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Episode 14: Der Moment der Entscheidung
Der Schnee war brüchig geworden, feucht und schwer. Er zog sich in schmutzigen Flecken zurück, als wollte er die Spuren der letzten Wochen freilegen. Die Luft roch nach modrigem Holz und tauendem Boden. Schimon stand bewegungslos am Rande einer kleinen Lichtung. Vor ihm: ein Hügel, unauffällig, bedeckt mit Fichtenzweigen, Tannennadeln und morschem Geäst. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass sich darunter Leben verbarg. Doch Schimon wusste es besser. Unter dieser Tarnung kauerten acht Menschen, zusammengepfercht in einem Erdloch, das sie in mühsamer Arbeit mit bloßen Händen und alten Werkzeugen gegraben hatten. Baumstämme bildeten das Dach, darauf Erde, darauf Zweige. Darunter Dunkelheit, Enge und Angst. Ein leises Murmeln drang aus…
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Episode 13: Die Stille trügt – Russen auf dem Weg zum Versteck
Schimon wollte Antworten finden. Er wollte wissen, ob er das Kästchen, also die Zeitreisen, mental beeinflussen konnte. War es möglich, den Ort, die Zeit und die Rückkehr zu bestimmen? Diese Ungewissheit nagte an ihm. Er trank noch einmal einen kräftigen Schluck aus seiner Kaffeetasse und begann, sich zu konzentrieren. Er wollte wissen, wie es mit seiner Familie im Wald weiterging. Seine letzte Reise hatte ihn zu jener kalten Waldarbeiterhütte geführt, wo Herr Lontke, Emilie und die Kinder sich notdürftig eingerichtet hatten. Die Kälte, das Knistern des Ofens, die Angst – all das lag noch spürbar in seinem Inneren. Doch er wusste: Das war nicht das Ende ihrer Flucht gewesen. Irgendetwas…
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Episode12: Gefangen in der Vergangenheit – Die Grenze des Erträglichen
Schimon saß in der düsteren Waldarbeiterhütte, die Knie angezogen, die Arme fest um sich geschlungen. Die Kälte war ein gnadenloser Feind, der sich durch jede Faser seines Körpers fraß. Der Hunger war eine unerträgliche Qual, ein dumpfer Schmerz tief in seinem Magen, der ihn kaum klar denken ließ. Ihm wurde bewusst, wie lange er schon hier war. Noch nie hatte eine Zeitreise so lange gedauert. Draußen, irgendwo in der Ferne, rollte der Krieg über das Land. Das donnernde Grollen der Front war unaufhörlich, ein dumpfer Puls, der sich durch den Boden bis in seine Knochen fraß. Es war ein Klang, der nie endete, der sich in seine Gedanken brannte, bis…
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Episode 11: Gefangen in der Vergangenheit – Schimon im Schatten des Krieges
Schimon stand noch einen Moment in der klirrenden Kälte, bevor er sich langsam von Josef entfernte. Der Schnee knirschte unter seinen Schuhen, während er zur Waldarbeiterhütte zurückkehrte. Josef blieb zurück, kniete mit gesenktem Haupt im Schnee und betete leise weiter. Schimon warf einen letzten, nachdenklichen Blick auf ihn, dann wandte er sich endgültig ab. Als er die Hütte betrat, umfing ihn sofort die behagliche Wärme des Ofens. Der Raum lag in einem schummrigen Licht, das von den glimmenden Holzscheiten ausging. Die Luft war schwer vom Geruch verbrannten Holzes und feuchter Kleidung. Die meisten Männer lagen zusammengerollt auf dem Boden oder auf den spärlichen Bänken entlang der Wände. Einige dösten, andere…
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Episode 10: Verlorene Hoffnung im eisigen Wald
Schimon stand einige Meter entfernt von der halb geöffneten Tür der Waldarbeiter-Hütte. Die eisige Luft brannte in seinen Lungen, und seine Füße versanken knirschend im hohen Schnee. Ein frostiger Windstoß trieb feine Schneekristalle über den hartgefrorenen Boden und ließ sie in der Dunkelheit glitzern. Die karge Winterlandschaft wirkte bedrohlich still, nur das entfernte Knacken vereister Äste unterbrach die gespenstische Stille. In der Hütte flackerte ein schwaches Licht, das sich kaum gegen die Finsternis behaupten konnte. Er spähte durch die Lücke der Tür und ließ seinen Blick in die spärlich beleuchtete Hütte gleiten. Da er aus seinen bisherigen Zeitreisen wusste, dass man ihn nicht sehen konnte, trat er vorsichtig näher an…
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Episode 9: Gesang im eisigen Dunkel – Eine Nacht zwischen Leben und Tod
Schimon wachte um 4:45 Uhr auf. Seine normale Zeit zum Aufstehen. Doch heute war es anders. Er war sofort wach, sein Herz raste, als würde es gegen seine Brust hämmern. Sein erster Gedanke galt dem Kästchen. Die Stille der Nacht umgab ihn, doch in seinem Kopf herrschte ein Sturm aus Neugier und Unruhe. Er konnte nicht mehr schlafen. Das Kästchen. Es ließ ihn nicht los. Am Abend hatte er es wieder in den Schrank gestellt, doch seine Gedanken kreisten unaufhörlich um diese Möglichkeit, seine Familiengeschichte intensiver zu entdecken. Leise schob er die Decke beiseite und setzte sich auf. Das Zimmer war still, nur das leise Ticken der Wanduhr war zu…
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Episode 6: Schimon kann es nicht glauben – Das Dokument, das seine Zeitreise bestätigt!
Schimon kam nach seinem Spaziergang nach Hause, noch immer gefangen in den Eindrücken seiner Zeitreise. Die frische Abendluft hatte seine Gedanken geordnet, und jetzt wusste er: Er musste tiefer in die Vergangenheit eintauchen. Der Koffer war der Schlüssel – der Zugang zu einer Geschichte, die es zu verstehen galt. Dany war noch nicht zurück. Vermutlich war sie länger als geplant bei Rosalie geblieben. Die unerwartete Ruhe kam ihm gelegen. Ohne Ablenkung konnte er sich voll und ganz den Unterlagen widmen. Er zog seine Jacke aus, stellte ein Glas Wasser auf den Tisch und öffnete erneut den schweren Aluminiumkoffer. Der vertraute Geruch von altem Papier stieg ihm in die Nase. Bedächtig…
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Episode 3: Das Rätsel um das Kästchen
Mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Neugier begann Schimon, die ersten Dokumente aus dem Koffer herauszunehmen. Sein Blick fiel auf ein altes Couvert, das leicht vergilbt war. Vorsichtig zog er ein Schriftstück heraus. Die Buchstaben, sorgsam mit einer Schreibmaschine getippt, wirkten wie ein Echo aus einer anderen Zeit. Er legte das Dokument behutsam auf den Schreibtisch – ein Lebenslauf, fein säuberlich aufgesetzt. Daran befestigt mit einer Büroklammer ein Brief an das Landratsamt. Schimon überflog die Zeilen. Es war ein Antrag auf Wiedergutmachung, in dem sein Großvater schrieb, wie er durch die Nationalsozialisten alles verloren hatte. „Ich wurde verfolgt, meiner Firma beraubt und meines Hauses enthoben“, las Schimon leise vor. Die…
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Episode 2: Der erste Blick in die Vergangenheit
Ein schrilles Klingeln durchbrach die morgendliche Stille. Schimon fuhr hoch, sein Herz hämmerte unruhig in seiner Brust. Der Wecker, der für gewöhnlich nur selten zum Einsatz kam, hatte ihn heute aus einem unruhigen Schlaf gerissen. Normalerweise war er ein Frühaufsteher, jemand, der die Stille des frühen Morgens schätzte. Doch in der vergangenen Nacht hatte ihn eine seltsame Unruhe wachgehalten – ein unbestimmtes Gefühl, das tief in ihm zu lodern schien. Die Müdigkeit lag schwer auf ihm, als er sich aus dem Bett schälte und in die Küche schlurfte. Das Summen der Kaffeemaschine begleitete ihn, während der Duft frisch gemahlener Bohnen den Raum erfüllte. Mit der dampfenden Tasse in der Hand…
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Episode 1: Der Alukoffer – Ein Erbe voller Geheimnisse
Es war eine jener stillen, endlosen Nächte, in denen Gedanken schwerer wiegen als Schlaf. Schimon saß an seinem Schreibtisch, das warme Licht der Lampe zeichnete weiche Schatten an die Wände. Der Laptop vor ihm summte leise, ein beständiger Klang, der die Stille des Hauses nur noch unterstrich. Auf dem Bildschirm flackerten Bilder seiner Familie, Momentaufnahmen aus längst vergangenen Zeiten. Lachende Gesichter, Ausflüge an den Ebnisee, Geburtstagsfeiern – jedes Bild ein Fragment einer Geschichte, die es wert war, bewahrt zu werden. Die Uhr an der Wand zeigte bereits halb eins. Schimon wusste, dass er ins Bett gehen sollte. Der morgige Tag versprach geschäftig zu werden, und sein Körper brauchte mindestens sechs…