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11.01.1933 – Propagandaschlacht in Lippe, Brandmauer in München und das verzweifelte Ende einer Heimatlosen

Wenn ich heute, Anfang 2026, die digitalisierten Seiten der Vossischen Zeitung vom 11. Januar 1933 lese, überkommt mich ein Schauer, der wenig mit der Winterkälte zu tun hat. Es ist das Gefühl, einem Kartenhaus beim Einsturz zuzusehen, während die Bewohner noch darüber streiten, wie man die Fenster putzt. Ich sitze hier und versuche, diese mit Tinte gedruckten Artikel zu verstehen, die nur neunzehn Tage vor der Katastrophe verfasst wurden. Diese Entwicklung hätten sich die Redakteure zu diesem Zeitpunkt in ihren schlimmsten Albträumen nicht vorstellen können. Es ist unaufhaltsam, wie das herannahen eines Tsunamis, die Geschichte ist besiegelt. In den Berichten dieses Mittwochs begegnet uns ein Deutschland, das in einer merkwürdigen Zwischenwelt gefangen ist: zwischen dem Versuch, bürgerliche Anständigkeit zu wahren, und der rohen Gewalt, die bereits durch die Ritzen des Alltags bricht. Besonders deutlich wird mir das, wenn ich sehe, wie sich der politische Kampf in die kleinsten Provinzen verlagert hatte, während in den Metropolen die letzten Bollwerke der Vernunft verteidigt wurden.

Das Trommelfeuer der Propaganda

In dem winzigen Land Lippe, das gerade einmal 120.000 Wahlberechtigte zählte, inszenierten die Nationalsozialisten an diesem Tag ein Schauspiel, das an Absurdität kaum zu übertreffen war. Sie entfalteten einen „ungeheuren Aufwand an Propaganda“, als hinge das Schicksal der gesamten Zivilisation von diesem kleinen Fleckchen Erde ab. Adolf Hitler selbst war nach Lippe zurückgereist, um persönlich in die Schlacht einzugreifen. Wenn ich die Schilderungen lese, sehe ich die SA-Kolonnen, die in die Region strömten, die patrouillierenden Motorradfahrer und die riesigen Lastkraftwagen, die für den „Saalschutz“ herangefahren wurden, weil Umzüge offiziell verboten waren. Es war ein „Trommelfeuer“, das nichts mit demokratischem Diskurs zu tun hatte, sondern eine rein „psychologische Kriegsführung“ darstellte. In Orten wie Bösingfeld wurden Sonderzüge voller SA-Leute aus der Umgebung eingesetzt, um den Eindruck einer massiven Unterstützung durch die einheimische Bevölkerung vorzutäuschen, obwohl in Wahrheit oft nur zwei Fünftel der Anwesenden tatsächlich aus dem Dorf stammten. Es war eine Inszenierung von Macht in einer Zeit, in der die Partei eigentlich in schweren finanziellen Nöten steckte und Hermann Göring händeringend versuchte, Kredite in Schweden aufzutreiben. Diese Diskrepanz zwischen dem lauten Gebrüll auf den Marktplätzen und dem hohlen Fundament der Parteikasse ist ein tiefgreifendes Mahnmal für die verführerische Kraft einer gut geölten Propagandamaschine, die fehlende Substanz durch schiere Lautstärke ersetzt.

Wo die bürgerliche Mauer noch fest auf dem Fundament stand

Doch inmitten dieser düsteren Zeit gab es an jenem 11. Januar auch Nachrichten, die mir als Zeitreisender ein wenig Hoffnung geben. In München, der sogenannten Hauptstadt der Bewegung, erlebten die Nationalsozialisten eine empfindliche Niederlage, die heute oft übersehen wird. Bei den Wahlen zur Industrie- und Handelskammer versuchte die NSDAP mit „aufreizend-verlogenen antisemitischen Hetzphrasen“, die Kontrolle zu übernehmen. Sie mobilisierten alles, was ihr Apparat hergab, stellten Kandidaten ohne deren Wissen auf und richteten sogar einen Schlepperdienst für Säumige ein. Und doch hielten die Münchner Kaufleute stand. Von den rund 6.000 wahlberechtigten Firmen stimmten nur 605 für die Liste der NSDAP, während die unparteiische Wirtschaftsliste fast das Dreifache an Stimmen erhielt. Die Vossische Zeitung kommentierte dies mit einer Erleichterung, die man fast mit Händen greifen kann: Die Vertretung der Wirtschaft könne somit „auch weiterhin unbelastet von nationalsozialistischen Quertreibereien“ walten. Es war ein Moment, in dem die „Brandmauer“, wie wir sie heute nennen würden, noch hielt, weil Menschen sich weigerten, ihre fachliche Integrität dem politischen Extremismus zu opfern. Gleichzeitig zeigt ein Blick nach Dresden, wie zerbrechlich dieser Sieg war, denn dort hatten die Nationalsozialisten bereits die Mehrheit in der Gewerbekammer gewonnen und begannen sofort damit, alle bisherigen Vorstandsmitglieder rücksichtslos auszuschalten. Diese Gleichzeitigkeit von Widerstand und Unterwerfung macht deutlich, wie sehr das Land damals an einer Wegscheide stand, an der jede einzelne Stimme in einer Handelskammer oder einem kleinen Verein zählte.

Das leise Verstummen der Menschlichkeit im Schatten der Gewalt

Während die Wirtschaftswelt noch rang, forderte die politische Gewalt auf den Straßen bereits ihre Opfer und die Gesellschaft verlor sich in gefährlichen Illusionen. In dem Dorf Leopoldshöhe wurde ein Verwalter des Konsumvereins von vier Nationalsozialisten so brutal zusammengeschlagen, dass sein Gesicht entstellt war und er weder sehen noch sprechen konnte – sein Verbrechen war lediglich das Tragen eines Abzeichens der Eisernen Front. In Pommern fiel der deutschnationale Kreisvorsitzende Steinicke einem Mord zum Opfer, woraufhin die NSDAP-Leitung lediglich behauptete, es handele sich um Provokateure, ohne ein Wort der Verurteilung für die Tat selbst zu finden. Diese Verrohung der Sitten ging Hand in Hand mit einer seltsamen Sehnsucht nach Mythen, wie der Fall des Hochstaplers Daubmann zeigt, der als vermeintlicher Kriegsgefangener gefeiert wurde, weil er den Menschen eine Geschichte erzählte, die sie glauben wollten.

Es geht um den Fall des „falschen Daubmann“, hinter dem sich eigentlich der Schneider Karl Hummel aus Endingen verbarg. Dieser einfache Mann hatte es geschafft, monatelang eine ganze Nation zu täuschen, indem er behauptete, der seit 16 Jahren verschollene Oskar Daubmann zu sein, der nach der Schlacht von Verdun jahrelang in grausamen französischen Kerkern in Afrika gelitten habe. Was mich besonders bewegt, ist die Tatsache, dass er als Märtyrer gefeiert wurde, weil er eine Erzählung erfand, die ein Volk, das sich nach nationaler Heilung sehnte, nur zu gerne glauben wollte. Sogar seine Eltern und Jugendfreunde meinten, ihn nach anfänglichem Zögern wiederzuerkennen, was zeigt, wie stark die Macht der Hoffnung sein kann, wenn das Herz eine verlorene Wahrheit erzwingen will. Hummel war kein hochgebildeter Betrüger, aber er besaß eine instinktive Klugheit: Er nutzte die Hoffnung der Menschen als Schutzschild. Er gab vor, durch die jahrelange Isolationshaft in Afrika, in der man angeblich kein Wort mit ihm reden durfte, das Erzählen verlernt zu haben. Das war seine „geniale Eingebung“, denn so konnte er die 16 Jahre im Gefängnis einfach aus seinen Berichten streichen und musste keine Details über einen Erdteil liefern, den er nie gesehen hatte. Er saß in seinem Krankenbett, umgeben von einem Berg aus Briefen und Telegrammen aus aller Welt, und inszenierte eine scheue Angst vor der Neugier der Menschen. Es war eine „tolle Komödie“ mit grimmigem Humor, ein Schwindel, der laut der Zeitung nur deshalb funktionierte, weil die Welt betrogen werden wollte. Selbst als Skeptiker darauf hinwiesen, dass er in 16 Jahren kaum ein Wort Französisch gelernt hatte oder dass seine Flucht als Nichtschwimmer über das Meer abenteuerlich klang, antwortete er stets mit der entwaffnenden Gegenfrage: „Wo soll ich denn gewesen sein?“. Es bleibt ein denkwürdiges Beispiel für Massensuggestion, das uns zeigt, wie leicht Vernunft und Erfahrung einer Lüge weichen, wenn diese genau die Wunden berührt, die eine Gesellschaft schmerzen.

Doch am meisten bewegt mich an diesem Tag das Schicksal einer einzelnen Frau: Sinaida Wolkow, die Tochter von Leo Trotzki, nahm sich in Berlin-Karlshorst das Leben. Sie war schwer krank, heimatlos und wurde von den Behörden mit einer Abreisefrist bis zum Jahresende unter Druck gesetzt. In ihrer Verzweiflung drehte sie den Gashahn auf und hinterließ ein kleines Kind. Ihr Tod ist ein stilles Zeugnis für die Unmenschlichkeit einer Bürokratie, die in Zeiten des Umbruchs das Individuum aus den Augen verliert. Wenn ich diese Zeilen aus der Vergangenheit lese, frage ich mich, wie wir heute reagieren würden. Was denkst Du, wenn Du von diesem mutigen Widerstand der Münchner Unternehmer liest – gibt Dir das Hoffnung für unsere heutige Zeit, oder macht es Dich eher besorgt, weil Du weißt, wie schnell sich das Blatt damals gewendet hat? Ich freue mich sehr über Deine Gedanken dazu in den Kommentaren.

Euer Schimon


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Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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