08.01.1933 – Machen wir heute denselben tödlichen Fehler wie kurz vor Hitlers Machtergreifung?
Wenn wir heute auf diesen Sonntag, den 8. Januar 1933 blicken, dann sehen wir eine Gesellschaft, die innerlich bereits mit der Freiheit abgeschlossen hatte, noch bevor die Nationalsozialisten die Macht ergriffen hatten. In den Seiten der „Täglichen Rundschau“ spüren wir eine Atmosphäre, die fast schon gespenstisch ist. Es war eine Zeit, in der das parlamentarische System der Weimarer Republik von Intellektuellen wie Hans Zehrer bereits für tot erklärt worden war – und das nicht mit Bedauern, sondern mit einer kühlen, beinahe arroganten Überlegenheit. Die Menschen auf den Straßen hungerten nach Brot, aber die Eliten in den Redaktionsstuben hungerten nach einer Ordnung, die das „Gequatsche“ des Parlaments und den ewigen Kompromiss endlich beenden sollte. In diesem Vakuum aus politischer Ohnmacht und sozialer Not entstand ein gefährlicher Nährboden. Es war die Stunde derer, die glaubten, dass man den Staat nur „reinigen“ müsste, um zu einer neuen, autoritären Größe zurückzufinden, während sie in ihrer eigenen Blindheit gar nicht bemerkten, dass sie den Weg für eine Machtebene ebneten, die jede Form von Anstand bereits hinter sich gelassen hatte.
Der Hochmut der Intellektuellen und die „Notwendigkeit“ der Diktatur
Hans Zehrer beschrieb in seinem Leitartikel „Politik ohne Charakter“ eine Entwicklung, die uns heute eine bittere Lehre sein muss, wenn wir sie richtig verstehen. Er war kein verzweifelter Verteidiger der Demokratie; im Gegenteil, er hielt den Übergang zum autoritären Staat für eine zwingende „Notwendigkeit der Dinge“. Er sah das parlamentarische System als einen „Kuhhandel“ an, den er zutiefst verachtete. Was ihn jedoch wirklich empörte, war die Art und Weise, wie dieser Übergang geschah. Er sah, dass der Staat nicht von staatsmännischen Persönlichkeiten mit Format und innerer Haltung übernommen wurde, sondern von „Spielern“, die Politik wie ein Hasardspiel um persönliche Macht betrachteten. Zehrer war entsetzt über die Intrigen hinter verschlossenen Türen, über jenen „undeutschen“ Machiavellismus, bei dem Posten gegen Prinzipien getauscht wurden, wie es kurz zuvor beim Treffen zwischen Papen und Hitler geschah. Er sehnte sich nach einer echten „Autorität“, die aus der moralischen Stärke einer Person kommt, und bekam stattdessen ein schmutziges Spiel von Cliquen. Das ist die tiefe Tragik dieser Tage: Wer die demokratischen Institutionen als schwach diskreditiert und nach der „starken Hand“ ruft, bereitet den Boden für jene, die gar keinen Charakter mehr kennen. Der Verfall beginnt dort, wo man glaubt, dass das Ende der Demokratie ein edler Prozess sein könnte, und dann feststellen muss, dass man nur den Intriganten die Türen geöffnet hat.
Die Einsamkeit in der U-Bahn und der Hunger nach Erlösung
Während die Eliten über die Form des Staates und den „Charakter“ der Führung stritten, spielte sich in den Berliner U-Bahnen das wahre, stille Drama ab. Das Bild des Arbeitslosen, der unfreiwillig „Urlaub“ hat, während das geschäftige Leben an ihm vorbeizieht, ist ein zutiefst bewegendes Zeugnis dieser Zeit. Er fühlt sich nutzlos, aussortiert und vollkommen bedeutungslos für eine Gesellschaft, die nur noch in Massenbewegungen zu denken scheint. Genau dieses Gefühl der absoluten Bedeutungslosigkeit war der Treibstoff, den die Radikalen damals nutzten. In Lippe-Detmold tobte derweil der Wahlkampf-Sturm der NSDAP; Hitler und seine Gefolgsleute schlugen ihr Hauptquartier in einem Schloss auf, um dem Volk Stärke und Glanz zu suggerieren. Sie versprachen Arbeit und nationale Erneuerung und holten damit genau jene ab, die sich wie der Mann in der U-Bahn oder die bürgerliche Frau, die ihren letzten Goldschmuck für Essen verkaufen musste, allein gelassen fühlten. Diese Sehnsucht nach jemandem, der endlich die „einfache Lösung“ anbietet und die Not beendet, ist eine menschliche Urangst, die in Krisenzeiten gnadenlos ausgenutzt wird. Doch die Geschichte zeigt uns, dass diese vermeintliche Erlösung immer einen Preis hat, den am Ende alle bezahlen müssen.
Das bittere Erwachen aus den Träumen von Autorität und Ordnung
Die Tragik von Hans Zehrer und seinem „Tat-Kreis“ liegt darin, dass sie das Feuer mit entfacht haben, vor dem sie nun in ihren eigenen Artikeln warnten. Sie diskreditierten die Demokratie als ineffizient und ebneten so den Weg für eine Form der Macht, die noch viel radikaler mit dem „Charakter“ brach, als sie es sich in ihrem intellektuellen Hochmut hätten vorstellen können. Zehrer sah das Unheil der Intrigen kommen, aber er wollte nicht wahrhaben, dass seine eigene Verachtung für das Parlamentarische genau diesen Raum für die Demagogen geschaffen hatte. Wir dürfen heute nicht den gleichen Fehler machen und die Augen vor der Realität verschließen. Wenn wir zulassen, dass die Grundfesten unseres Zusammenlebens – der Respekt vor dem Gesetz und der Anstand in der politischen Auseinandersetzung – dem Ruf nach einer „starken Hand“ geopfert werden, dann setzen wir Dinge in Bewegung, die wir nicht mehr kontrollieren können. Die Geschichte ist keine ferne Erzählung, sie ist ein Spiegel. Mich würde interessieren, was Du glaubst: Wie können wir verhindern, dass die berechtigte Kritik an politischen Missständen in eine Verachtung für die Demokratie umschlägt, die am Ende nur den Radikalen nützt? Schreib mir Deine Gedanken dazu gerne in die Kommentare, denn ich glaube fest daran, dass wir nur durch diesen ehrlichen Austausch wachsam bleiben können.
Euer Schimon
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