Kalenderblatt

18.12.1932 – Ein leiser Tod in Schöneberg und das Ende einer Ära

Es ist der vierte Advent, ein grauer und kalter Sonntag, der über Berlin liegt. In den Wohnzimmern brennen vier Kerzen, und der Duft von Tannennadeln mischt sich mit dem Geruch von Kohleöfen, die gegen den frostigen Winter ankämpfen. Doch während sich die Stadt auf das Weihnachtsfest vorbereitet, senkt sich in Schöneberg eine tiefe Stille über die Bozener Straße 18. Dort schließt an diesem Tag Eduard Bernstein für immer die Augen. Es ist ein Tod, der symbolischer kaum sein könnte, denn mit dem zweiundachtzigjährigen Vordenker der Sozialdemokratie stirbt in gewisser Weise das Gewissen der Republik, nur wenige Wochen bevor diese endgültig zerschlagen wird. Bernstein war der Mann, der an die Reform glaubte, an den friedlichen Wandel statt an die blutige Revolution, und sein Fortgang hinterlässt eine Lücke, die schmerzlich spürbar ist. In den Redaktionsstuben der jüdischen Zeitungen, wie der C.V.-Zeitung oder der Jüdischen Rundschau, werden bereits die Nachrufe gesetzt. Man trauert nicht nur um einen Politiker, sondern um einen großen Sohn des deutschen Judentums, auch wenn Bernstein selbst säkular lebte. Sein Tod wirkt wie ein leises Verlöschen eines Lichts der Vernunft in einer Zeit, in der die Schatten immer länger werden.

Während die Familie und Freunde Bernsteins trauern, atmet das politische Berlin paradoxerweise auf – eine trügerische Ruhe hat sich über die Stadt gelegt. Kanzler von Schleicher regiert seit zwei Wochen, und auf den Straßen herrscht die weitverbreitete Meinung, der Spuk der Nationalsozialisten sei vorüber. Man wähnt sich in Sicherheit, glaubt, die braune Flut habe ihren Scheitelpunkt überschritten, da die NSDAP bei den letzten Wahlen Stimmen verloren hat. Es ist eine fatale Illusion, die diesen vierten Advent prägt. Die Menschen klammern sich an die Hoffnung, dass Vernunft und Stabilität zurückkehren, während sie ihre letzten Groschen für bescheidene Weihnachtsgeschenke zusammenkratzen.

Faschistischer Glanz im Süden und Katerstimmung bei den Nazis

Wer an diesem Sonntag den Blick über die Grenzen schweifen lässt, sieht ein ganz anderes Bild. Während die deutsche Demokratie leise ihren Vordenker verliert, inszeniert sich der Faschismus in Italien mit lautstarkem Pomp. Benito Mussolini steht an diesem 18. Dezember auf einem Balkon und weiht die Stadt Littoria ein. Wo früher die malariaverseuchten Pontinischen Sümpfe waren, stampften die Faschisten eine neue Stadt aus dem Boden, ein Symbol für die absolute Machbarkeit und den totalitären Willen. Tausende Schwarzhemden und Bauern jubeln dem Duce zu, und die Bilder dieser Einweihung gehen um die Welt. Es ist eine Demonstration der Stärke, die im krassen Gegensatz zur fragilen Unentschlossenheit der Weimarer Republik steht. Mussolini zeigt, was eine Diktatur zu leisten vermag, und blendet die Welt mit Architektur und Pathos.

Ganz anders sieht es im Inneren der NSDAP aus, und das ist die Ironie dieses Tages. Während ihr Vorbild Mussolini triumphiert, sitzt die NS-Führung in Berlin in tiefer Depression. Die Parteikassen sind leer, die Moral ist am Boden. Joseph Goebbels vertraut seinem Tagebuch in diesen Tagen düstere Gedanken an, spricht von Verrat und dem möglichen Ende der Bewegung. Der Streit mit Gregor Strasser hat die Partei fast zerrissen. Für den aufmerksamen Beobachter scheint es an diesem Sonntag tatsächlich so, als würde sich das Problem Hitler von selbst erledigen. Doch genau diese Schwäche der Nazis, kombiniert mit der Arroganz der Konservativen, die glauben, sie könnten Hitler zähmen, bereitet den Boden für die Katastrophe. Währenddessen geschieht in den USA etwas Kurioses, das fast wie eine Flucht aus der schweren Realität wirkt: Wegen eines Schneesturms wird ein wichtiges Football-Spiel zwischen den Chicago Bears und den Portsmouth Spartans in eine Halle verlegt – das erste Indoor-Playoff-Spiel der Geschichte. Auf einem verkleinerten Feld wird Sportgeschichte geschrieben, eine kleine, fast absurde Notiz in einem Weltgeschehen, das ansonsten den Atem anhält.

Zwischen Chanukka-Vorfreude und der trügerischen Stille

Für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist dieser 18. Dezember ein Tag zwischen Trauer und Vorfreude. Da Chanukka in diesem Jahr auf den Heiligen Abend fällt, laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Man kauft Kerzen, plant das Festessen und versucht, die Sorgen der Weltwirtschaftskrise für einen Moment zu vergessen. Der Tod Bernsteins mischt sich in diese Stimmung wie ein dunkler Moll-Akkord. Er war einer von ihnen, einer, der es geschafft hatte, der die deutsche Gesellschaft geprägt hat. Sein Tod erinnert daran, wie tief verwurzelt das jüdische Bürgertum in dieser deutschen Kultur ist – und wie sehr es nun bedroht wird, auch wenn man die Gefahr an diesem Tag gerne verdrängen möchte. Man liest die Zeitungen, diskutiert in den Cafés über Schleicher und Mussolini und hofft inständig, dass das nächste Jahr, 1933, endlich die ersehnte Ruhe bringen wird.

Es ist diese beklemmende Normalität, die den 18. Dezember 1932 so gespenstisch macht. Die Kinos sind voll, man sucht Wärme und Ablenkung. Im Radio laufen Schlager und klassische Konzerte, die über die Ätherwellen in die kalten Stuben dringen. Niemand ahnt, dass dieser vierte Advent der letzte in Freiheit sein wird. Wir blicken zurück auf diesen Tag und sehen die Zeichen an der Wand, die für die Zeitgenossen im Nebel des Alltags verborgen blieben. Wir sehen den Tod eines Demokraten und den Aufstieg der Diktatoren, und wir spüren die Zerbrechlichkeit des Augenblicks. Wie geht ihr mit solchen Momenten der trügerischen Stille um, wenn ihr spürt, dass sich etwas verändert, aber die Welt um euch herum noch so tut, als sei alles in Ordnung?

Euer Schimon


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Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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