Kalenderblatt
In der Kategorie Kalenderblatt findest du Tage, an denen Geschichte spürbar wird. Ich schreibe über Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts, die mich bewegen – weil sie zeigen, wie schnell sich Gesellschaften verändern, wie Gewalt entsteht, wie Krisen Menschen unverhofft treffen können, aber auch, wie Mut und Verantwortung sichtbar werden. Judentum, Israel und Antisemitismus gehören dazu, weil Erinnerung nicht verhandelbar ist.
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17.02.2024 – Wenn die Israelfahne zur Zielscheibe wird
Zwei israelische Fahnen an einer Bushaltestelle am Potsdamer Platz – leider kein alltägliches Bild in einer weltoffenen Stadt. Am 17. Februar 2024 wurde genau dieser Anblick zum Auslöser für einen Gewaltausbruch, der mich bis heute fassungslos macht. Es war ein Samstagnachmittag, der uns schmerzhaft daran erinnert, dass die Freiheit, seine Identität offen zu zeigen, für viele von uns an einer Bordsteinkante enden kann. Vor genau zwei Jahren ereignete sich im Herzen Berlins eine Szene, die mich auch heute noch fassungslos macht. Ein 41-jähriger Mann war an diesem Samstagnachmittag unterwegs, er kam gerade von einer Solidaritätskundgebung und trug zwei israelische Fahnen bei sich – ein Zeichen der Identität und Verbundenheit. Doch…
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Vom Warschauer Ghetto zur Knesset: Warum der 16. Februar jüdische Geschichte schrieb
Manchmal habe ich das Gefühl, dass der Kalender uns Geschichten erzählt, die weit über das bloße Datum hinausgehen. Wenn ich heute auf den 16. Februar blicke, dann sehe ich nicht nur einen Tag im Winter, sondern einen tiefen, schmerzvollen und zugleich hoffnungsvollen Pfad der jüdischen Geschichte. Es ist ein Datum, das uns zeigt, wie eng Vernichtung und Neuanfang, Ungerechtigkeit und Gerechtigkeit beieinanderliegen können. Wenn wir genau hinsehen, erkennen wir einen roten Faden, der sich durch die letzten Jahrzehnte zieht und uns etwas über die Zusammenhänge lehrt, die man oft nur bei genauerer Betrachtung erkennt. Von der Vernichtung zur lauten Stimme Stell Dir vor, es ist der 16. Februar 1943. In…
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15.02.1922 – Den Haag, ist das Völkerrecht gescheitert oder unsere einzige Chance gegen Diktatoren?
Ein Gerichtssaal kann ein kühler Ort sein, voller Paragrafen und strenger Gesichter. Doch wenn wir genau hinschauen, ist er oft die einzige Brandmauer zwischen der menschlichen Zivilisation und dem totalen Chaos. Heute möchte ich mit euch genau 104 Jahre zurückreisen, an einen geschichtsträchtigen 15. Februar im Jahr 1922. An jenem Tag öffnete der Friedenspalast in Den Haag seine Pforten für die erste Sitzung des Ständigen Internationalen Gerichtshofs. Unter der Leitung des Niederländers Bernard Loder geschah etwas, das viele Zeitgenossen für eine bloße Träumerei hielten: Die Geburtsstunde einer echten Weltjustiz. Zum ersten Mal in der modernen Geschichte gab es ein festes Gremium aus Richtern verschiedener Nationen, das nicht nur gerufen wurde,…
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12.02.1940 – Wenn Regentropfen an Tränen erinnern: Wolff Grunwald und das Schweigen von Stettin
Ich war heute den ganzen Tag unterwegs, und während der Regen immer wieder peitschend gegen die Scheiben schlug und die Welt da draußen in ein trostloses Grau tauchte, ließen mich meine Gedanken nicht los. Es ist heute der 12. Februar, und trotz der Nässe und der Ungemütlichkeit des heutigen Tages wanderten meine Gedanken unaufhörlich zurück in eine ganz andere, weit grausamere Kälte. Gestern am Spätnachmittag hatte ich mich schon mit diesem Thema befasst. Ich musste immer wieder an jene Nacht vom 12. auf den 13. Februar 1940 in Stettin denken, als das, was wir heute unter Zivilisation verstehen, einfach in der Dunkelheit versank. Damals war es kein Regen, der die…
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11.02.1986 – Vom Gulag in die Freiheit: Wie Natan Scharanski das Sowjet-Regime bezwang und zur jüdischen Legende wurde
Die Geschichte von Natan Scharanski ist eine der bewegendsten Erzählungen über menschliche Standhaftigkeit und den Kampf für die Freiheit im 20. Jahrhundert. Wenn wir uns diesen 11. Februar 1986 genauer ansehen, blicken wir in die Zeit des kalten Krieges, der auf dem Rücken einzelner Menschen ausgetragen wurde. Natan (damals Anatoli) Scharanski war ein hochbegabter Mathematiker und Schachspieler. In den 1970er Jahren wurde er zu einem der führenden Köpfe der jüdischen Ausreisebewegung in der Sowjetunion, den sogenannten „Refuseniks“. Das waren Menschen, denen der Staat die Ausreise nach Israel verweigerte, oft mit der absurden Begründung, sie seien Geheimnisträger. Scharanski war zudem Gründungsmitglied der Moskauer Helsinki-Gruppe, die die Einhaltung der Menschenrechte überwachte. Damit…
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10.02.1970 – Blutbad in München: Warum dieser jüdische Held 55 Jahre vergessen wurde?
Während ich heute durch meine Notizen für das „Kalenderblatt“ ging, blieb ich an einem Datum hängen, das mich seitdem nicht mehr loslässt. Ich saß hier an meinem Schreibtisch, und je tiefer ich in die Details des 10. Februars 1970 eintauchte, desto mehr wurde mir klar, dass ich heute über dieses Ereignis berichten muss. Es ist die Geschichte eines Anschlags am Flughafen München-Riem, die mich tief bewegt hat. Ich sehe die Bilder vor mir: Ein Transitbus auf dem Rollfeld, Menschen voller Erwartung auf ihre Reise nach London, und plötzlich bricht das pure Chaos aus. Inmitten dieser Panik steht Aryeh Katzenstein, ein 32-jähriger Familienvater. Ich frage mich seither unaufhörlich, was in diesem…
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09.02.1969 – Wahnsinn in den Wolken: Warum die Boeing 747 die Welt für immer veränderte!
Es gibt Momente in der Geschichte, die nicht nur Zahlen in einem staubigen Archiv sind, sondern die unser aller Leben spürbar verändert haben. Wenn ich heute auf das Kalenderblatt schaue, bleibe ich am 9. Februar hängen. Wir schreiben das Jahr 1969. In Everett, im US-Bundesstaat Washington, schiebt sich ein Flugzeug aus einer Werkshalle, das alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt. Die Boeing 747, der erste „Jumbo-Jet“, bereitet sich auf seinen Jungfernflug vor. Es ist ein grauer Morgen, doch als die Triebwerke zum ersten Mal vor den Augen der Weltöffentlichkeit aufheulen, beginnt eine neue Zeitrechnung des Reisens. Ich erinnere mich noch genau an mein eigenes erstes Mal in diesem majestätischen…
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08.02.1950 – Die Geburtsstunde der Stasi und das dunkle Erbe der Täter
Am Mittwoch, dem 8. Februar 1950, beschließt die Volkskammer der DDR ein Gesetz, das auf dem Papier harmlos wirkt, aber in der Wirklichkeit ein Machtinstrument von historischer Bedeutung schafft: das „Gesetz über die Bildung eines Ministeriums für Staatssicherheit“. Es ist kurz, fast nüchtern. Und gerade diese Nüchternheit ist das Erschreckende daran. Ein Staat baut sich sein Überwachungsorgan – nicht weil ein besonderer Bedarf besteht, sondern weil er diese ganz „normale“ staatliche Institution als Ministerium zum Machterhalt haben möchte. Vier Monate nach Gründung der DDR wird damit die bisher dem Innenministerium unterstellte „Hauptverwaltung zum Schutze der Volkswirtschaft“ herausgelöst und in ein eigenständiges Ministerium überführt. So steht es im Gesetztext. Politisch bedeutet…
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31.01.1933 – Demokratie am Abgrund? Warum das „Zähmen“ von Extremisten schon 1933 krachend scheiterte
Ich habe heute einen Artikel gelesen, der bei mir diesen inneren Alarm ausgelöst hat, den ich inzwischen sehr ernst nehme. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst warnt vor den nächsten Landtagswahlen und zieht dabei eine direkte Linie zum Jahr 1933. Er tut das nicht als billigen Vergleich, sondern als Mahnung daran, wie schnell eine Demokratie verschwinden kann, wenn Antidemokraten erst einmal an den Schalthebeln sitzen. Wüst sprach im Bundesrat anlässlich des Holocaust-Gedenkens und sagte sinngemäß: Die Idee, Extremisten würden sich „in der Verantwortung“ schon von selbst entzaubern, sei gefährlicher Unfug. Und dann folgt dieser eine Satz, der bei mir hängen geblieben ist: Es sei nicht auszuschließen, dass ein Feind unserer Demokratie sogar…
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24.01.1933 – Wenn der Hörsaal zum Schlachtfeld wird
In den Januartagen des Jahres 1933, nur eine Woche vor dem endgültigen Umbruch in Deutschland, spielten sich an der Universität Breslau Szenen ab, die uns heute als Mahnung dienen müssen. Ein Bericht der Vossischen Zeitung vom Dienstag, den 24. Januar 1933, zeichnet ein erschütterndes Bild von Hass und organisierter Gewalt gegen die Freiheit der Lehre. Die Atmosphäre an den deutschen Universitäten war damals bis zum Zerreißen gespannt. Nationalsozialistische Studentenorganisationen hatten das Ziel, jüdische Gelehrte und demokratisch gesinnte Professoren systematisch zu vertreiben. Professor Ernst Cohn, ein anerkannter Jurist und Sozialdemokrat, stand im Fadenkreuz dieser Bewegung. Am Morgen des 24. Januar 1933 eskalierte die Situation: Schon beim Betreten der Universität wurden stürmische…