15.01.1933 – Die Schicksalswahl in Lippe, die Agonie des Kabinetts Schleicher und der Antisemitismus an den Universitäten
Es ist dieser schicksalshafte Sonntag, der 15. Januar 1933, an dem ich beim Lesen der Berliner Morgen Zeitung das Gefühl bekomme, in die Abgründe einer Gesellschaft zu blicken, die gerade ihren moralischen Kompass verliert. Die Schlagzeilen schreien uns förmlich entgegen, dass das Kabinett umgebildet werden soll , während im kleinen Lippe eine Wahl stattfindet, die ein Spiegel für die Zukunft des ganzen Landes ist. Es ist eine Zeit, in der politische Intrigen wie dunkle Schatten durch die Korridore der Macht schleichen und die Hoffnung auf Stabilität so zerbrechlich wirkt wie dünnes Glas in einem Wintersturm.
Das Orakel von Lippe und der Tanz auf dem Vulkan
Der heutige Tag steht ganz im Zeichen der Landtagswahl im kleinen Freistaat Lippe. In Berlin wird sie als das „Orakel von Lippe“ bezeichnet, weil alle Augen darauf gerichtet sind, ob die Nationalsozialisten nach ihrem Tiefpunkt im vergangenen November wieder an Boden gewinnen können. Externen Quellen zufolge wird die NSDAP an diesem Abend mit 39,5 % der Stimmen als stärkste Kraft hervorgehen – ein psychologisch verheerendes Signal, das Hitler den nötigen Schwung verleiht, um seinen absoluten Machtanspruch zu untermauern. Währenddessen versucht Reichskanzler von Schleicher verzweifelt, sein Kabinett durch die Einbeziehung von Kräften wie Gregor Strasser oder Vertretern des Zentrums auf eine breitere Basis zu stellen, um einen Konflikt mit dem Reichstag zu vermeiden. Doch die Fronten sind verhärtet: Eine Zusammenarbeit zwischen dem Deutschnationalen Hugenberg und dem Nationalsozialisten Strasser wird bereits als „Utopie“ abgetan. Es ist wie ein kompliziertes mechanisches Uhrwerk, bei dem die Zahnräder absichtlich blockiert werden, um das gesamte System zum Stillstand zu bringen und Platz für etwas Neues, Radikales zu schaffen.
Der Fall Professor Cohn: Ein Vorbote der Dunkelheit
Besonders erschütternd finde ich den Bericht über den „faulen Kompromiss“ an der Universität Breslau im Fall von Professor Ernst Cohn. Cohn, ein hochgeschätzter jüdischer Jurist, war zum Ziel heftiger antisemitischer Angriffe durch die nationalsozialistische Studentenschaft geworden. In der Zeitung lesen wir, dass er eine Erklärung abgeben musste, in der er sein Verhalten als „Fahrlässigkeit“ bezeichnete, weil er die Universitätsleitung nicht vorab über eine Befragung informiert hatte. Es zerreißt mir fast das Herz zu sehen, wie ein Wissenschaftler hier öffentlich gedemütigt wird, nur um den Pöbel auf den Straßen und in den Hörsälen zu beruhigen. Der Senat der Universität gab offen zu, den persönlichen Schutz für Cohn nicht mehr gewährleisten zu können, und stufte seine weitere Lehrtätigkeit als „untragbar“ ein. Die Zeitung stellt trocken fest, dass hier weder der Professor noch der Senat „Rückgrat bewiesen“ haben. Dieses Einknicken vor der Gewalt ist ein erschreckendes Vorzeichen für die systematische Vertreibung jüdischer Intelligenz, die nur wenig später das ganze Land wie ein giftiger Nebel einhüllen sollte.
Antisemitismus als gesellschaftliches Gift
Wenn wir uns die Situation der Juden im Januar 1933 ansehen, wird deutlich, dass Professor Cohn kein Einzelfall war. Der Antisemitismus war zu diesem Zeitpunkt kein Randphänomen mehr, sondern sickerte wie Säure in alle Schichten der Gesellschaft und insbesondere in die akademischen Kreise. An den Universitäten, die eigentlich Orte der Freiheit und Vernunft sein sollten, tobten bereits die „braunen Heerscharen“. Jüdische Bürger wurden zunehmend als Fremdkörper markiert, ihre wirtschaftliche Existenz wurde bedroht und ihre Würde täglich mit Füßen getreten. In der Zeitung ist die Rede von einer „Stimmung“, die durch taktische Manöver beeinflusst werden soll, doch dahinter verbirgt sich der nackte Hass. Es ist eine mahnende Erinnerung daran, wie schnell eine Zivilisation ihre Werte opfert, wenn Angst und Hetze den Ton angeben. Wenn ich mir das heute ansehe, frage ich mich: Wie hätten wir uns damals verhalten? Hätten wir den Mut gehabt, Professor Cohn beizustehen, oder wären wir auch in die „unangenehme Gewissheit“ der Gleichgültigkeit geflüchtet? Mich würde sehr interessieren, was Du glaubst, wie man in einer so aufgeheizten Atmosphäre heute die Zivilcourage bewahren kann – siehst Du Momente in Deinem Alltag, in denen Du das Gefühl hast, dass wir wieder mehr „Rückgrat“ zeigen müssten?
Euer Schimon
Entdecke mehr von Schimons Welt
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.


