• Kalenderblatt

    18.12.1932 – Ein leiser Tod in Schöneberg und das Ende einer Ära

    Es ist der vierte Advent, ein grauer und kalter Sonntag, der über Berlin liegt. In den Wohnzimmern brennen vier Kerzen, und der Duft von Tannennadeln mischt sich mit dem Geruch von Kohleöfen, die gegen den frostigen Winter ankämpfen. Doch während sich die Stadt auf das Weihnachtsfest vorbereitet, senkt sich in Schöneberg eine tiefe Stille über die Bozener Straße 18. Dort schließt an diesem Tag Eduard Bernstein für immer die Augen. Es ist ein Tod, der symbolischer kaum sein könnte, denn mit dem zweiundachtzigjährigen Vordenker der Sozialdemokratie stirbt in gewisser Weise das Gewissen der Republik, nur wenige Wochen bevor diese endgültig zerschlagen wird. Bernstein war der Mann, der an die Reform…

  • Schimon

    Vollgas im Garten: Wie eine Seifenkiste und ein alter Helm mir die Freiheit schenkten

    Wenn ich heute dieses alte, leicht verblasste Foto von mir betrachte, spüre ich sofort wieder dieses ganz spezielle Kribbeln im Bauch, das man nur als Kind hat. Da sitze ich nun, mitten im heimischen Garten, die Hände fest um das kleine Lenkrad geklammert, den Blick stur geradeaus gerichtet, als gäbe es nur mich und die imaginäre Rennstrecke. Das Herzstück dieses Bildes ist aber zweifellos meine Kopfbedeckung. Es ist ein alter, viel zu großer Feuerwehrhelm aus Blech, der fast meinen ganzen Kopf verschluckt. Ich erinnere mich noch genau, wie ich an diesen Schatz gekommen bin. Es war ein klassisches Tauschgeschäft unter Freunden auf der Straße, bei dem Matchbox-Autos oder Comichefte gegen…

  • Kalenderblatt

    17.12.1932 – Der brüchige Weihnachtsfrieden, ein Kampf gegen die Moderne und Jakobs Begegnung

    Es ist ein Samstag, der sich in Berlin und im ganzen Reich mit einer trügerischen Ruhe über die Dächer legt. Nur noch eine Woche bis Heiligabend, und die Menschen scheinen sich kollektiv danach zu sehnen, die zermürbende Politik für einen Moment aus ihren kalten Wohnstuben zu verbannen. Wenn ich heute durch die Straßen gehe, spüre ich diese seltsame Mischung aus Erschöpfung und einer leisen, fast naiven Hoffnung. Die Geschäfte sind gefüllt, denn es ist der Samstag vor dem Goldenen Sonntag, und wer noch ein wenig Geld beiseitelegen konnte, sucht nach Geschenken, um den Schein der Normalität zu wahren. Das Wetter passt zur gedrückten Stimmung, ein grauer Himmel hängt tief über…

  • Schimon

    Einsamkeit im Kopf: Wenn die eigene Innenwelt zur einsamen Insel wird

    Es ist ein seltsames Phänomen, mitten unter Menschen zu sein, Gespräche zu führen, zu lachen und sich dennoch vollkommen isoliert zu fühlen. Ich spreche hier nicht von der traurigen Einsamkeit, die entsteht, wenn man niemanden hat. Ich spreche von einer ganz anderen Art der Stille. Es ist das Gefühl, dass man zwar körperlich anwesend ist, aber der eigentliche Kern des eigenen Wesens, die Gedanken, die Träume und die Art, wie man die Welt sieht, unsichtbar bleiben. Ich persönlich habe mich noch nie im klassischen Sinne einsam gefühlt, und auch Langeweile ist mir fremd. Wie könnte mir auch langweilig sein, wenn in meinem Kopf ständig neue Welten entstehen, Pläne geschmiedet werden…

  • Kalenderblatt

    16.12.1932 – Zwischen Kaufhausglanz und dunklen Parolen

    Berlin zeigt sich an diesem Freitag von seiner spröden Seite. Es ist trocken, kein Regen fällt vom Himmel, doch die Kälte beißt umso gnadenloser. Das Thermometer klettert kaum über den Gefrierpunkt, maximal fünf Grad werden in Dahlem gemessen, und wer heute Morgen zur Arbeit eilte – oder zum Stempeln –, der zog den Mantel fest um sich. Die Luft ist klar, fast schneidend, passend zur politischen Schärfe, die an diesem 16. Dezember durch die Hauptstadt weht. Denn während die Berliner bibbern, hallt noch das Echo des Vorabends durch die Gassen und Wohnzimmer. Reichskanzler Kurt von Schleicher hat gestern Abend im Rundfunk gesprochen, und heute Morgen ist seine Rede das beherrschende…

  • Kulinarik

    Versteckte Schätze im Eis: Wie uns der Dezember kulinarisch verwöhnt

    Wenn ich dieser Tage morgens aus dem Fenster schaue und den dichten Nebel sehe, der schwer über den Feldern liegt, könnte man leicht glauben, die Natur hätte sich vollständig zurückgezogen. Es ist eine Zeit der Stille, in der die Welt den Atem anzuhalten scheint und wir uns instinktiv nach drinnen verziehen, auf der Suche nach Wärme und Geborgenheit. Doch dieser Schein der Ruhe trügt, denn gerade jetzt, in der tiefsten Kälte, hält unsere heimische Erde noch immer wundervolle Geschenke für uns bereit. Es berührt mich zutiefst, wenn ich über die Äcker streife und sehe, wie das Leben dem Frost trotzt. Es ist, als würde uns die Natur im Dezember lehren…

  • Kalenderblatt

    15.12.1932 – Kurt von Schleicher am Mikrofon: Die letzte Hoffnung vor dem Abgrund?

    Es ist Donnerstagabend und über Deutschland liegt ein nasskalter, trüber Dezembernebel, der tief in die Kleidung kriecht. In den schlecht beheizten Wohnungen der Millionen Arbeitslosen herrscht eine gedrückte Stimmung, typisch für diesen grauen Advent. Doch um Punkt 20:00 Uhr verstummen die Gespräche in den Wohnstuben und Kneipen. Die Menschen rücken näher an ihre Radiogeräte, an die klobigen Röhrenempfänger oder die billigen Detektoren, denn eine Stimme erklingt, die das Schicksal der Republik wenden will. Reichskanzler Kurt von Schleicher, der erst seit knapp zwei Wochen im Amt ist, tritt vor das Mikrofon. Es ist mehr als nur eine Regierungserklärung, es ist der verzweifelte Versuch eines Mannes, das Ruder herumzureißen. Der soziale General…

  • Israel

    Tödliche Illusionen und der Verrat der Presse: Warum wir den Nachrichten nicht mehr trauen können

    Es gehört mittlerweile zu meinen festen Ritualen, dem ehemaligen Sprecher der IDF, Arye Sharuz Shalicar, zuzuhören. Seine Stimme ist oft eine der wenigen, die Licht in das Dunkel bringt, das wir hier durch die gefilterten Nachrichten erhalten. Besonders seine letzte Ausgabe, aufgenommen am 12. Dezember 2025, hat mich tief bewegt und lange nachdenken lassen. Wir schreiben nun genau zwei Jahre und zwei Monate nach dem schrecklichen Massaker vom 7. Oktober, und während die Welt sich weitergedreht hat, tragen Zehntausende in Israel die Wunden dieser Zeit noch immer offen oder tief in ihrer Seele verborgen. Es ist mir ein Bedürfnis, die Punkte, die Arye angesprochen hat, heute mit euch zu teilen…

  • Kalenderblatt

    14.12.1932 – Ein General hofft, ein Diktator handelt

    Es ist ein grauer, nasskalter Mittwoch in Berlin. In den Schaufenstern am Kurfürstendamm glitzert die Weihnachtsdekoration, doch davor stehen Menschen mit hochgeschlagenen Kragen und leeren Taschen. Es sind nur noch zehn Tage bis Heiligabend – ein „Weihnachten der Armut“ steht bevor. Die Stadt hält den Atem an, erschöpft von einem Jahr voller Wahlen, Straßenschlachten und Notverordnungen. Wer heute in die Zeitungen blickt, könnte fast glauben, das Schlimmste sei überstanden. Aber der 14. Dezember ist ein Tag der optischen Täuschung. Der General, der sich zu sicher ist In der Reichskanzlei herrscht fast so etwas wie Optimismus. Reichskanzler Kurt von Schleicher, der „soziale General“, fühlt sich an diesem Morgen stark. Erst vor…

  • Judentum

    Wenn alles grau erscheint: Die wärmende Kraft eines kleinen Lichts

    Als ich heute Morgen aufstand, wirkte die Welt wie in Watte gepackt. Ein Blick aus dem Fenster offenbarte nur das endlose Grau des Morgennebels, das sich nahtlos an die bedrückenden Nachrichten der letzten Zeit reihte. Es war einer dieser Momente, in denen sich eine bleierne Schwere auf das Gemüt legt und die Stimmung droht, in den Keller zu rutschen. Das trübe Winterwetter und die Sorgen, die man sich um die Geschehnisse in der Welt macht, bilden eine Mischung, die einen schnell herunterziehen kann, wenn man nicht achtsam ist. Ein Leuchten gegen die Dunkelheit Doch was kann man tun, um sich in solchen Augenblicken nicht verlieren zu lassen und die Freude…