Kalenderblatt

29.12.1932 – Die braune Mordpest, der Aufschrei der Gelehrten und das schmutzige Tauwetter der Republik

Wenn Du an diesem Donnerstag, dem 29. Dezember 1932, Deine Wohnung verlässt, hörst Du als Erstes das unaufhörliche, fast schon aggressive Tropfen von den Dächern. Es ist ein Geräusch, das wie ein unheimlicher Countdown wirkt. Die weiße Pracht der Weihnachtstage ist in sich zusammengesunken und hat sich in einen tückischen, graubraunen Matsch verwandelt, der Dir die Schuhe durchweicht und die Straßen Berlins in eine schmierige Rutschbahn verwandelt. Dieses Tauwetter ist mehr als nur ein Wetterumschwung; es ist eine bittere Metapher für den Zustand unserer sterbenden Republik. Der Schnee, der die Not und den politischen Schmutz für ein paar Tage gnädig zugedeckt hat, schmilzt nun gnadenlos dahin und legt die hässliche Fratze einer Gesellschaft frei, die moralisch und wirtschaftlich vollkommen aus den Fugen gerät. Während die Hausfrauen in den hell erleuchteten Hallen von Karstadt oder im prunkvollen KaDeWe vielleicht noch einen Moment verzweifelt zögern, ob sie für den Silvesterabend wirklich einen Karpfen für 60 Pfennig das Pfund erstehen können, wird in der politischen Küche am Wilhelmplatz ein Gericht serviert, das uns allen schwer im Magen liegen muss. Die Regierung diskutiert mit einer fast schon erschreckenden Kälte über die neue Butterverordnung. Man will der Margarine zwangsweise Butter beimischen, nur um die Agrarpreise künstlich zu stützen. Für Dich mag das im ersten Moment wie eine ferne, bürokratische Lappalie klingen, aber für die Millionen Väter und Mütter in den Mietskasernen, für die Margarine oft das einzige Fett auf dem kargen Abendbrot ist, ist es ein existenzieller Schlag ins Gesicht. Man nimmt den Ärmsten buchstäblich die Nahrung weg, um eine Lobby zu bedienen, während das Volk im schlammigen Regen steht und hungert.

Die braune Mordpest und das Schweigen der S.A.

Das Thema, das an diesem Donnerstag jedoch die Gemüter am heftigsten erhitzt und für ein ungläubiges Raunen an jedem Zeitungsstand sorgt, ist die eskalierende S.A.-Mordaffäre. Es liest sich wie ein Schundroman, ist aber die blutige Realität eines Deutschlands, in dem das Recht des Stärkeren das Gesetz längst verdrängt hat. Der S.A.-Mann Hensch wurde ermordet aufgefunden, und heute verdichten sich die Hinweise, dass die Täter nicht im gegnerischen Lager, sondern mitten in den eigenen Reihen der Nationalsozialisten zu finden sind. Der Landtagsabgeordnete Dr. Bennecke steht unter dringendem Tatverdacht – ein gewählter Volksvertreter, der von „nationaler Erneuerung“ faselt und nun als mutmaßlicher Drahtzieher eines Fememordes auf der Flucht nach Italien ist. Die Zeitungen sprechen heute ganz offen von einer „braunen Mordpest“, die unser Land wie eine Seuche befallen hat. Wenn Du die Polizeimeldungen liest, tritt Dir eine Bilanz des Schreckens entgegen: Sprengstoffanschläge, Feuerüberfälle wie in Zehlendorf und die Entdeckung geheimer Bombenlager. Es herrscht ein Kleinkrieg mitten im Frieden, und die S.A. zeigt ihr wahres Gesicht, indem sie selbst vor den eigenen Leuten nicht mehr halt macht. Diese Brutalität hat System; sie soll einschüchtern und den Weg für eine Ordnung ebnen, in der das Individuum nichts mehr zählt. Es ist ein schleichendes Gift, das die moralische Ordnung unserer Städte zersetzt, während die Justiz oft machtlos oder auf einem Auge blind zuzusehen scheint.

Ein letztes Licht: Zwischen Chanukka-Glanz und akademischem Widerstand

Doch inmitten dieser Finsternis gibt es Momente, die mich tief bewegen und die uns zeigen, dass der Geist der Freiheit noch nicht gänzlich erloschen ist. In den Synagogen der Stadt, von der prachtvollen Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße bis zur Synagoge in der Fasanenstraße, wird morgen am Freitag das Ende von Chanukka gefeiert. Es ist ein Fest des Lichts und der Hoffnung, und wenn Du heute die Gottesdienstpläne liest, begegnen Dir Namen wie Dr. Leo Baeck oder Dr. Joachim Prinz. Sie predigen in einer Zeit, in der der „Nationalitätenwahn“ und der Rassenhass, vor dem Männer wie Reichsminister a. D. Gothein heute in der Presse eindringlich warnen, die Existenz von zehn Millionen Juden in Europa bedrohen. Es ist ein trotziges Festhalten an der Tradition am Rande des Abgrunds. Gleichzeitig formiert sich ein beeindruckender Protest der Vernunft: 700 Altakademiker haben sich beim Reichskommissar über die schändliche Maßregelung des jüdischen Professors Ernst Cohn in Breslau beschwert. Es ist ein verzweifeltes Aufbäumen gegen die politische Säuberung unserer Universitäten. Auch im Kulturleben spüren wir diese Zerreißprobe. Während Max Pallenberg im „Braven Soldaten Schwejk“ noch einmal die Absurdität des Krieges verlacht, setzt das Staatliche Schauspielhaus mit Lessings „Nathan der Weise“ ein fast schon schmerzhaftes Symbol für religiöse Toleranz. Es wirkt wie ein letztes Mahnmal der Aufklärung, bevor die Schatten endgültig länger werden. Selbst in den Todesanzeigen, etwa für Professor Dr. med. Bernhard Rawitz oder den Bankier Franz Liebermann, sehen wir das Bild eines hochangesehenen, tief integrierten jüdischen Bürgertums, dem draußen auf der Straße bereits das Deutschsein abgesprochen wird. Wir stehen an diesem 29. Dezember an einer gefährlichen Schwelle, an der das Licht der Kerzen gegen den heraufziehenden Sturm flackert. Wenn Du die Wahl hättest: Würdest Du morgen Abend in die Synagoge gehen, um das Ende von Chanukka zu feiern, oder würdest Du Dich in das Staatstheater setzen, um mit „Nathan“ noch einmal an die Menschlichkeit zu glauben, während draußen der Schlamm der Straße alles zu verschlucken droht? Schreib mir doch mal, welches Symbol der Hoffnung Dir in diesen dunklen Stunden mehr Kraft geben würde.

Euer Schimon


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Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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