27.12.1932 – Schlamm im Wedding, Träume auf hoher See und die kalte Arithmetik des Überlebens
Wenn ich heute in meinem Arbeitszimmer die digitalisierten Archivseiten der Berliner Morgen-Zeitung und der Deutschen Tageszeitung durchgehe, dann spüre ich die feuchte Kälte dieses Dienstags fast körperlich. Es ist der 27. Dezember 1932, der erste Werktag nach dem Weihnachtsfest, und die Welt scheint entschlossen, jede festliche Milde mit einem Schlag wegzuwischen. Während ich die Berichte lese, sehe ich das Berlin jenes Tages vor mir: Es ist kein Winterwunderland mehr, sondern eine Stadt im massiven Tauwetter. Bei acht Grad Wärme schmilzt der Schnee zu einem schmutzigen, grauen Brei, der die Stiefel der Menschen durchnässt und die Rinnsteine verstopft. In Schlesien klettern die Temperaturen sogar auf zwölf Grad. Die Zeitungen schreiben von enttäuschten Urlaubern, die ihre Skier frustriert in die Ecke stellen und in den Matsch starren. Es ist ein Wetter, das die politische Stimmung jener Tage perfekt widerspiegelt. Die weiße Decke, die vielleicht für zwei Tage das Elend und den Hass verdeckt hatte, ist fortgespült. Was darunter zum Vorschein kommt, ist die nackte, ungeschönte Realität einer Republik am Abgrund, in der die Gewalt keine Feiertage kennt und das Überleben zur bloßen „Normalität“ geworden ist.
Die blutige Enge der Hinterhöfe und die Arroganz der Macht
Stell Dir vor, Du lebst in der Lindower Straße im Wedding, mitten im sogenannten roten Block, einer Hochburg der Kommunisten. Es ist Dienstagmorgen, und der Frieden der Weihnachtstage endet nicht mit einem sanften Übergang, sondern mit dem Geschrei und Klirren von Messern, sowie dem Echo von Schüssen. Ein einzelner SA-Mann des Sturms 11, der ausgerechnet in diesem Haus wohnt, wird zum Funken am Pulverfass. Es braucht an diesem Tag keine Flugblätter oder langen Reden, allein seine Anwesenheit reicht aus. Ich lese von einem Wortwechsel, der binnen Sekunden in eine wilde Straßenschlacht umschlägt. Die Polizei muss die gesamte Straße absperren, das Überfallkommando rückt an, während aus den Fenstern Hetzrufe gellen. Ein unbeteiligter Feuerwerker wird in diesem Chaos schwer verletzt, ein Opfer eines Krieges, der längst im Treppenhaus Einzug gehalten hat. Während im Wedding das Blut in den Schneematsch tropft, sitzen zur gleichen Zeit die Herren des Deutschnationalen Parteivorstands in ihren warmen Sitzungssälen. Sie verabschieden ein Aufbauprogramm, das wie ein Hohn auf die Not der Menschen wirkt. Sie reden von der Rettung der Landwirtschaft und des heimischen Bodens, während sie gleichzeitig fordern, Butter zwangsweise in die Margarine zu mischen. Für Dich mag das heute nach einer technischen Detailfrage klingen, aber für die Familien im Wedding bedeutete es eine Katastrophe. Margarine war das Fett der Armen, und diese Entscheidung machte ihr tägliches Brot noch teurer, nur um die Großagrarier zu schützen. Es ist diese soziale Kälte der alten Eliten, die den Extremisten den Boden bereitete.
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Die Flucht in die Wolken und der Hunger am Küchentisch
Wenn der Alltag zu grau und die Gewalt zu real wurde, suchten die Berliner Rettung in den Lichtspielhäusern, und an diesem Dienstag gab es keinen größeren Fluchtweg als den Ufa-Palast am Zoo. Dort läuft der monumentale Tonfilm F.P.1 antwortet nicht. Ich stelle mir vor, wie Du in dem dunklen Saal sitzt, den Geruch von nassem Wollstoff in der Nase, und Hans Albers zuschaust, wie er von einer gigantischen Flugzeuginsel mitten im Ozean träumt. Sein Lied Flieger, grüß mir die Sonne ist der Soundtrack dieses Tages, eine Hymne der Schwerelosigkeit, die einen für zwei Stunden vergessen lässt, dass draußen der Matsch regiert. Doch nach dem Abspann wartet die harte Landung. Das steuerfreie Existenzminimum liegt an diesem 27. Dezember bei gerade einmal sechzig Reichsmark im Monat. Davon musst Du Miete, Heizung und Essen bezahlen. Butter ist für die meisten ein unerreichbares Luxusgut geworden, und die Markthallen melden ein schleppendes Geschäft, weil die Kaufkraft einfach fehlt. Wie verzweifelt die Lage wirklich war, erkenne ich an den kleinen Polizeimeldungen am Rand. Menschen wurden verhaftet, weil sie während der Feiertage Gänse, Hühner oder Wurstwaren gestohlen haben. Es waren keine Profiverbrecher, es waren Väter und Mütter, die ihren Kindern einmal im Jahr das Gefühl von Sattsein schenken wollten. Während Albers im Kino über den Wolken schwebt, kämpfen die Menschen am Boden um eine dünne Suppe, die mit billigem Kunstfett gestreckt ist.
Das unsichtbare Schicksal und die Masken der Kultur
Was mich bei der Durchsicht dieser alten Zeitungen am tiefsten erschüttert, ist das Schweigen zwischen den Zeilen. Da ist der Bericht über den Mord an der dreizehnjährigen Herta Israel im Wiener Wald. Die Berliner Blätter drucken die Details dieses Verbrechens ab, sie beschreiben die Grausamkeit des Täters Friedrich Matzner und nennen es einen Lustmord. Doch der Name Herta Israel wird in der bürgerlichen Presse wie eine rein kriminalistische Randnotiz behandelt. Niemand stellt die Frage, was dieser Name in einer Zeit bedeutet, in der die Rassenforschung der NSDAP bereits in den Zeitungen diskutiert wird und Mitglieder wegen jüdischer Vorfahren ausgestoßen werden. Es herrscht eine trügerische Normalität.
In der Ausgabe der Deutschen Tageszeitung vom 28. Dezember 1932 wird dieses Ereignis als „Mädchen-Drama im Wiener Wald“ beschrieben. Der 22-jährige Student Friedrich Matzsch tötete die erst 13-jährige Herta Israel und stellte sich anschließend der Wiener Polizei, wobei er „pathologische Liebe“ als Grund angab. Dem Bericht zufolge verletzte er das Mädchen zunächst mit einem Schuss, kehrte dann zum Tatort zurück und tötete sein Opfer durch zwei weitere Schüsse.
Auf der einen Seite feiert man den großen jüdischen Schauspieler Max Pallenberg auf der Bühne oder diskutiert über die Theaterdirektion der Gebrüder Rotter, als wären sie unantastbare Säulen der deutschen Kultur. Auf der anderen Seite ist die Isolation der jüdischen Gemeinschaft in den Zeitungen bereits spürbar. Man konsumiert die Texte der jüdische Brillanz, während man gleichzeitig zusieht, wie das soziale Fundament unter ihren Füßen weggerissen wird. Es ist ein Dienstag der Widersprüche: Man träumt von technischem Fortschritt auf hoher See, während man die Margarine der Armen besteuert und die Gewalt im Wedding als gottgegeben hinnimmt. Wenn Du heute auf diesen schlammigen Tag im Jahr 1932 blickst, an dem die Hoffnung so dünn war wie das Eis auf den Pfützen, fragst Du Dich dann auch, ob wir heute die Warnsignale in den kleinen Randnotizen unserer Zeit rechtzeitig verstehen würden?
Euer Schimon
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