
Amnesty International im Fokus: Menschenrechte nur für Gaza?
Es war Freitagabend, der Beginn des Schabbat. Alles war vorbereitet, wir wollten gerade die Kerzen zünden. In dieser besonderen Stimmung griff ich noch einmal zu meinem Handy, öffnete meinen Mailaccount und war neugierig, wer kurz vor dem Schabbat noch schreibt. Vielleicht ein „Schabbat Schalom“ von Freunden oder Bekannten? Und dann – diese Mail von Amnesty International. Unterzeichnet war sie von Herrn Christian Mihr, dem stellvertretenden Generalsekretär von Amnesty Deutschland. Der Betreff: „Peter, deine Unterstützung macht die Gaza-Großkundgebung möglich!“
Mein erster Gedanke war: Vielleicht ist es endlich ein Aufruf, der das ganze Bild zeigt. Vielleicht fordert Amnesty die Hamas auf, die Geiseln freizulassen. Vielleicht setzen sie sich für einen Waffenstillstand auf beiden Seiten ein, damit endlich Frieden einkehren kann. Doch je genauer ich die Mail las, desto größer wurde meine Enttäuschung – und schließlich meine Wut.
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Denn diese Mail war ein klarer Aufruf zu einer bundesweiten Großkundgebung, die am 27. September 2025 von 17 bis 21 Uhr vor dem Bundestag in Berlin stattfinden soll. Unter dem Titel „All Eyes on Gaza – stoppt den Genozid!“ sollen Zehntausende Menschen zusammenkommen. Es ist nicht irgendeine Kundgebung: Amnesty International ruft gemeinsam mit der Palästinensischen Gemeinde Deutschland, medico international und eye4palestine dazu auf, unter freiem Himmel ein politisches Konzert mit Künstlern wie K.I.Z., Pashanim und Ebow zu veranstalten. Finanziert werden soll das Ganze durch Spenden – für Bühne, Sound, Licht und Werbung, damit, so wörtlich, „unsere Botschaft kracht“.
Doch worin besteht diese Botschaft? Amnesty schreibt: „In Gaza sterben täglich Zivilistinnen – Familien, Kinder, ganze Nachbarschaften – durch die völkerrechtswidrige Kriegsführung der israelischen Armee. Hungernde Menschen suchen Hilfe, finden aber nur Gewalt. Amnesty International und internationale Expertinnen sprechen von einem Genozid, der Internationale Gerichtshof untersucht Israels Kriegsführung als möglichen Verstoß gegen die UN-Völkermordkonvention.“ Das ist Täter-Opfer-Umkehr in ihrer klarsten Form: Israel wird als Völkermörder gebrandmarkt, während die Hamas als Aggressor mit keinem einzigen klaren Wort genannt wird.
Kein Wort zu den Geiseln, kein Wort zu den Verbrechen der Hamas, kein Wort zu den systematisch eingesetzten Terrorstrategien. Stattdessen die altbekannten Schlagworte: Israel als Aggressor, Israel als Genozid-Täter.
Mir kam sofort ein anderes Bild in den Kopf. Anfang August hatte ich den Bericht gelesen über das Propagandavideo der Hamas, in dem der 24-jährige Evjatar David gezeigt wird. Bis auf die Knochen abgemagert, in einem engen Tunnel gefangen, gezwungen, sein eigenes Grab zu schaufeln. Vor laufender Kamera. Tagelang bekam er kaum etwas zu essen, Bohnen, Linsen, manchmal gar nichts. Dieses Video war grausam, verstörend, entwürdigend. Es war das blanke Gesicht des Terrors. Und Amnesty? Schweigen.
Gleichzeitig demonstrierten in Israel Zehntausende für die Freilassung der Geiseln. Familien flehten um Hilfe, die Angehörigen riefen die Weltgemeinschaft an. 666 Tage Gefangenschaft – und doch schaffte es dieser Schrei kaum in die Texte von Amnesty. Stattdessen rufen sie in Deutschland zu einer Großkundgebung auf, bei der Israel als Völkermörder gebrandmarkt wird.
Herr Christian Mihr, beantworten Sie mir bitte folgende Fragen: Warum finde ich in Ihrer Mail kein einziges klares Wort zu den Geiseln in Gaza? Warum verschweigen Sie die Grausamkeiten der Hamas, die Menschen als „lebende Hungerexperimente“ missbraucht? Warum ergreifen Sie Partei, anstatt die universellen Menschenrechte einzufordern, für die Amnesty einmal stand? Wenn Sie wirklich für Menschenrechte stehen – gilt das dann nicht auch für israelische Opfer?
Es geht mir nicht darum, das Leid in Gaza zu leugnen. Jeder tote Zivilist ist einer zu viel, jedes hungernde Kind eine Katastrophe. Aber Menschenrechte verlieren ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie selektiv angewendet werden. Amnesty hätte die Chance gehabt, das ganze Bild zu zeichnen: die Not in Gaza, das Leid der israelischen Geiseln, die Verantwortung der Hamas und die schwierige Lage Israels. Doch stattdessen wurde eine einseitige Anklage verschickt, die die Wahrheit verzerrt.
Ich empfinde es als Verrat am eigenen Anspruch, wenn eine Organisation, die für Menschenrechte steht, das Schicksal von Entführten und Gefolterten ausblendet. Gerade in Zeiten, in denen Hass und Propaganda die Oberhand zu gewinnen drohen, wäre es Aufgabe von Amnesty, die Augen nicht nur auf Gaza zu richten, sondern auf alle Opfer. Auf alle.
