Stark durchs Leben

Vom Mut, das Buch weiterzuschreiben: Warum 365 leere Seiten eine Illusion sind

Ein einziger Satz, der mir heute Abend beim Scrollen ganz flüchtig begegnet ist, hat gereicht, um meine Gedanken für Stunden festzuhalten. Da stand er, schlicht und beinahe provokant in seiner Ästhetik: Jedes Jahr ist ein Buch mit 365 leeren Seiten. Es war nur ein kurzer Moment, ein Wischen über das Display, doch die Worte blieben hängen wie ein Echo in einem leeren Raum. Im ersten Augenblick klingt das wunderschön, fast wie ein Versprechen auf Erlösung. Es riecht nach frischer Druckerschwärze, nach einem Neuanfang ohne Altlasten und nach der Freiheit, alles noch einmal ganz anders zu machen. Doch während ich hier sitze und in die Dunkelheit schaue, merke ich, wie sich ein leiser Widerstand in mir regt. Diese Vorstellung von der absoluten Leere fühlt sich für mich nicht nach Freiheit an, sondern nach einer Verleugnung dessen, was mich eigentlich ausmacht. Ich stehe am ersten Januar nicht auf und bin plötzlich wie durch einen Knopfdruck zurückgesetzt. Ich bin kein unbeschriebenes Blatt, und ehrlich gesagt möchte ich das auch gar nicht sein. Ich nehme alles mit in diese neuen Tage, meine gesamte Geschichte, die Menschen, die mein Herz füllen, aber auch die Sorgen, die sich nicht einfach durch den Wechsel einer Jahreszahl in Luft auflösen. Wenn ich in mein inneres Buch schaue, dann beginnt dort kein neues Werk, sondern lediglich ein neues Kapitel mitten in einer Erzählung, die schon lange läuft. Da steckt ein Lesezeichen genau an der Stelle, an der ich gerade im Leben stehe, und vielleicht klebt da sogar noch ein Kaffeefleck auf der Seite vom letzten Jahr, der mich an eine turbulente, aber wichtige Zeit erinnert.

Das Lesezeichen in meiner Geschichte

Was mich an diesem zufällig gelesenen Spruch so sehr beschäftigt, ist der immense Kontrast zu meiner gelebten Realität. Wenn ich an meine kommenden Tage denke, dann ist da rein gar nichts leer. Mein Kalender ist oft schon Wochen im Voraus gefüllt mit Terminen, mit festen Verpflichtungen und Dingen, die einfach nicht verhandelbar sind. Das ist das echte Leben, mit all seinen Strukturen und Anforderungen, die mich fordern und manchmal auch an meine Grenzen bringen. Es wäre eine Lüge, mir einzureden, ich hätte nun 365 weiße Seiten vor mir, auf denen ich völlig frei schalten und walten könnte, ohne Rücksicht auf die Welt um mich herum. Doch je tiefer ich über diesen flüchtigen Impuls von heute Abend nachdenke, desto mehr begreife ich eine wichtige Wahrheit. Nur weil mein Kalender voll ist, bedeutet das nicht, dass die Geschichte jedes einzelnen Tages bereits bis zum letzten Punkt festgeschrieben steht. Termine sind nicht meine Geschichte, sie sind lediglich der Rahmen, so etwas wie die vorgedruckten Linien auf dem Papier oder die Uhrzeiten am Rand einer Seite. Sie geben die Struktur vor, aber sie bestimmen nicht den Text, den ich in diese Stunden hineinschreibe. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ich durch meine fest geplanten Aufgaben hetze, innerlich eng und getrieben von dem Gefühl, nur noch zu funktionieren, oder ob ich mir die Freiheit nehme, zwischendurch einmal tief durchzuatmen und die Verbindung zu mir selbst nicht zu verlieren.

Der Rahmen und die Freiheit dazwischen

Ich stelle mir oft vor, wie zwei Menschen exakt denselben Tag erleben könnten, mit den gleichen Wegen und den identischen Aufgaben im Kalender. Und trotzdem würde jeder von ihnen am Ende eine völlig andere Seite in sein Lebensbuch schreiben. Während der eine vielleicht nur den Druck und die Resignation spürt, gelingt es dem anderen, in einem winzigen Moment zwischen zwei Terminen eine bewusste Grenze zu setzen oder für einen Augenblick die Ruhe in sich selbst zu finden. Am Abend bleibt dann dieses leise, aber kraftvolle Gefühl, dass man trotz aller Belastungen bei sich geblieben ist. Genau das ist der Punkt, an dem die Seite eben nicht mehr leer ist, aber auch noch nicht komplett vorgegeben war. Vielleicht ist das Bild vom Buch viel ehrlicher, wenn wir uns vorstellen, dass einige Zeilen bereits vorgedruckt sind, aber dazwischen immer wieder Freiräume auftauchen. Manchmal sind diese Räume groß und einladend, manchmal sind sie so winzig, dass man sie fast übersieht. Aber sie sind da, und sie zählen. Gerade jetzt, wo das alte Jahr ausklingt und dieser innere Kassensturz beginnt, spüre ich, wie gefährlich solche glatten Sprüche sein können. Sie wecken Erwartungen an eine totale Veränderung, die kein Mensch erfüllen kann. Wir nehmen uns vor, ab sofort jeden Tag perfekt zu nutzen, immer glücklich und diszipliniert zu sein, nur um dann spätestens in der zweiten Januarwoche festzustellen, dass der Alltag uns wieder voll im Griff hat. Dieser unnötige Druck entsteht nur, weil wir versuchen, die alte Geschichte komplett auszuradieren, anstatt sie klug weiterzuerzählen.

Die Magie der kleinen Entscheidungen

Ich möchte den Spruch, der mir heute so zufällig begegnet ist, nicht einfach verwerfen, aber ich möchte ihn für mich übersetzen, damit er eine echte Bedeutung bekommt. Das Jahr ist für mich nicht leer, aber es bleibt in jedem Moment offen. Ich kann nicht über alles bestimmen, was mir begegnet, aber ich schreibe immer mit an der Bedeutung, die ich den Ereignissen gebe. Das fühlt sich für mich viel realistischer und auch würdevoller an. Gestaltung beginnt für mich nicht bei der großen, radikalen Freiheit, sondern bei den kleinen Stellen, an denen ich doch eine Wahl habe. Es geht nicht darum, mein ganzes Leben auf einmal umzukrempeln, sondern mich zu fragen, wo ich heute vielleicht zwei Prozent Spielraum habe. Wie starte ich in den Morgen und in welchem Ton rede ich eigentlich mit mir selbst, wenn etwas schiefgeht? Was lasse ich heute ganz bewusst weg, damit ich nicht das Gefühl verliere, noch selbst am Steuer zu sitzen? Diese kleinen Entscheidungen färben am Ende ein ganzes Jahr viel nachhaltiger als jeder große Vorsatz in der Silvesternacht. Wir dürfen lernen, auf den neuen Seiten zu schreiben, auch wenn schon vieles feststeht und die Tinte der Vergangenheit noch nicht ganz getrocknet ist. Eine Geschichte ist kein Schicksal, sie ist ein roter Faden, den wir immer wieder neu in die Hand nehmen können. Mich würde sehr interessieren, wie du dich beim Gedanken an das neue Jahr fühlst. Suchst du auch nach diesen kleinen Freiräumen in deinem Alltag, oder lässt du dich eher von der Idee der ganz leeren Seiten inspirieren? Schreib mir deine Gedanken dazu unbedingt in die Kommentare, ich freue mich sehr darauf, von dir zu lesen.

Euer Schimon


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Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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