Zu allem Großen ist der erste Schritt Mut: Mein Kalenderblatt-Marathon beginnt
Ich sitze hier, schaue auf diesen Kalender, den ich zu Weihnachten bekommen habe, und irgendwie fühlt sich dieses erste Blatt an wie ein kleiner Spiegel. Erste Woche im Jahr, erstes Zitat, und dann ausgerechnet Goethe: „Zu allem Großen ist der erste Schritt Mut.“ Und ich merke sofort, wie sehr das trifft. Nicht so ein weichgespülter Spruch, den man einmal liest und dann weiterblättert, sondern etwas, das einem direkt in die Rippen piekst. Weil es genau da landet, wo es wehtut: beim Anfang.
Denn die erste Herausforderung in so einem neuen Jahr ist ja selten der Plan. Pläne kann ich gut. Listen, Ideen, schöne Gedanken, Vorsätze, das alles ist schnell aufgeschrieben. Die echte Hürde ist dieser Moment, in dem ich den Sessel verlassen muss. Dieses kleine, unspektakuläre Aufstehen. Der Körper bleibt sitzen, der Kopf macht weiter, und das Herz denkt sich: „Später.“ Und aus „später“ wird so leicht „morgen“. Und aus „morgen“ wird „ach, lassen wir’s“.
Goethe sagt nicht, dass der Mut der Marathon ist. Er sagt nicht, dass Mut bedeutet, sofort alles im Griff zu haben, perfekt zu sein, durchzuziehen, nie zu zweifeln. Er sagt: der erste Schritt braucht Mut. Und das ist eine andere Kategorie. Weil der erste Schritt nicht anstrengend ist, weil er lang ist. Sondern weil er das Tor aufmacht. Weil ich in dem Moment nicht mehr nur jemand bin, der darüber nachdenkt, sondern jemand, der es wirklich macht.
Veränderung beginnt nicht mit dem Marathon – sondern mit heute
Ich merke, wie schnell ich mir selbst die Luft nehme, wenn ich ein großes Vorhaben als Ganzes anschaue. Dann sieht alles aus wie ein riesiger Berg. Jeden Tag schreiben? Jeden Tag dranbleiben? Jeden Tag liefern? Das klingt sofort nach Marathon, nach Disziplin, nach „hoffentlich halte ich das durch“. Und genau da fängt dieses alte Spiel an: Ich bewerte schon vor dem Start, ob ich überhaupt ankommen werde. Und wenn ich mir selbst nicht zutraue, anzukommen, dann will ich am liebsten gar nicht erst losgehen.
Aber so funktioniert Leben nicht. Nicht, wenn man wirklich etwas verändern will. Veränderung beginnt nicht mit einem Marathon. Veränderung beginnt mit Vertrauen. Mit dem Vertrauen, dass ein Schritt genügt, um den zweiten überhaupt möglich zu machen. Dass ich nicht heute schon beweisen muss, dass ich bis Dezember durchhalte. Ich muss heute nur beweisen, dass ich heute beginnen kann.
Und das ist der Punkt, der mir gerade richtig hilft: Ich muss nicht das ganze Jahr schaffen. Ich muss nur heute schaffen. Ich muss nicht 365 Artikel auf einmal schreiben. Ich muss nur diesen einen schreiben. Ich muss nicht jetzt schon wissen, wie ich mich in drei Monaten fühle, ob ich müde bin, ob ich krank bin, ob ich überfordert bin. Ich muss nur heute einen Platz im Tag finden, an dem ich mich hinsetze und diesen einen Text schreibe.
Wenn ich nur auf das Heute schaue, wird das Projekt plötzlich nicht mehr bedrohlich. Dann ist es überschaubar. Dann ist es nicht dieser Marathon, der mich erdrückt, sondern eine Aufgabe, die ich in die Hand nehmen kann. Und genau das ist Mut für mich: nicht die große Heldengeschichte, sondern die Entscheidung, mich nicht einschüchtern zu lassen, bevor ich überhaupt angefangen habe.
Mein Minimum für 2026: Jeden Tag ein Kalenderblatt
Ich habe mir für dieses Jahr etwas vorgenommen, das für mich mehr ist als ein „Projekt“. Ich will jeden Tag ein „Kalenderblatt“ für meinen Blog schreiben. Das ist mein Minimum. Das ist der kleine Anker, an dem ich mich festhalte, egal was sonst los ist. Und wenn darüber hinaus noch Zeit und Kraft da ist, dann will ich auch andere Dinge schreiben. Dinge, die mich bewegen, Dinge, die mir im Kopf rumgehen, Gedanken, die sich im Alltag festbeißen und nicht mehr loslassen.
Aber das Kalenderblatt soll stehen. Jeden Tag. Nicht, weil ich mir damit Druck machen will, sondern weil ich weiß, wie sehr mir so ein fester Rhythmus gut tun kann. Es ist wie ein tägliches Gespräch mit der Geschichte. Wie ein tägliches Öffnen eines Fensters. Ein kurzer Moment, in dem ich nicht nur konsumiere, nicht nur scrolle, nicht nur reagiere, sondern bewusst hinschaue und etwas daraus mache.
Und ja, ich habe mir dafür ein Jahr ausgesucht, das es in sich hat. Wir sind im Jahr 1933. Und jeder, der auch nur grob weiß, was das bedeutet, spürt sofort diese Schwere. 1933 ist nicht irgendein historisches Jahr. Es ist das Jahr der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Das Jahr, in dem aus politischen Krisen und gesellschaftlicher Verrohung Schritt für Schritt etwas wurde, das am Ende Millionen Menschen das Leben gekostet hat und eine ganze Nation moralisch und menschlich in den Abgrund geführt hat.
Ich will das verstehen. Nicht als Lehrbuchwissen. Nicht als „man weiß das halt“. Sondern so, wie man Dinge wirklich versteht: indem man nah dran ist. Indem man die damaligen Zeitungen liest, Tag für Tag, und sich fragt: Was haben die Menschen gesehen? Was haben sie geglaubt? Was haben sie verdrängt? Welche Sprache war normal? Welche Warnzeichen wurden lächerlich gemacht? Welche Grenzen wurden verschoben, erst ganz leise, dann immer lauter?
Ich habe diese Hoffnung, dass genau dieses tägliche Arbeiten mir hilft, tiefer zu begreifen, wie so etwas passieren konnte. Und ich weiß gleichzeitig: Das ist nicht nur ein Blick zurück. Das ist auch ein Blick nach vorn. Denn wenn ich aus Geschichte wirklich etwas lernen will, dann nicht, indem ich sie wie ein Museum besuche, sondern indem ich mich frage: Wo sind die Muster? Wo sind die Mechanismen? Wo beginnt es – ganz klein – und warum erkennen wir es so oft erst, wenn es schon zu spät ist?
Mut heißt: Den Sessel verlassen – bevor man bereit ist
Wenn ich ehrlich bin, ist es nicht die Arbeit an sich, die mir Angst macht. Schreiben kann ich. Ich liebe das sogar. Was mir Angst macht, ist dieses Gefühl von Verpflichtung. Dieses „Du musst jetzt jeden Tag liefern“. Und genau da merke ich, wie wichtig dieses Goethe-Zitat für mich ist. Weil es den Fokus dahin zieht, wo er hingehört: nicht auf das Ende, nicht auf die Last, nicht auf die perfekte Leistung. Sondern auf den Anfang.
Der Sessel ist bequem. Nicht nur körperlich. Der Sessel ist dieses innere „Warten, bis es sich richtig anfühlt“. Der Sessel ist der Ort, an dem man denkt, man müsse erst noch dies und das sortieren, erst noch besser planen, erst noch den perfekten Moment abpassen. Und dann sitzt man da. Wochenlang. Monate. Und wundert sich irgendwann, warum man nicht vorankommt.
Mut ist für mich gerade das Gegenteil davon. Mut ist, aufzustehen, obwohl man noch nicht bereit ist. Mut ist, den ersten Schritt zu tun, obwohl man noch nicht weiß, wie der Weg genau aussieht. Mut ist, sich selbst zu zeigen – mit dem, was man hat, nicht mit dem, was irgendwann mal perfekt sein könnte.
Und vielleicht ist das sogar der ehrlichste Start in so ein Jahr: nicht mit einem großen Knall, sondern mit einem kleinen, klaren „Heute“. Heute mache ich diesen einen Schritt. Heute schreibe ich dieses erste Kalenderblatt. Heute beginne ich. Und erst danach kommt der zweite Schritt. Und irgendwann, wenn man lange genug einfach nur weitergeht, steht man plötzlich an einem Ort, den man vom Sessel aus nie erreicht hätte.
Jetzt mal ganz direkt: Wo sitzt Du gerade noch in Deinem Sessel, obwohl Du längst spürst, dass Du aufstehen müsstest – und was wäre Dein erster Schritt heute? Schreib mir das bitte in die Kommentare, ich will das wirklich wissen.
Euer Schimon
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