Stark durchs Leben

Die Falle der Perfektion: Warum das „Bessere“ der Feind des Glücks ist

Es gibt Fragen, die mich immer wieder einholen, besonders wenn ich über unser menschliches Miteinander nachdenke. Eine davon ist die Frage nach dem Warum. Warum zerbrechen so viele Verbindungen, die doch mit so viel Hoffnung begonnen haben? In den Geschichten der Paare, die mir begegnen, zeigt sich oft, dass es nicht der eine große Knall ist, der alles zerstört. In den Lebenswegen der Menschen sehe ich vielmehr ein schleichendes Gift, ein langsames Verblassen der Nähe, dem wir oft zu lange tatenlos zusehen. Nachdem wir uns letztes Mal mit der „Hintertür“ beschäftigt haben, möchte ich heute über ein Phänomen sprechen, das unsere moderne Zeit wie kaum ein anderes prägt: die rastlose Suche nach dem Maximum.

In meinen Gesprächen treffe ich immer wieder auf Menschen, die eigentlich eine wunderbare Partnerschaft führen, aber innerlich nie zur Ruhe kommen. In der Psychologie nennen wir sie „Maximizer“. Für sie reicht ein „Gut“ nicht aus, es muss das absolute „Optimum“ sein. Durch die ständige Verfügbarkeit von Alternativen – befeuert durch soziale Medien und Dating-Apps – ist das fatale Gefühl entstanden, dass irgendwo da draußen jemand warten könnte, der noch besser passt, noch weniger anstrengend ist oder noch präziser unseren Idealvorstellungen entspricht. Es ist die Tyrannei der unbegrenzten Möglichkeiten: Wir vergleichen den echten, lebendigen Menschen an unserer Seite mit einer digitalen Illusion von Perfektion, die es in der Realität gar nicht gibt.

Wenn Liebe zur Optimierungsaufgabe wird

Diese Einstellung prägt eine Beziehung auf eine sehr schmerzhafte Weise, denn wer ständig vergleicht, lässt sich nie ganz ein. Die Partnerschaft fühlt sich dann nicht wie ein sicherer Hafen an, sondern eher wie ein befristeter Vertrag, der jederzeit gekündigt werden kann, sobald ein vermeintlich „besseres Angebot“ auftaucht. In meinen Begegnungen habe ich oft gesehen, wie unerträglich das für den Partner an der Seite eines Maximizers ist. Er spürt, dass er nicht um seiner selbst willen geliebt wird, sondern eine endlose Checkliste erfüllen muss. Er nimmt die subtile Unzufriedenheit wahr, das ständige Bewertet-Werden und die Kälte, die entsteht, wenn der Blick des anderen immer wieder über die Schulter nach draußen schweift. Wenn Liebe zur Optimierungsaufgabe wird, stirbt die Geborgenheit. Man lebt nicht mehr miteinander, man begutachtet sich gegenseitig.

Hinter diesem Verhalten steckt oft die tiefe Angst, im Leben etwas zu verpassen. Doch genau hier liegt die Ironie: Wer alle Optionen offen hält, verpasst das Wichtigste – die Tiefe. Wir haben verlernt, dass Zufriedenheit nicht daraus entsteht, die perfekte Wahl zu treffen, sondern daraus, eine Wahl zu treffen und diese dann mit Leben zu füllen. Wissenschaftliche Studien zeigen sogar, dass Menschen, die nach dem „Satisficing“-Prinzip leben – also zufrieden sind, wenn ihre wesentlichen Bedürfnisse erfüllt sind –, am Ende deutlich glücklicher sind als jene, die ihr Leben lang dem Maximum hinterherjagen.

Den Störsender ausschalten und im Hier und Jetzt ankommen

Doch wie kommt man aus dieser Falle wieder heraus, wenn man merkt, dass die eigene Ruhelosigkeit die Beziehung vergiftet? Der wichtigste Schritt ist die Erkenntnis, dass eine glückliche Beziehung kein Fundstück ist, sondern ein Bauwerk. Wir müssen den Fokus verschieben: Weg vom „Suchen des perfekten Partners“ hin zum „Gestalten einer tiefen Verbindung“. Das bedeutet konkret, die Vergleichskanäle bewusst zu schließen. Wenn das Smartphone zum Störsender für dein Herz wird, dann schaffe dir handyfreie Zonen. Entscheide dich aktiv für die Unvollkommenheit.

Um aus der Maximizer-Falle zu entkommen, hilft es, wieder das Prinzip der Genügsamkeit zu entdecken. Wahre Liebe wächst nicht an den Sonntagen, an denen alles perfekt ist, sondern an den Montagen, an denen wir uns trotz unserer Fehler und der anstrengenden Seiten des Alltags füreinander entscheiden. Fang an, die kleinen Dinge zu feiern, die dein Partner für dich tut, statt zu katalogisieren, was er nicht ist. Verbindlichkeit bedeutet, den Blick von der Masse abzuwenden und ihn ganz auf den einen Menschen zu richten, der bereits da ist. Erst wenn wir aufhören zu suchen, fangen wir an, wirklich zu finden.

Was denkt ihr darüber? Habt ihr euch auch schon mal dabei ertappt, wie ihr eure Beziehung mit einer unerreichbaren Idealvorstellung vergleicht? Oder fühlt ihr euch vielleicht wie der Partner, der ständig unter Beobachtung steht? Schreibt mir eure Gedanken dazu gerne in die Kommentare – ich freue mich auf den Austausch mit euch.

Euer Schimon


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Peter Winkler ist Aquaponiker, Coach und Blogger. Sein theologisches Studium war die Basis für eine langjährige Tätigkeit in der sozialen Arbeit. Seit 2012 beschäftigt er sich mit der Aquaponik. Durch seine Expertise entstanden mehrere Produktionsanlagen im In.- und Ausland. Mit dem Blog "Schimons Welt" möchte er die Themen teilen, die ihn bewegen und damit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten.

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