Kalenderblatt

10.01.1933 – Neonlicht und Pflanzenleuchten, die Bauernnot der Niederlausitz und der Überlebenskampf der Binnenfischerei

Wenn ich heute im tiefsten Januar aus dem Fenster schaue und das fahle Grau sehe, kann ich nachempfinden, warum die Forscher vor fast hundert Jahren so besessen davon waren, das Sonnenlicht zu kopieren. Es ist faszinierend zu sehen, wie präzise sie bereits am 10. Januar 1933 die energetische Misere des Winters analysierten: In Deutschland liefert die Natur im Dezember gerade einmal ein Fünfundzwanzigstel der Lichtkraft des Junis. Während wir uns heute einfach eine LED-Leuchte kaufen, war der Weg dorthin ein technologischer Krimi. Die eigentliche Geschichte begann schon 1910, als der französische Erfinder Georges Claude die erste Neonlampe präsentierte. Ursprünglich war dieses „flüssige Feuer“ als reine Sensation für die nächtliche Lichtreklame der Großstädte gedacht – ein Nebenprodukt der Luftverflüssigung, das die Metropolen in ein magisches Rot tauchte. Doch in jenem Winter 1933 wagte man den Sprung von der glitzernden Fassade direkt in die Nutzanwendung. Die entscheidende Forschungsarbeit leistete die landwirtschaftliche Hochschule in Wageningen in den Niederlanden, die in einer engen Kooperation mit den Laboren des Weltkonzerns Philips stand. Die Forscher dort standen vor einem gewaltigen Problem: Frühere Versuche mit normalen Glühlampen waren kläglich gescheitert. Diese Lampen gaben so viel Infrarot-Wärme ab, dass die Pflanzen zwar wie wild in die Höhe schossen, aber völlig kraftlos und schlaff wurden – ein Effekt, als würde man versuchen, einen Marathon ohne jegliche Nahrung zu laufen. Man erkannte, dass für den Stoffwechsel vor allem das rote Spektrum des Lichts entscheidend ist. Hier schlug die Stunde des Neonlichts, das genau dieses „kalte“ rote Licht lieferte, ohne die zerstörerische Hitze zu erzeugen. Besonders spannend finde ich die technischen Hürden jener Zeit. Die frühen Neonröhren benötigten eine lebensgefährliche Hochspannung von mehreren tausend Volt – eine Kombination mit der Feuchtigkeit in einem Betrieb war wie ein riskantes Spiel mit dem Feuer. Erst kurz vor 1933 gelang der Durchbruch mit speziellen Niederspannungs-Neonröhren, die robust genug für den Alltag waren. In den Versuchsreihen wurden etwa Gurkenpflanzen unter extrem kontrollierten Bedingungen beobachtet. Die Ergebnisse waren eine Sensation: Die unter Neonlicht gezogenen Exemplare wuchsen nicht nur schneller, sondern blieben kräftig, blühten früher und trugen deutlich mehr Erträge von höchster Qualität. In Berlin trieb die Firma Rectron G.m.b.H. diese Vision voran, um die heimische Versorgung unabhängiger zu machen. Es war der Versuch, die Natur technologisch zu überlisten, und wenn ich heute sehe, wie wir mit hochpräzisen Pflanzenleuchten arbeiten, spüre ich, wie wichtig diese Innovationen für die Zukunft der Landwirtschaft waren.

Vielleicht wunderst Du Dich, warum ich immer von „rotem Licht“ schreibe, obwohl wir Neonröhren heute meistens in kalter, weißer Farbe kennen. Das liegt an der faszinierenden Physik hinter dem Glas: Echtes, reines Neongas leuchtet beim Anlegen einer elektrischen Spannung nämlich ausschließlich in einem warmen Rot-Orange-Spektrum. Es ist wie bei einem alten Kaminfeuer oder dem tiefen Rot eines Sonnenuntergangs – eine Farbe, die Wärme suggeriert, aber in diesem Fall fast keine Hitze abgibt. Die weißen oder bunten „Neonröhren“, die wir heute kennen, nutzen meist andere Gase wie Argon oder Quecksilberdampf und sind innen mit Leuchtstoffen beschichtet, um die Farbe zu verändern. Doch 1933, als man in den Philips-Laboratorien und an der Hochschule in Wageningen experimentierte, nutzte man die reine Kraft des Neons. Man nannte es damals ganz präzise „rein rote Farbe“.

Das Beben vor dem großen Sturm

Während in den Laboren das rote Licht der Zukunft leuchtete, gärte es draußen in der Gesellschaft wie in einem Kessel unter viel zu hohem Druck. Wenn ich die Zeilen über die „Notstandskundgebung der Niederlausitz“ lese, spüre ich das Zittern der Fundamente der Weimarer Republik. Der „Landbund“ rief für den 12. Januar 1933 zu einer massiven Protestveranstaltung in Cottbus auf. Die Menschen fühlten sich von der Politik vollkommen im Stich gelassen; sie sprachen offen von „Vernichtung“ und einem finanziellen Zusammenbruch, der sich wie eine unaufhaltsame Flutwelle für das kommende Frühjahr ankündigte. Es ist erschütternd zu sehen, wie die wirtschaftliche Not als Brandbeschleuniger für politische Radikalisierung diente. Die Forderungen waren drastisch: Man verlangte die Befreiung von Steuern, Abgaben und Zinsen, während man gleichzeitig die „überspitzten Ausgaben“ der Bürokratie anprangerte. Diese Menschen standen mit dem Rücken zur Wand, und in ihrer Verzweiflung griffen sie nach jedem Versprechen, das Ordnung und Rettung suggerierte. Nur wenige Wochen nach dieser Veröffentlichung sollte sich das politische Gefüge Deutschlands für immer verändern. Dieser Bericht ist wie eine Momentaufnahme eines Dammes, der bereits unzählige Risse hat und kurz davor ist, unter der Last der sozialen Spannungen komplett zu brechen. Es erinnert mich daran, wie wichtig es ist, die Sorgen derer ernst zu nehmen, die das Fundament unserer Versorgung bilden, bevor die Sprache der Vernunft in den Rufen nach radikalen Lösungen untergeht.

Der verzweifelte Kampf um das tägliche Brot

Nicht nur auf dem Land, auch am Wasser kämpften die Menschen damals ums nackte Überleben. Es bricht mir fast das Herz zu lesen, dass die Fischer ihren Fang teilweise vernichten mussten, weil die Preise so tief im Keller waren, dass nicht einmal die Transport- und Produktionskosten gedeckt werden konnten. Stell Dir vor, Du arbeitest den ganzen Tag hart, und am Ende ist das Ergebnis Deiner Mühe weniger wert als das Papier, auf dem die Abrechnung steht. In Pommern war die Lage so prekär, dass die Preise für Speisefische auf ein Drittel des Vorkriegsniveaus gefallen waren. In dieser Zeit herrschte eine bittere Ironie: Während die Menschen in den Städten hungerten und die staatliche „Winterhilfe“ Gutscheine für Seefisch ausgab, blieben die heimischen Süßwasserfische ungenutzt, weil sie im System der Unterstützung schlicht vergessen wurden. Die Binnenfischer fühlten sich benachteiligt und forderten lautstark ihre Einbeziehung in die Hilfsprogramme, um die Arbeitslosigkeit in ihrem Sektor zu bekämpfen. Sogar die Aalwirtschaft war von einem heftigen Konflikt um Zölle geprägt. Ein vorgeschlagener Zoll von zwanzig Reichsmark pro Doppelzentner drohte die Räuchereien in den Ruin zu treiben, da diese im Winter auf Importe angewiesen waren, wenn die heimischen Bestände im Schlamm ruhten. Diese alten Zeitungsseiten zeigen uns, dass die Sehnsucht nach Abschottung oft im Widerspruch zur harten Realität der gegenseitigen Abhängigkeit stand. Es ist ein mahnendes Beispiel dafür, dass einfache Lösungen für komplexe Probleme oft neue Wunden reißen, anstatt die alten zu heilen. Was denkst Du, wenn Du diese Berichte über die vernichteten Lebensmittel liest – fühlt sich das für Dich auch so aktuell an wie für mich? Schreib mir Deine Gedanken dazu gerne in die Kommentare, ich bin gespannt auf Deine Sichtweise.

Euer Schimon

Bild: Deutsche Tageszeitung – Dienstag, 10. Januar 1933 „Neon-Kleinleuchte für die Treibhausbestrahlung.“


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Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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