Kalenderblatt
Das „Kalenderblatt“ ist eine tägliche Reise in die Vergangenheit – ein Blick auf Ereignisse aus den Jahren 1932 bis 1945, die uns bis heute etwas zu sagen haben. Jeder Tag erinnert an ein Stück Geschichte, das zeigt, wie sich Gesellschaft verändert, wie Warnzeichen übersehen wurden und wie wichtig es ist, Verantwortung zu übernehmen, bevor es zu spät ist. Diese Texte erzählen von politischen Entscheidungen, jüdischen Lebensgeschichten, schleichenden Gefahren und Momenten, die den Weg in die dunkelste Zeit der Menschheit bereiteten. Das Kalenderblatt will nicht nur erinnern. Es soll stärken. Es soll dazu beitragen, dass wir wach bleiben, dass wir begreifen, wie kostbar Freiheit, Menschlichkeit und Demokratie sind – und wie schnell sie verloren gehen können, wenn wir sie nicht schützen. Jeder Eintrag verbindet die Vergangenheit mit unserer Gegenwart und lädt dazu ein, darüber nachzudenken, welche Werte unsere Welt tragen sollen. In „Stark durchs Leben“ findet diese Kategorie ihren Platz, weil echte Stärke aus Klarheit erwächst: aus dem Wissen, woher wir kommen, und dem Mut, unsere Zukunft besser zu gestalten. Jede Erinnerung ist ein Impuls – für ein bewusstes, waches und menschliches Leben.
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03.01.1933 – Die SA-Meuterei in Kassel, das perfide System der „weggelogenen Morde“ und das soziale Elend Berlins
Wenn ich heute die Zeilen der Berliner Morgen-Zeitung vom 3. Januar 1933 lese, überkommt mich ein beklemmendes Gefühl der Aktualität, das weit über die bloße historische Dokumentation hinausgeht. Besonders der Leitartikel auf Seite zwei, der sich mit den „weggelogenen Morden“ befasst, hat mich tief bewegt und zum Nachdenken gebracht. Die Zeitung entlarvt dort mit messerscharfer Präzision das „schlechte Nazi-Gewissen“ und die Strategie eines Joseph Goebbels, der bereits damals ein wahrer Meister der Propaganda war. Es ist erschütternd zu sehen, wie die NSDAP versuchte, den Mord an dem Arbeiter Müller im schlesischen Neurode einfach umzudeuten. Weil sie die Tat nicht leugnen konnten, erfanden sie die Geschichte, dass die „Marxisten“ ihre eigenen…
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02.01.1933 – Blutige Silvesternacht, die Krise der NSDAP und Schleichers fatale Taktik
Wenn ich heute die vergilbten Seiten der Berliner Volks-Zeitung vom 2. Januar 1933 lese, dann sehe ich eine Welt, die aus den Fugen geraten ist. Während die Berliner Hausfrauen in den Kaufhäusern nach Schnäppchen im Winterschlussverkauf stöberten und die Sportseiten über die Schlappe der Nationalelf in Italien jammerten, floss auf den Straßen bereits das Blut. Es war das Ende des sogenannten Burgfriedens, jener kurzen Atempause über die Feiertage, und Berlin erwachte in einer Realität aus Schießereien und politischem Mord. Ich frage mich oft, was in den Köpfen der Menschen vorging, die zwischen dem „Füllfederkönig“ in Wien und den Berichten über tote Polizisten hin- und herblätterten. Man versuchte, eine Normalität aufrechtzuerhalten,…
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01.01.1933 – Warnung vor dem Faschismus, Ruf nach dem autoritären Staat und die verzweifelte Hoffnung auf Arbeit
Ich sitze hier an meinem Schreibtisch, draußen bereitet sich die Welt auf den Jahreswechsel 2025/2026 vor, doch meine Gedanken sind ganz woanders. Vor mir liegen die digitalisierten Seiten der Berliner Morgen-Zeitung und der Täglichen Rundschau vom Neujahrstag 1933. Es ist ein merkwürdiges, fast unheimliches Gefühl, in diese Zeit einzutauchen, während das eigene Leben im Hier und Jetzt stattfindet. Wenn ich diese Zeilen lese, spüre ich viele beklemmende Parallelen, so eine Art historisches Echo, das mich frösteln lässt. Wir schauen heute oft mit einer gewissen Überlegenheit zurück, im Wissen um alles, was danach geschah, aber wenn man so tief in die Quellen eintaucht wie ich gerade, dann erkennt man, dass die…
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31.12.1932 – Adolf Hitler, der gefährliche Okkultismus und die Rolle des Hellsehers Hanussen
Es ist der letzte Tag eines Schicksalsjahres, und wenn ich mir vorstelle, wie die Menschen in Berlin an diesem Silvesterabend 1932 gefeiert haben, überkommt mich ein beklemmendes Gefühl. Während der Sekt floss und man sich ein frohes neues Jahr wünschte, ahnte kaum jemand, dass die Welt, wie sie sie kannten, nur noch vier Wochen existieren würde. In den Redaktionen der großen Zeitungen, wie der Berliner Volks-Zeitung, herrschte eine fast schon übermütige Stimmung gegenüber den Nationalsozialisten. Man lachte über Adolf Hitler. Er galt als politisch erledigt, seine Partei war nach den Verlusten der letzten Wahlen finanziell ruiniert und innerlich zerstritten. Doch was mich heute so tief bewegt, ist die Tatsache, dass…
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30.12.1932 – Zwischen Silvestervorfreude und dem heroischen Gift der Ablenkung
Wenn ich heute, im Jahr 2025, durch die digitalisierten Zeitungsarchive von Ende Dezember 1932 blättere, weht mir ein seltsames Gemisch aus Alltäglichkeit und schleichendem Verfall entgegen. Es ist dieser 30. Dezember, ein Tag, an dem die Menschen in Berlin, Breslau oder Senftenberg eigentlich damit beschäftigt sein sollten, den Karpfen für das Silvesteressen vorzubereiten oder sich auf die großen Bälle im Haus Vaterland zu freuen. Die Anzeigen in der Vossischen Zeitung locken mit Pfannkuchen und der Aussicht auf eine glanzvolle Nacht, während in den Kinos Hans Albers im Ufa-Blockbuster „F.P.1 antwortet nicht“ seinen Fliegersong schmettert. Es ist eine Welt, die verzweifelt versucht, so zu tun, als sei alles in Ordnung. Doch…
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29.12.1932 – Die braune Mordpest, der Aufschrei der Gelehrten und das schmutzige Tauwetter der Republik
Wenn Du an diesem Donnerstag, dem 29. Dezember 1932, Deine Wohnung verlässt, hörst Du als Erstes das unaufhörliche, fast schon aggressive Tropfen von den Dächern. Es ist ein Geräusch, das wie ein unheimlicher Countdown wirkt. Die weiße Pracht der Weihnachtstage ist in sich zusammengesunken und hat sich in einen tückischen, graubraunen Matsch verwandelt, der Dir die Schuhe durchweicht und die Straßen Berlins in eine schmierige Rutschbahn verwandelt. Dieses Tauwetter ist mehr als nur ein Wetterumschwung; es ist eine bittere Metapher für den Zustand unserer sterbenden Republik. Der Schnee, der die Not und den politischen Schmutz für ein paar Tage gnädig zugedeckt hat, schmilzt nun gnadenlos dahin und legt die hässliche…
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28.12.1932 – Milliardennot der Kommunen, das Notwerk der Jugend und die Teuerung des Überlebens
Wenn Du an diesem Mittwoch, dem 28. Dezember 1932, durch die Straßen Berlins oder einer der vielen kleinen brandenburgischen Gemeinden läufst, spürst Du sofort, dass die bleierne Schwere der Weihnachtstage noch nicht gewichen ist. Der Himmel hängt tief und grau über uns, und stellenweise kriecht ein dichter Nebel durch die Gassen, der nicht nur die Sicht nimmt, sondern auch symbolisch für die undurchsichtige Zukunft steht, auf die wir alle zuwanken. Es ist ein Tag, an dem die blanke Not in Zahlen gegossen wird, die so gigantisch sind, dass sie für den einfachen Arbeiter, der gerade überlegt, ob er sich den Silvesterkarpfen überhaupt leisten kann, kaum noch fassbar sind. Die Zeitungen…
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27.12.1932 – Schlamm im Wedding, Träume auf hoher See und die kalte Arithmetik des Überlebens
Wenn ich heute in meinem Arbeitszimmer die digitalisierten Archivseiten der Berliner Morgen-Zeitung und der Deutschen Tageszeitung durchgehe, dann spüre ich die feuchte Kälte dieses Dienstags fast körperlich. Es ist der 27. Dezember 1932, der erste Werktag nach dem Weihnachtsfest, und die Welt scheint entschlossen, jede festliche Milde mit einem Schlag wegzuwischen. Während ich die Berichte lese, sehe ich das Berlin jenes Tages vor mir: Es ist kein Winterwunderland mehr, sondern eine Stadt im massiven Tauwetter. Bei acht Grad Wärme schmilzt der Schnee zu einem schmutzigen, grauen Brei, der die Stiefel der Menschen durchnässt und die Rinnsteine verstopft. In Schlesien klettern die Temperaturen sogar auf zwölf Grad. Die Zeitungen schreiben von…
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26.12.1932 – Tauwetter in Berlin, der Fememord der SA und die Not der Lebensmitteldiebe
Es ist ein besonderes Gefühl, wenn wir uns gemeinsam durch diese alten Zeitungsseiten blättern und spüren, wie die Distanz der Jahrzehnte plötzlich schwindet. Wenn du dir vorstellst, wie die Menschen an diesem Montagmorgen im Dezember 1932 die Berliner Morgen-Zeitung aufschlugen, dann siehst du eine Welt, die zwischen festlicher Besinnlichkeit und dem nackten Überlebenskampf zerrissen war. Draußen vor den Fenstern vollzog sich ein radikaler Wetterumschwung, der fast wie eine Metapher für die politische Lage wirkte. Die weiße Pracht, die über die Feiertage ein wenig Reinheit vorgetäuscht hatte, schmolz unter dem einsetzenden Tauwetter dahin und hinterließ nur grauen Matsch auf dem Pflaster. Über 300.000 Berliner, die voller Hoffnung ins Umland aufgebrochen waren,…
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25.12.1932 – Aufruf der Reichsregierung und Kampagne gegen Bernhard Weiß
Ich sitze heute an meinem Schreibtisch und halte eine digitale Kopie des Reichsbote vom 25. Dezember 1932 in den Händen. Wenn ich diese vergilbten Zeilen lese, fühle ich mich wie ein Beobachter, der aus der sicheren Distanz der Gegenwart in eine Epoche blickt, die von tiefster Verunsicherung und gleichzeitigem Hoffen geprägt war. Es ist ein seltsames Gefühl, diese Berichte zu studieren, während ich genau weiß, welche dunklen Jahre auf diesen Winter folgen sollten. Damals kostete die Zeitung gerade einmal zehn Pfennig. Draußen herrschte an diesem ersten Weihnachtsfeiertag ein fast schon frühlingshaftes Wetter, das in krassem Gegensatz zur wirtschaftlichen Kälte im Land stand. In London blühten laut den Meldungen sogar die…