, das mich heute am meisten fesselt, ist die fast schon gespenstische Ruhe im Reichstag. Unter der bissigen Überschrift „Nur nicht drängeln!“ verspottet der Kommentator die Nationalsozialisten und ihre aktuelle Taktik. Es ist faszinierend zu sehen, wie die NSDAP, die sonst so lautstark gegen die Regierung von Schleicher poltert, im Parlament plötzlich ganz kleine Brötchen backt. Man hatte mit einem sofortigen Angriff gerechnet, mit einem Misstrauensvotum, das die Republik endgültig ins Wanken bringt. Doch stattdessen stimmten die Nazis einer Vertagung des Reichstags bis zum 24. Januar zu. Der Artikel entlarvt das als bloßes Zeitspiel. Hitler brauchte Ruhe an der Berliner Front, um seine ganze Kraft in den kleinen Landtagswahlkampf in Lippe-Detmold zu werfen. Dort wollte er in nicht weniger als fünfzehn Versammlungen persönlich auftreten, um zu beweisen, dass seine Bewegung nach den herben Verlusten der letzten Monate noch nicht am Ende ist. Es wirkt aus heutiger Sicht fast tragisch, wie die konservative Presse über diese Passivität lachte. Man hielt Hitler für unentschlossen, für jemanden, der Angst vor der eigenen Courage hat und sich hinter den Kommunisten versteckt, denen er das Wort überließ. Doch dieses „Nicht-Drängeln“ war kein Zeichen von Schwäche, wie der Autor damals glaubte, sondern das tiefe Luftholen eines Raubtiers vor dem finalen Sprung. Es erinnert mich daran, dass politische Stille oft viel gefährlicher ist als das lauteste Geschrei.
Zwischen brennendem Luxus und den Träumen vom Fliegen
Während in den Hinterzimmern der Macht taktiert wurde, blickte die Welt an diesem Donnerstag mit Entsetzen auf den Ärmelkanal. Der Schiffsbrand der „Atlantique“, eines französischen Luxusdampfers, ist der Aufmacher des Tages und liefert die dramatischen Bilder, die den Alltag der Menschen für einen Moment anhielten. Achtzehn Tote werden gemeldet, und die Berichte des Kapitäns über das Flammenmeer auf hoher See sind herzzerreißend. Man spekuliert bereits über Brandstiftung in einer Kabine der ersten Klasse – ein „verbrecherischer Anschlag“, der die ohnehin schon angespannte Stimmung in Europa weiter anheizte.

Es ist diese ständige Präsenz von Katastrophen, die das Lebensgefühl jener Zeit prägte. Doch direkt neben dem Grauen auf See findet sich eine Nachricht, die mich wieder hoffnungsvoll stimmt und die Ambivalenz dieser Epoche zeigt. In Friedrichshafen wird am „neuen Zeppelin“ gebaut, dem LZ 129, der später als „Hindenburg“ Weltruhm erlangen sollte. Es ist dieser unbedingte Glaube an den technischen Fortschritt, an die Eroberung der Lüfte, der als Gegengewicht zu den wirtschaftlichen und politischen Trümmern diente. Die Zeitung beschreibt den Bau dieses Giganten mit einer Detailverliebtheit, die zeigt, wie sehr sich die Menschen nach Symbolen für nationale Größe und technisches Genie sehnten. Es ist, als ob man verzweifelt versuchte, den Blick von den brennenden Schiffen und den Straßenschlachten der „Asphalt-Jugend“ in Berlin abzuwenden und stattdessen in den Himmel zu schauen, wo die Zukunft so silbern und glänzend aussah.
Der Kampf um die Scholle und die Seele des Volkes
Ein Thema, das uns heute vielleicht seltsam fern vorkommt, das aber für die Leser der „Deutschen Tageszeitung“ eine existenzielle Bedeutung hatte, war die Agrarpolitik. Das Blatt, das sich stolz dem Schutz von „Stadt und Land“ verschrieb, widmet seitenlangen Platz dem sogenannten Butterbeimischungszwang. Es klingt fast technisch, aber dahinter verbarg sich ein erbitterter Kampf der deutschen Bauern gegen die Margarine-Industrie. Man forderte, dass Margarine ein gewisser Anteil an echter Butter beigemischt werden müsse, um den heimischen Milchmarkt zu retten. Wenn Du die emotionalen Artikel darüber liest, merkst Du, dass es hier um viel mehr als nur um Brotaufstrich ging. Es war eine Abwehrschlacht der traditionellen, ländlichen Welt gegen die Moderne und die Industrie. Die Zeitung verteidigte die Bauern als das Rückgrat der Nation, während sie gleichzeitig vor dem Verfall der Sitten in den Städten warnte. Berichte über einen „Wunderdoktor“ in Steglitz oder die Überfälle jugendlicher Banden zeichneten das Bild einer Gesellschaft, die moralisch aus den Fugen geraten war. Man suchte Halt in alten Werten, in Rezepten für Apfelgerichte und Gartentipps für den Januar, die das Feuilleton füllten. Diese Mischung aus harter Politik, Marktberichten für Viehpreise und der Sehnsucht nach häuslicher Idylle zeigt mir, wie sehr die Menschen damals nach einer Ordnung suchten, die ihnen in der großen Welt abhandengekommen war. Es war ein Ringen um die eigene Identität in einer Zeit, in der sich alles aufzulösen schien. Was denkst Du, wenn Du siehst, wie sehr sich die Menschen damals an solche vermeintlichen Kleinigkeiten wie die Butterpreise klammerten, während im Hintergrund das Schicksal der Demokratie besiegelt wurde? Erkennst Du solche Muster vielleicht auch in unserer heutigen, so schnelllebigen Zeit wieder? Ich bin gespannt auf Deine Sicht der Dinge und freue mich sehr über Deinen Kommentar dazu.
Euer Schimon
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