16.01.1933 – Schleichers Forderung nach Wehrpflicht und die Macht des Kyffhäuser-Bundes
Heute habe ich für dieses Kalenderblatt eine Tageszeitung ausgewählt, die auf der ersten Seite über die Forderung nach einer allgemeinen Wehrpflicht berichtet: Die Putlitzer Nachrichten vom 16. Januar 1933. Inmitten einer Zeit massiver Staatsverschuldung und wirtschaftlicher Not trat Reichskanzler von Schleicher vor den Kyffhäuser-Bund und forderte die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Es war ein Moment, in dem die Sprache der Diplomatie durch die Sprache der Aufrüstung ersetzt wurde, während das Deutsche Reich finanziell mit dem Rücken zur Wand stand. Dieser Tag markiert nicht nur eine politische Forderung, sondern offenbart die tiefsitzende Sehnsucht nach einer Stärke, die am Ende in einer globalen Katastrophe münden sollte.
Der Ruf nach militärischer Souveränität inmitten der nationalen Ohnmacht
Die Situation der Streitkräfte, die damals noch als Reichswehr firmierten, war im Januar 1933 durch die harten Bestimmungen des Versailler Vertrages geprägt. Das Heer war auf eine Stärke von lediglich 100.000 Mann begrenzt, besaß keine schweren Waffen, keine Panzer und keine Luftstreitkräfte. In seiner Rede vor dem Kyffhäuser-Bund bezeichnete von Schleicher dieses Verbot, Waffen zu tragen, als „entwürdigend“, „unmoralisch“ und „entehrend“. Er argumentierte, dass das Recht, eine Waffe zu tragen, seit Urzeiten als Merkmal des freien Mannes gelte und dass die Entwaffnung Deutschland zu einem „Volk zweiter Klasse“ herabgewürdigt habe. Schleicher forderte unmissverständlich die militärische Gleichberechtigung und drohte damit, dass die Reichsregierung keine Abrüstungskonvention unterzeichnen werde, die diesen Anspruch nicht anerkenne. Er skizzierte dabei die Vision einer Miliz, welche die bisherige Berufsarmee ergänzen oder ersetzen sollte, um die Wehrkraft des Volkes wiederherzustellen. Diese Forderung fiel in ein politisches Vakuum, in dem die Sehnsucht nach nationaler Würde die wirtschaftliche Vernunft bereits zu überlagern begann.

Der Kyffhäuser-Bund als organisatorisches Rückgrat der nationalen Sehnsucht
Um die Dynamik jenes Tages zu verstehen, musst Du die Rolle des Gastgebers betrachten: Der Kyffhäuser-Bund, offiziell als „Reichskriegerbund Kyffhäuser“ bezeichnet, war weit mehr als ein einfacher Veteranenverein. Seine Geschichte reicht bis in das Jahr 1786 zurück, als er als Unterstützungskasse für Soldaten gegründet wurde, und entwickelte sich im Kaiserreich zu einem mächtigen Dachverband der Kriegervereine. Im Januar 1933 war er mit Millionen von Mitgliedern einer der größten Massenverbände der Weimarer Republik und stellte ein erhebliches machtpolitisches Reservoir dar. Der Bund verstand sich als Bewahrer der „alten Tradition“ und der „Kameradschaft“, wobei er eine Brücke zwischen der kaiserlichen Armee und der neuen Wehrkraft schlagen wollte. Die Weihestunde in Berlin, an der neben Schleicher auch Reichspräsident von Hindenburg und Generalfeldmarschall von Mackensen teilnahmen, unterstrich die enge Verflechtung der Organisation mit der Staatsführung. General von Horn, der Präsident des Bundes, beschwor in seiner Ansprache die Unterordnung des Einzelnen unter das „Wohl des Ganzen“ und forderte eine „Freiheitsbewegung“, die aus der Tiefe des Volkes dringen müsse. Damit lieferte der Bund die ideologische und organisatorische Basis für eine Gesellschaft, die bereit war, Disziplin und Aufrüstung über individuelle Freiheit zu stellen.
Die psychologische Falle der Ehre und der Keim des kommenden Untergangs
Die Frage, warum die Menschen die massive Aufrüstung und später den Weg in den Weltkrieg akzeptierten, findet ihre Antwort in der geschickten Verknüpfung von wirtschaftlicher Not und verletztem Stolz. Das Reich war mit fast drei Milliarden Mark verschuldet, und die Arbeitslosigkeit lastete schwer auf der Bevölkerung. In dieser Situation wirkte das Versprechen von „Arbeit und Brot“ durch Aufrüstung wie ein Heilsversprechen. Man empfand die Wehrlosigkeit als Ursache für die internationale Schwäche und glaubte, dass nur eine starke Armee den wirtschaftlichen Wiederaufstieg sichern könne. Schon hier, im Januar 1933, legte die Sehnsucht nach einer starken Wehrmacht den Grundstein für den späteren Untergang, da die moralische Hemmschwelle gegenüber kriegerischen Handlungen durch den Begriff der „nationalen Ehre“ systematisch abgebaut wurde. Die Bevölkerung sah in der Aufrüstung kein Instrument der Aggression, sondern ein Mittel zur Wiederherstellung der Gerechtigkeit gegen den „Geist von Versailles“. Dieser fatale Irrtum ermöglichte es den Nationalsozialisten, eine bereits militarisierte Grundstimmung aufzugreifen und in einen totalen Krieg zu führen. Wenn man heute diese Texte liest, erkennt man, dass die Katastrophe nicht erst 1939 begann, sondern bereits in den Köpfen jener Menschen, die Stärke mit Würde verwechselten. Mich interessiert Deine Einschätzung: Glaubst Du, dass die Sehnsucht nach nationaler Geltung heute noch ähnliche Gefahren birgt, oder hat die Geschichte uns dauerhaft eines Besseren belehrt? Ich freue mich auf Deinen Kommentar und eine sachliche Diskussion unter diesem Beitrag.
Euer Schimon
Bild: Kyffhäuser-Denkmal in Thüringen um 1900
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