Stark durchs Leben

Die Erosion der Aufmerksamkeit: Warum Liebe kein Selbstläufer ist

Es gibt Fragen, die mich immer wieder einholen, besonders wenn ich über unser menschliches Miteinander nachdenke. Eine davon ist die Frage nach dem Warum. Warum zerbrechen so viele Verbindungen, die doch mit so viel Hoffnung begonnen haben? In den Geschichten der Paare, die mir begegnen, zeigt sich oft, dass es nicht der eine große Knall ist, der alles zerstört. In den Lebenswegen der Menschen sehe ich vielmehr ein schleichendes Gift, ein langsames Verblassen der Nähe, dem wir oft zu lange tatenlos zusehen. Nachdem wir über die „Hintertür“ und die „Maximizer-Falle“ gesprochen haben, kommen wir heute zu einem Punkt, der uns alle im Alltag betrifft: Der Mangel an Investition in das gemeinsame Leben.

Verbindlichkeit bedeutet weit mehr als nur ein Ja-Wort oder das Versprechen, zusammenzubleiben. Wahre Verbindlichkeit zeigt sich dann, wenn es gerade nicht spannend ist. In meinen Gesprächen höre ich oft von der schleichenden Einsamkeit zu zweit. Es beginnt meist harmlos: Man nimmt die Nähe des anderen als selbstverständlich hin. Man hört auf, Fragen zu stellen, hört auf, gemeinsam Pläne zu schmieden, und stellt die eigenen Bedürfnisse dauerhaft über die des Partners. Es entsteht eine Konsumhaltung. Man genießt die Vorzüge der Nähe, die emotionale Sicherheit und den gemeinsamen Haushalt, ist aber nicht mehr bereit, die „Arbeit“ zu leisten, die eine lebendige Beziehung nun mal erfordert.

Wenn das „Wir“ zum „Ich“ mit Anhängsel wird

Dieses Bröckeln der Verbindlichkeit ist oft ein leiser Prozess. Ein Partner zieht sich emotional Stück für Stück zurück, investiert seine Energie lieber in den Job, das Hobby oder das Smartphone, während die Beziehung nur noch nebenherläuft. In vielen Begegnungen habe ich gesehen, wie schmerzhaft das für den anderen Teil ist. Es ist das Gefühl, nur noch ein Statist im Leben des geliebten Menschen zu sein. Man funktioniert zwar noch als Team im Alltag – die Miete wird bezahlt, die Kinder werden abgeholt –, aber die Seele der Beziehung verhungert. Wenn wir aufhören, Energie in unser Gegenüber zu stecken, signalisieren wir: „Du bist mir den Aufwand nicht mehr wert.“

Eine Partnerschaft ist kein Ziel, das man einmal erreicht und dann besitzt. Sie ist ein Prozess, der tägliche Pflege braucht. Sobald wir anfangen, die Liebe wie ein Abo zu betrachten, das einfach im Hintergrund weiterläuft, ohne dass wir uns darum kümmern müssen, verlieren wir die Verbindung. Die Konsumhaltung führt dazu, dass wir beim ersten größeren Problem frustriert sind, weil wir verlernt haben, gemeinsam durch den Schlamm zu waten. Wir wollen die Ernte einfahren, ohne jemals gesät oder gegossen zu haben.

Die tägliche Entscheidung für das Gemeinsame

Wie finden wir den Weg zurück aus dieser emotionalen Trägheit? Der erste Schritt ist die schmerzhafte Erkenntnis, dass Liebe eine Tat ist, kein reines Gefühl. Wir müssen uns bewusst machen, dass die „Arbeit“ an der Beziehung nichts Negatives ist, sondern die höchste Form der Wertschätzung. Es geht darum, wieder neugierig zu werden. Wann hast du deinen Partner das letzte Mal gefragt, was ihn gerade wirklich bewegt? Wann hast du eine Entscheidung getroffen, die rein seinem Wohl diente, ohne einen direkten Vorteil für dich selbst?

Um die Verbindlichkeit im Alltag zu stärken, müssen wir wieder anfangen zu investieren – und zwar bedingungslos. Das bedeutet, kleine Rituale der Nähe zu schaffen, die nicht verhandelbar sind. Es bedeutet, aktiv Pläne für die Zukunft zu machen, die über den nächsten Wocheneinkauf hinausgehen. Wir müssen lernen, die eigenen Bedürfnisse wieder öfter mit dem „Wir“ abzugleichen. Wenn du merkst, dass du in die Konsumhaltung gerutscht bist, fang heute damit an, die Tür wieder ein Stück weit aufzumachen. Investition bedeutet Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit ist die reinste Form der Liebe.

Was denkt ihr darüber? Habt ihr auch das Gefühl, dass wir in einer Gesellschaft leben, die Beziehungen eher konsumiert als pflegt? Wo merkt ihr in eurem Alltag, dass die Energie für das „Wir“ knapp wird? Schreibt mir eure Gedanken dazu gerne in die Kommentare – ich freue mich auf unseren Austausch.

Euer Schimon


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Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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