Kalenderblatt

11.02.1986 – Vom Gulag in die Freiheit: Wie Natan Scharanski das Sowjet-Regime bezwang und zur jüdischen Legende wurde

Die Geschichte von Natan Scharanski ist eine der bewegendsten Erzählungen über menschliche Standhaftigkeit und den Kampf für die Freiheit im 20. Jahrhundert. Wenn wir uns diesen 11. Februar 1986 genauer ansehen, blicken wir in die Zeit des kalten Krieges, der auf dem Rücken einzelner Menschen ausgetragen wurde.

Natan (damals Anatoli) Scharanski war ein hochbegabter Mathematiker und Schachspieler. In den 1970er Jahren wurde er zu einem der führenden Köpfe der jüdischen Ausreisebewegung in der Sowjetunion, den sogenannten „Refuseniks“. Das waren Menschen, denen der Staat die Ausreise nach Israel verweigerte, oft mit der absurden Begründung, sie seien Geheimnisträger. Scharanski war zudem Gründungsmitglied der Moskauer Helsinki-Gruppe, die die Einhaltung der Menschenrechte überwachte. Damit wurde er für den KGB zum Staatsfeind Nummer eins.

Im Jahr 1977 wurde er verhaftet. Man warf ihm Hochverrat und Spionage für die USA vor – Vorwürfe, die völlig haltlos waren, aber dazu dienten, ein Exempel zu statuieren. 1978 wurde er zu 13 Jahren Haft verurteilt. Die Zeit im Gulag und in Gefängnissen wie Wladimir war brutal. Scharanski verbrachte insgesamt 400 Tage in Isolationszellen bei eisiger Kälte und minimalen Rationen. Was ihn am Leben hielt, war sein unerschütterlicher Geist: Er spielte im Kopf tausende Schachpartien gegen sich selbst, um nicht wahnsinnig zu werden.

Der 11. Februar 1986: Die Brücke der Freiheit

Die Freilassung war kein Akt der Gnade, sondern das Ergebnis jahrelangen, massiven internationalen Drucks, angeführt von seiner Frau Avital, die weltweit Politiker mobilisierte.

Der Tag selbst glich einem Spionageroman: Auf der Glienicker Brücke in Potsdam, die West-Berlin mit der DDR verband, fand ein spektakulärer Gefangenenaustausch statt. Die Sowjetunion tauschte Scharanski gegen mehrere im Westen enttarnte Spione aus. Ein Detail ist besonders bezeichnend für Scharanskis Charakter: Man befahl ihm, bei der Überquerung der Brücke geradeaus zu gehen. Er aber lief im Zickzack, um ein letztes Mal seinen freien Willen gegen die Befehle seiner Peiniger zu demonstrieren.

Noch am selben Abend flog er über Frankfurt am Main nach Israel. Als er auf dem Flughafen Ben Gurion landete, wurde er wie ein Volksheld empfangen. Tausende Menschen waren gekommen, und der damalige Premierminister Schimon Peres begrüßte ihn persönlich. Scharanski war nicht mehr Anatoli, der Gefangene, sondern Natan, der freie Jude in seiner Heimat.

11.02.1986 - Vom Gulag in die Freiheit: Wie Natan Scharanski das Sowjet-Regime bezwang und zur jüdischen Legende wurde
Ministerpräsident Schimon Peres (links) begrüßt den freigelassenen Zion-Gefangenen Antatoli Scharansky bei dessen Ausstieg aus dem Westwind-Flugzeug aus Frankfurt am Flughafen Ben Gurion. Foto: HARNIK NATI, 11.02.1986

Warum dieses Ereignis so bedeutend ist

Scharanskis Schicksal war ein Wendepunkt für das sowjetische Judentum. Sein Sieg über den KGB bewies, dass ein einzelner Mensch durch moralische Integrität ein ganzes Imperium herausfordern kann. Es war der Anfang vom Ende des Eisernen Vorhangs für die sowjetischen Juden. Nur wenige Jahre später, mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, folgten über eine Million Menschen seinem Weg nach Israel.

Für mich persönlich ist diese Geschichte eine Mahnung: Sie zeigt, dass staatlicher Antisemitismus zwar Körper einsperren, aber den Geist der Zugehörigkeit niemals brechen kann. Es ist ein Zeugnis für die Kraft der Identität und die unerschütterliche Hoffnung auf ein Leben in Freiheit.

Wie denkst Du über diesen Mut? Kannst Du Dir vorstellen, in einer so ausweglosen Lage wie in einer Isolationszelle im Gulag die Hoffnung nicht zu verlieren? Ich würde mich sehr freuen, Deine Gedanken dazu in den Kommentaren zu lesen.

Euer Schimon

Bild: Symbolbild


Entdecke mehr von Schimons Welt

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

Kommentar verfassen